Ungarn Denkmal des jüdischen Dichters Radnoti zerstört

Er war einer der wichtigsten Lyriker Ungarns und Opfer des Holocaust: Miklos Radnoti. Unbekannte haben jetzt sein Denkmal zerstört. Sie brachten es mit einem Auto zum Einsturz.


Budapest - Am Rand der westungarischen Stadt Györ haben unbekannte Täter das Denkmal des jüdischen Schriftstellers Miklos Radnoti dem Erdboden gleich gemacht. Die Täter rammten die Statue mit einem Fahrzeug. Daraufhin stürzte sie um und zerbrach in mehrere Teile. Das berichtete die in Györ erscheinende Tageszeitung "Kisalföld" am Montag.

Die Polizei fand den Wagen, einen schwarzen Mercedes, mehrere Kilometer entfernt in einem Straßengraben. Die Tat dürfte einen rechtsextremistischen beziehungsweise antisemitischen Hintergrund haben.

Das Denkmal stand an der Stelle, an der Radnoti am 9. November 1944 bei einem Todesmarsch zusammen mit anderen jüdischen Gefangenen erschossen worden war. Er wurde nur 35 Jahre alt. Zuvor war der Lyriker Zwangsarbeiter in den Bergwerken von Bor im von Deutschland besetzten Serbien gewesen. Angehörige einer ungarischen Nazi-Miliz töteten Radnoti und die anderen, weil sie den Strapazen des Gewaltmarsches nicht mehr gewachsen waren.

Radnoti gilt als eine der wichtigsten Lyriker der ungarischen Moderne. Auf Deutsch erschienen von ihm die Bände "Gewaltmarsch" (1979), "Monat der Zwillinge" (1993) und "Offenen Haars fliegt der Frühling" (1993). Er übersetzte auch aus dem Französischen.

Die Tat ereignete sich nur wenige Monate vor Beginn des Gedenkjahres, das die ungarische Regierung für 2014 plant: Anlässlich des Holocausts an den ungarischen Juden, der 70 Jahre zurückliegt, will die Regierung unter Viktor Orbán 2014 an die Verbrechen erinnern. Zusammen mit den jüdischen Gemeinden und unter Beteiligung Israels will sie landesweit Gedenkfeiern veranstalten, Synagogen renovieren lassen und in öffentlichen Einrichtungen die Erinnerungskultur fördern.

Das sind unerwartete Töne in Budapest. Denn die Orbán-Regierung steht im Ruf, die profaschistische Vergangenheit Ungarns zu verharmlosen, mit Rechtsaußen-Wählern zu liebäugeln und sich nicht klar genug von Antisemitismus abzugrenzen. Von diesem Image möchte sie offenbar endlich loskommen.

ler/dpa



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