Ungarn Die tretende Kamerafrau und ihr hetzender Sender

Eine ungarische Kamerafrau wurde dabei gefilmt, wie sie Flüchtlinge attackiert. Wie glaubwürdig ist jetzt ihre Entlassung? Ihr erzkonservativer Sender fiel immer wieder durch rassistische Hetze auf.


Ein Vater, der seinen kleinen Sohn im Arm hält, reißt sich von einem Polizisten los und flieht. Da stellt die Kamerafrau Petra L. ihm ein Bein. Der Vater fällt mit voller Wucht hin - auf sein Kind. Später tritt Petra L. einen Jugendlichen und ein kleines Mädchen, die einen Polizeikordon durchbrechen.

Röszke heißt der Ort an der ungarisch-serbischen Grenze, wo sich diese Szenen am Dienstagnachmittag ereigneten. Der Ort ist derzeit das Zentrum im ungarischen Flüchtlingschaos: Hier kommen täglich mehr als zweitausend Migranten zu Fuß über die Grenze, Tendenz steigend. Auf einem Acker in Sichtweite des Dorfes warten sie nächtelang auf ihren Weitertransport in ein Erstaufnahmelager. Nur Freiwillige organisieren die Versorgung mit Lebensmitteln, Getränken, Decken und Zelten. Der Staat hingegen ist mit Einsatzpolizei präsent - um die Flüchtlinge daran zu hindern, auf eigene Faust weiterzuziehen. Immer wieder kommt es wegen des zermürbenden Wartens in der Herbstkälte zu Tumulten und Fluchtversuchen.

Dann das: eine Kamerafrau, die flüchtende Flüchtlinge tritt. In sozialen Medien führten die Szenen, gefilmt von einem RTL-Kameramann und vom ungarischen Nachrichtenportal index.hu, zu großer Empörung. Schnell stellte sich heraus, dass Petra L. für das Internet-TV Nemzeti 1 ("Das nationale Erste") arbeitete, das der rechtsextremen Partei Jobbik nahesteht. Der Sender reagierte prompt: Bereits am Nachmittag entließ der N1-Chefredakteur Szabolcs Kisberk die Kamerafrau mit sofortiger Wirkung. "Sie hat sich absolut inakzeptabel verhalten, und wir werden sie deshalb nicht weiterbeschäftigen", sagte Kisberk gegenüber SPIEGEL ONLINE. Petra L. war für SPIEGEL ONLINE nicht zu erreichen.

Doch wie glaubwürdig ist der Rauswurf der Kamerafrau? N1 fiel in der Vergangenheit vor allem durch rassistische Hetze gegen Roma, durch antisemitisch gefärbte Berichterstattung und durch eine Verharmlosung der nationalsozialistischen Verbrechen auf. Am 20. April 2011 beispielsweise wurde des "Führers" Geburtstag so gewürdigt: "Im Jahre 1933 erzielte Hitlers Partei bei demokratischen Wahlen einen Erdrutschsieg. Binnen kürzester Zeit brachte Hitler das zerstörte, verelendete Deutschland wieder auf die Beine. Als Konsequenz des Zweiten Weltkrieges verursachten die angelsächsischen und bolschewistischen Kräfte den Sturz des deutschen Volkes und ihres Führers. Seit damals ist der wohl bekannteste Politiker der Weltgeschichte das vorrangige Ziel einer politischen Hexenjagd der Siegergroßmächte."

Das Video ist inzwischen im Internet nicht mehr verfügbar - Szabolcs Kisberk ließ es aus dem Online-Archiv löschen, als er Anfang Mai Chefredakteur des Senders wurde. Auch insgesamt hat der Sender eine kleine Wende vollzogen. Zwar ist noch immer von "Zigeunerkriminalität" die Rede. Roma werden noch immer ausschließlich negativ präsentiert - als Ruhestörer, Schläger, Diebe und Menschenschmuggler. Auch Flüchtlinge gelten weiterhin als Übel, das Ungarn bedroht.

Anderseits kommen in den Nachrichten inzwischen regelmäßig Politiker demokratischer Oppositionsparteien zu Wort, und in Talkshows dürfen gar Vertreter linksliberaler Organisationen auftreten. Letzteres ist in den Staatsmedien, die dem Regierungschef Viktor Orbán treu ergeben sind, ein Ding der Unmöglichkeit.

Jobbik verzichtet inzwischen auf offenen Rassismus

Voraus ging der Wende bei N1 eine Wende bei der rechtsextremen Partei Jobbik. Deren Vorsitzender Gábor Vona läutete sie vergangenes Jahr ein - er möchte seine Partei aus der Schmuddelecke des Rechtsextremismus herausmanövrieren und zu einer Volkspartei machen. Offener Rassismus, Chauvinismus, Antiziganismus und Antisemitismus sind inzwischen tabu, Botschaften mit derartigem Inhalt werden subtiler und breitenkompatibler unters Volk gebracht. Selbstverständlich verurteilt Vona gegenüber SPIEGEL ONLINE auch das Verhalten der entlassenen N1-Kamerafrau. "Der Chefredakteur hat völlig richtig entschieden", sagt er.

Umfragen belegen den Erfolg von Vonas neuem Kurs - die Partei liegt knapp unter der 30-Prozent-Marke. Das Flüchtlingsthema könnte Jobbik nun noch mehr Aufwind geben - wenn die Orbán-Regierung das Chaos im Land nicht schnell in den Griff bekommt. Monatelang ließ die Regierung flüchtlingsfeindliche Plakate kleben, statt eine Logistik für die Notaufnahme auszubauen. Sie versprach, dass ein Stacheldrahtzaun die "Einwandererflut" umgehend stoppen würde. Was nicht der Fall war. Nun wächst den Behörden das Flüchtlingsproblem über den Kopf.

Jobbik-Chef Vona fordert deshalb, man solle die Flüchtlinge - EU-Regeln hin oder her - doch einfach weiterziehen lassen, sie wollten ja ohnehin nicht in Ungarn bleiben. Vor radikalen Botschaften hütet er sich. Doch die gibt es bei Jobbik natürlich weiterhin. Zum Beispiel von László Toroczkai, dem Bürgermeister des Dorfes Ásotthalom in Südungarn nahe der serbischen Grenze.

Toroczkai war jahrelang eine der zentralen Figuren der ungarischen Neonazi-Szene, im Dezember 2013 wurde er mit Jobbik-Unterstützung Bürgermeister von Ásotthalom. Im Juli postete er auf seiner Facebook-Seite das Werbevideo einer neuentwickelten ungarischen Gummigeschoss-Waffe. Sein Kommentar: "Hier ein ausgezeichnetes Mittel, um illegale Einwanderer davon abzuhalten, den Grenzzaun zu beschädigen. Natürlich nicht gegen Frauen und Kinder, aber ausgezeichnet anwendbar gegen Gruppen wehrfähiger Männer."

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.