Urlaub für Flüchtlingskinder Das Dorf, die Flüchtlinge und Orbáns Hasskommentar

Ein Mann bietet Flüchtlingskindern in seinem Gästehaus in Südungarn ein paar Tage Urlaub an. Die Reifen seiner Autos werden zerstochen, ihm selbst Gewalt angedroht. Ministerpräsident Orbán findet das "sehr richtig".

Dorf Öcsény in Ungarn
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Dorf Öcsény in Ungarn


Als Teenager trampte Zoltán Fenyvesi einmal mit seiner Freundin durch Polen. Es war Sommer, doch an einem Abend regnete es in Strömen. Die beiden standen tropfnass und durchgefroren an einer Landstraße. Ein mitleidiger Autofahrer hielt an und nahm sie für eine Nacht bei sich zu Hause auf. "Seine Geste habe ich bis heute nicht vergessen", sagt Fenyvesi, der inzwischen 61 Jahre alt ist.

Vor einigen Wochen hörte er zufällig, dass die private ungarische Flüchtlingshilfsorganisation Migration Aid Urlaubsplätze für Flüchtlingskinder und deren Familien suchte. Möglichst naturnah sollte es sein, jeweils für ein paar Tage. Es ging um Flüchtlinge, die in Ungarn anerkannt sind und dort leben. Fenyvesi erinnerte sich an jene Nacht in Polen. Er rief bei Migration Aid an.

Eigentlich ist er Geschichtslehrer, er stammt aus der mittelungarischen Stadt Szolnok. Nebenbei betreibt er in dem südungarischen Dorf Öcsény, 2500 Einwohner, eine kleine Pension. Sein "Gästehaus Glöcklein" liegt in einer ruhigen Seitenstraße des Dorfs und hat vier einfach eingerichtete Zimmer mit Gemeinschaftsbad und Gemeinschaftsküche. Fenyvesi bot Migration Aid an, ein oder zwei Familien mit Kindern eine Woche lang unterzubringen. Unentgeltlich, inklusive Verpflegung. Er sagte den Flüchtlingshelfern, er würde für die Kinder ein Ausflugsprogramm organisieren.

Erst kämen Kinder, dann junge Männer, Vergewaltiger, vielleicht Terroristen

Schon seit Jahren beherbergt er jeden Sommer Kinder aus armen Familien in seinem Gästehaus, oft sind darunter auch Roma-Kinder. Nie gab es im Dorf deshalb Probleme oder auch nur rassistische Bemerkungen. Aber als sich die Nachricht verbreitete, dass Flüchtlinge kommen würden, war die Hölle los. Anfang voriger Woche versammelten sich wütende Dorfbewohner im Bürgermeisteramt. Erst kämen Kinder, hieß es, dann zögen Angehörige nach, junge Männer, Vergewaltiger, vielleicht Terroristen. Man habe genügend andere Probleme, man brauche nicht noch Migranten und Kriminelle. Es waren dieselben Aussagen, die Viktor Orbán und seine Regierung in ihren Kampagnen über Flüchtlinge machen.

Einige Dorfbewohner drohten Fenyvesi offen Gewalt an. In der Nacht darauf waren an den beiden Autos von ihm und seiner Frau die Reifen zerstochen. Ein paar Tage später trat der überforderte Bürgermeister zurück. Fenyvesi selbst sagte Migration Aid ab. "Kinder im Gästehaus mit Polizeischutz vor der Tür", so seine Begründung, "das ist doch kein Urlaub."

Orbán finde "nichts Beanstandenswertes" an den Reaktionen der Leute

Die Geschichte ging groß durch die ungarischen Medien. Dorfbewohner gaben vor laufenden Kameras ebenso hysterische wie absurde Kommentare über Flüchtlinge ab. Dann äußerte sich Ministerpräsident Viktor Orbán selbst: Er finde "nichts zu beanstanden" an den Reaktionen der Leute in Öcsény. "Es ist völlig richtig, dass sie ihre Meinung entschlossen, laut und verständlich ausgedrückt haben", so Orbán.

Viele Politologen und Publizisten sind entsetzt, darunter auch solche, die sich ansonsten selten oder gar nicht kritisch über Orbán äußern. Manche sprechen davon, dass mit der offenen Rechtfertigung von Gewalt eine Grenze überschritten sei. Prominente Intellektuelle und Kirchenvertreter verfassten einen öffentlichen Aufruf zum "Schutz der Grenzen einer menschlichen Gesellschaft". Auch Staatspräsident János Áder kritisierte den Verfall des öffentlichen Diskurses und damit indirekt die Aussagen seines Parteifreundes Orbán.

Der Politologe Péter Krekó vom Budapester Institut Political Capital sieht in Orbáns Worten etwas Symptomatisches. "Sie zeigen die allgemeine Verschiebung eines politischen Diskurses, in dem die Regierung Gewalt gegenüber ihren vermeintlichen Feinden als akzeptabel darstellt und ermutigt", sagte Krekó dem SPIEGEL. "Orbán rüttelt damit am rechtlichen Rahmen des Staats, denn immerhin richten sich seine Worte gegen Menschen, die durch den ungarischen Staat als Flüchtlinge anerkannt sind."

Die Geschichte von Öcsény fällt zeitlich zusammen mit einer neuen Großkampagne der ungarischen Regierung, in der es um den angeblichen "Soros-Plan" zur Überflutung Europas mit Millionen Migranten geht. Bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr lässt die Regierung im Rahmen einer sogenannten "Nationalen Konsultation" Fragebögen an alle Bürger verschicken und das Land mit Plakaten zukleistern, auf denen der US-Börsenmilliardär George Soros zu sehen ist. Die Ungarn dürfen sich dazu äußern, ob sie einverstanden sind mit der Überfremdung des Landes, die Soros angeblich plant.

Viele Menschen sind mit der Regierungspropaganda nicht einverstanden

Zwar besteht der "Soros-Plan" in Wirklichkeit nur in einem einzigen Meinungsartikel zur europäischen Flüchtlingspolitik, den Soros vor zwei Jahren für das Portal "Project Syndicate" schrieb und den er inzwischen teilweise korrigiert hat. Doch wie erfolgreich solche Kampagnen sind, zeigt eine aktuelle Umfrage des ungarischen Meinungsforschungsinstituts Medián: Demnach fürchtet sich fast die Hälfte der Ungarn vor "Migranten" und ein Drittel vor George Soros. Angst vor "ausländisch finanzierten" Nichtregierungsorganisationen haben immerhin 17 Prozent.

Zoltán Fenyvesi glaubt, dass Orbán mit seinen Worten zu den Vorfällen in Öcsény zu einem Hassklima im Land beiträgt. Er nennt die Bemerkungen des Regierungschefs "rassistisch und rechts- sowie verfassungswidrig". Allerdings legt er Wert auf die Feststellung, dass es in Ungarn und auch in Öcsény viele Menschen gebe, die mit der Regierungspropaganda nicht einverstanden seien, dies nur nicht mehr offen zu sagen wagten.

Von der nationalistischen Öffentlichkeit wird Fenyvesi inzwischen als "Liberaler" bezeichnet - ein Schimpfwort in Orbàns Ungarn.

Dabei sieht er sich selbst als unpolitischen Menschen, über sämtliche Parlamentsparteien habe er eine "gleichermaßen schlechte Meinung". "Ich wollte Kindern einfach nur ein paar schöne Tage ermöglichen und war auch persönlich neugierig auf sie und ihre Familien", sagt Fenyvesi. "Es ist traurig, dass das nicht möglich war."



insgesamt 23 Beiträge
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cajun_moon 08.10.2017
1. Wenn es einen Gott gibt...
... dann hat Orban im Jenseits nichts zu lachen.
itajuba 08.10.2017
2.
Als es 1956 den Aufstand gab und viele Ungarn flohen, nahm mein Vater zu Weihnachten zwei Flüchtlinge auf, die sonst die Festtage in einem Flüchtlingsheim geblieben wären.
skylarkin 08.10.2017
3.
Also ganz ehrlich das geht gar nicht. Man kann Art und Umfang der Zuwanderung sehr kritisch sehen. Aber das in irgendeiner Form an den hier Lebenden,ob vorübergehend oder dauerhaft, abzulassen, ist unerträglich.
costals2015 08.10.2017
4. toll wäre....
Zitat von cajun_moon... dann hat Orban im Jenseits nichts zu lachen.
wenn er schon auf erden nix zu lachen hätte !!
evastastna 08.10.2017
5. Gewalt geht gar nicht
nirgendwo und für Nichts
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