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Ungarn: Extremisten starten neue Gewaltwelle gegen Roma

Die Lage im ungarischen Dorf Gyöngyöspata spitzt sich zu: Dutzende Rechtsradikale fuhren "als Verstärkung" in den Ort, die Extremisten warfen Steine auf Häuser von Roma-Bewohnern. Es gab wieder Schlägereien und Verletzte, hundert Roma sind erneut auf der Flucht.

Verletzter Mann in Gyöngyöspata: Rechtsradikale marschieren gegen Roma auf Zur Großansicht
REUTERS/ MTI

Verletzter Mann in Gyöngyöspata: Rechtsradikale marschieren gegen Roma auf

Budapest - Sie suchen die Konfrontation, werfen Steine und provozieren Schlägereien: Ungarische Rechtsradikale lassen die Spannungen mit der Roma-Bevölkerung offenbar erneut eskalieren. Am Mittwoch kamen Dutzende Mitglieder einer rechtsradikalen Gruppe in Gyöngyöspata an, teilte eine Roma-Sympathisantengruppe auf der Internetplattform Facebook mit.

Nach gewaltsamen Zusammenstößen sind viele Roma erneut auf der Flucht. Etwa hundert Vertreter dieser Minderheit verließen am Mittwoch den Ort, berichtete die ungarische Nachrichtenagentur MTI. Die Polizei sei mit einem großen Aufgebot präsent.

Bereits am Dienstagabend war es dort zu einer Schlägerei mit etwa 50 Beteiligten gekommen. Drei Menschen wurden nach neuesten Polizeiangaben bei der Schlägerei verletzt, sieben wurden festgenommen. Roma-Vertreter erklärten, die Neonazis hätten sie den ganzen Dienstag über provoziert, unter anderem durch Steinwürfe auf Roma-Häuser. Vertreter der Rechtsradikalen erklärten, die Roma hätten sie angegriffen.

Unter den Schlägern vom Dienstagabend waren Mitglieder der rechtsradikalen Gruppe Véderö, aber auch Mitglieder der rechtsgerichteten Gruppe Betyársereg ("Betyaren-Armee"). Der Name geht auf die im 19. Jahrhundert als antihabsburgische Freiheitskämpfer aktiven Betyaren zurück. Die Betyársereg soll nun "Verstärkung" nach Gyöngyöspata geschickt haben.

Gyöngyöspata im Nordosten von Budapest ist bereits seit Wochen ein Brennpunkt der Konflikte zwischen der ethnischen Minderheit und gewaltbereiten Rechten. An den Osterfeiertagen waren fast 300 der rund 450 im Dorf lebenden Roma mit Hilfe des Roten Kreuzes aus dem Ort geflohen, weil Véderö dort ein paramilitärisches Training veranstalten wollte, was die Polizei verhinderte. Die Regierung hatte die Abreise der Roma später als bereits länger geplanten "Ausflug" bezeichnet. Die geflohenen Roma waren wieder zurückgekehrt.

Ex-Ministerpräsident: "Es gibt kein Roma-Problem, sondern ein Nazi-Problem"

Im März war die rechtsradikale, uniformierte Gruppe Szebb Jövöert bereits wochenlang durch das Dorf marschiert und hatte damit unter den Roma Angst und Schrecken verbreitet. Szebb Jövöert wird offen von der im Parlament vertretenen rechtsextremen Partei Jobbik ("die Besseren") unterstützt.

Auch an anderen Orten in Ungarn sorgen Rechtsextreme für Ärger: Selbsternannte Bürgerwehren marschieren immer wieder durch Ortschaften mit hohem Roma-Anteil, um auf "Zigeunerkriminalität" aufmerksam zu machen. Die Extremisten von Jobbik hatten bei der Parlamentswahl vor einem Jahr 17 Prozent der Stimmen erhalten. Gepunktet hatte die Partei unter anderem mit ihrer Agitation gegen die in Ungarn lebenden Roma.

Wie viele Roma genau in Ungarn leben, ist unklar. Offizielle Schätzungen der Regierung von Anfang 2011 geben ihre Zahl mit 600.000 bis 700.000 an, das sind sechs bis sieben Prozent der Bevölkerung. Viele von ihnen sind arbeitslos und kaum in die Gesellschaft integriert.

In Budapest wollten am Mittwochabend Menschenrechtsorganisationen bei einer Demonstration ihre Solidarität mit den Roma bekunden. Ungarns sozialistischer Ex-Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány (2004-2009) erklärte, in Ungarn gebe es "kein Roma-Problem, sondern ein Nazi-Problem". Ungarn, das bis Ende Juni die Ratspräsidentschaft der Europäischen Union innehat, steht wegen seines Rechtskurses und seiner Medienzensur seit längerem in der Kritik seiner europäischen Partnerländer.

lgr/dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 133 Beiträge
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1. Es macht mich traurig....
kh1969 27.04.2011
und wütend, wenn ich solche Berichte lese. Waren die Ungarn nicht mal weltoffen und tolerant? Hatten sie während des kalten Krieges nicht den Ruf, alles etwas entspannter zu sehen? Wo sind Weltoffenheit und Toleranz hin? Dauert so etwas nur eine Generation? Dann wird mir angst und bange, wenn ich an die Möglichkeiten in anderen Ländern denke..... Aber vielleicht braucht ein Volk solche "Aktionen", damit "Luft abgelassen" werden kann und der Druck sich nicht in noch größeren Aktionen entlädt? Mir fällt da Rostock 1991 ein.... Ich mache mir ernsthaft Sorgen über den stetig wachsenden Nationalismus, die Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz, mit der viele Menschen unterwegs sind. Aber das Thema muss wohl - in Ungarn wie in anderen Ländern - im Kontext zu vielen anderen Vorgängen gesehen werden. Ein zufriedener Bürger wählt seltener Extreme, ist weniger anfällig für hohle Parolen. Aber wo überall Geld fehlt, ist es mit der Bildung nicht weit, wird die Anfälligkeit für die Phrasen der Rattenfänger größer, entstehen solche Gewaltwellen. Wir arbeiten ja auch daran....
2. Jaja, der Spiegel trägt an allem die Schuld (bla)...
Sublucem 27.04.2011
Jemand wird ob seiner Herkunft verprügelt - was interessiert mich noch großartig was der Schläger zu sagen hat? Es interessiert mich wenig ob ich von einem Linken oder Rechten verprügelt werde - da brauchen sich beide Seiten gar nicht erst hinzustellen und sich zu rechtfertigen. Es bleibt ungerecht und sinnlos. Und die Begründungen (Herkunft, sozialer Stand, whatever, ...) sind oberflächlich und fadenscheinig. Aber Hauptsache mal wieder auf die Berichterstattung schimpfen. Mal ist der Spiegel rechts, mal ist er links. Je nachdem welche Seite sich ungerecht behandelt fühlt. Tipp: Medienkompetenz bauen und sich selbst eine Meinung bilden. Dazu mehrere Quellen studieren - dann kommt man eventuell auf den Trichter und muss sich nicht am Spiegel allein aufhängen.
3. "Verletzter Mann in Gyöngyöspata"
nethusar 27.04.2011
Das Foto stellt ein Miglied der Véderő ("Wehrmacht") dar, der von Zigeunern mit Schlagstöcken und Stahlröhren zusammengeschlagen worden war.
4. P.s.:
Sublucem 27.04.2011
Welches Weltbild muss man denn haben um das Verprügeln von Menschen gutheißen zu können?
5. Ein Nachrichtenmagazin schafft sich ab.
Wolf_68, 27.04.2011
Zitat von sysopDie Lage im ungarischen Dorf Gyöngyöspata spitzt sich weiter zu: Dutzende Rechtsradikale fuhren "als Verstärkung" in den Ort, die Extremisten warfen Steine auf ein Haus von Roma-Bewohnern. Es gab wieder Schlägereien und wieder Verletzte. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,759309,00.html
Meinen aufrichtigen Dank an die Spiegelredakteure - Ihr habt mir mit diesem Artikel die beste Steilvorlage geboten, nach fast 18 Jahren mein Abo zu kündigen. Weiter so.
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Polizeieinsatz in Ungarn: Paramilitärs nach Roma-Flucht verhaftet

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Hauptstadt: Budapest

Staatsoberhaupt:
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Regierungschef: Viktor Orbán

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Bund Junger Demokraten: Konservative Partei, geführt von Viktor Orbán, 46, der von 1998 bis 2002 bereits Ministerpräsident von Ungarn war. Der Spitzenkandidat hat ein Programm zur Erneuerung der Wirtschaft angekündigt und will innerhalb von zehn Jahren eine Million neue Arbeitsplätze schaffen. Dabei setzt Fidesz auf eine Politik der Steuerkürzungen.

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Ungarische Sozialistische Partei: Sozialdemokratische Politik, waren seit 2002 an der Macht - seit April 2008 in einer Minderheitsregierung. Spitzenkandidat bei den Parlamentswahlen war Attila Mesterházy, 36, der MSZP-Fraktionsvorsitzende. Ihr von 2004 an regierender Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány musste vor einem Jahr wegen des Verlusts seiner Glaubwürdigkeit zurücktreten.

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Bewegung für ein besseres Ungarn: Rechtsextreme Partei, die im Wahlkampf unter anderem mit Hetze gegen die Roma-Minderheit zu punkten versucht hatte. Ihr Vorsitzender Gábor Vona, 31, ist Mitbegründer der im vergangenen Jahr aufgelösten Organisation Magyar Garda, die sich in ihren Uniformen an das Erscheinungsbild der ungarischen NS-Organisation der Pfeilkreuzler anlehnte.

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Politik kann anders sein: Die links-ökologische Partei wurde mit dem Ziel gegründet, die Vormacht der etablierten Kräfte in der Volksvertretung zu durchbrechen. Sie zieht nun erstmals ins Parlament ein. Als Spitzenkandidat trat der Budapester Anwalt András Schiffer, 38, an. Im Wahlkampf forderte die LMP eine "grüne Wende" in der Wirtschaftspolitik mit Investitionen in ökologische Technologien und Wachstum, das auf Innovation basiert.

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