Grenze zwischen Serbien und Ungarn Der Spuk der rechten Meute

An einem Bahndamm ist der Zaun zwischen Ungarn und Serbien unterbrochen, hier kommen täglich Hunderte Flüchtlinge über die Grenze. Nun haben rechtsextreme Demonstranten sich ihnen entgegengestellt.

AFP

Aus Röszke berichtet Stephan Orth


Die Rechtsextremen benutzen nicht die schnurgerade Strecke über die Gleise, sondern kommen über den Feldweg daneben. Als würde es ihnen widerstreben, die gleiche Route wie die Flüchtlinge zu nehmen, die sich nur wenige Minuten vorher noch im Gänsemarsch in entgegengesetzter Richtung durch die Hitze mühten. Die Ausländer kamen mit kleinen Rucksäcken und Jutetaschen, ihre Feinde mit riesigen Flaggen. Jobbik steht auf den meisten, das kann auf Ungarisch "die Besseren", aber auch "die Rechteren" heißen.

Seit Wochen macht Jobbik, Ungarns zweitstärkste Partei, massiv Stimmung gegen Flüchtlinge. Am Mittwoch versammelt sie sich zum ersten Mal zu einer Demonstration direkt vor dem neuen EU-Grenzzaun, der aus drei Spiralen Nato-Draht besteht. 200 bis 300 dürften es sein, auch die Führungsspitze ist gekommen. Parteichef Gábor Vona, weißes Hemd, teurer Anzug, sagt in die Kameras der Journalisten, dass hier die Armee eingesetzt werden müsse, um jeden einzelnen Flüchtling wieder zurück nach Serbien zu schicken.

Hier, das ist am Markierungsstein 128 der Bahntrasse von Subotica in Serbien nach Szeged in Ungarn. Die Landesgrenze markieren vier kleine, im Quadrat angeordnete weiße Klötze, auf denen vorne M steht (Magyarország, Ungarn) und hinten PC (die kyrillischen Kürzel für Republika Srbija, Republik Serbien). Rund neun von zehn Flüchtlingen, die aus Serbien auf der Balkanroute einreisen, passieren derzeit diesen Punkt, denn wegen der Gleise ist hier der sowieso mäßig wirkungsvolle Stacheldraht unterbrochen. Nach aktuellen Schätzungen der Hilfsorganisation Migration Aid queren ihn mehr als 1500 Menschen pro Tag.

Die Jobbik-Leute wollen keinen von ihnen hier haben, auch die konservative Regierung Viktor Orbans will künftig stärker auf Abschreckung setzen: Am Mittwochabend teilte sie mit, nun im Ausland mit Hilfe der Werbeagentur J. Walter Thompson eine "Informationskampagne" zu starten, die auf die Strafen für illegale Einwanderer hinweist.

Das deutsche Konsulat wurde aufgefordert, die Tausenden Wartenden am Budapester Keleti-Bahnhof zu informieren, wie Deutschland denn nun die Einwanderungsrichtlinien handhabe. Für Irritationen hatte ein Hinweis gesorgt, dass die Regeln des Dublin-Abkommens für Syrer de facto nicht mehr zum Einsatz kämen.

Ein einziges Mal stimmen die Jobbik-Leute den patriotischen Schlachtruf "Ria, ria, Hungária" an, sonst ist es sehr still an der Grenze. Die Demonstranten halten einfach ihre grünweißrot und rotsilbern gestreiften Flaggen nach oben. Ein Parteimitglied ist kurz unachtsam, sein Banner verfängt sich im Grenzzaun, kann aber ohne größere Schäden befreit werden.

Ein durchtrainierter Mann mit Glatze und Armeehose redet eindringlich auf einen der Polizisten ein. "Gebt ihnen Wasser, gebt ihnen zu essen. Aber hört doch auf, Fingerabdrücke zu nehmen", fordert er. Gemeint ist die von der EU vorgeschriebene Praxis, Flüchtlinge im Ankunftsland als Asylbewerber zu registrieren. Sobald das geschehen ist, muss der Fall auch dort bearbeitet werden.

Ungarn will sie nicht, sie wollen Ungarn nicht

Es gehört zu den Absurditäten dieser Flüchtlingskrise, dass Khulod aus Damaskus sich genau das gleiche wünscht wie der Rechtsnationale mit der Militärhose: "Machen die Polizisten hier Fingerabdrücke? Das wollen wir nicht", sagt die 27-jährige Journalismusstudentin, rotes Kopftuch, schwarzes Paillettenkleid. Sie ist in einer Siebenergruppe unterwegs. Schwester, Onkel, Freunde. Drei Männer, drei Frauen und ein zweijähriges Kind.

Eine Stunde, nachdem die Jobbik-Meute verschwunden ist wie ein Spuk, stapfen wieder Flüchtlingsgruppen die Gleise entlang. Kurz vor der Demo waren serbische Polizisten herbeigelaufen und hatten sie zurückbeordert. Möglicherweise hatten sie von den Kollegen auf der anderen Seite der Grenze von der Kundgebung erfahren und wollten den Migranten eine Konfrontation mit dem Hass ersparen.

"Die Polizisten in Serbien sind okay, die in Mazedonien weniger", plaudert Khulod, während sie sich an der Hand eines Freundes von einer Holzschwelle zur nächsten weitertastet. Es ist stockduster, aber keiner macht eine Lampe an. Gut 800 Meter Schiene, von Markierung 128 bis hinter 120, trennen den Grenzbereich mit dem offenen Zaun vom Checkpoint der Polizei, wo alte Reisebusse die Menschen zum Lager von Röszke bringen, einer ersten Aufnahmestelle mit Militärzelten und Kunststoff-Toilettenkabinen.

Doch Khulod ist nicht sicher, ob sie zum Polizeicheckpoint will. Ihr Ziel sei Stockholm in Schweden, weil dort ihr Bruder und Vater wohnen. Ihr Plan dort? "Sprache lernen, studieren, dann viel verreisen", sagt sie und lacht.

Auch wenn Khulod nicht weiß, ob ein Fingerabdruck in Ungarn - wo man es bislang nicht so genau nahm bei Ausreisewilligen, nun aber offenbar strikter durchgreift -, wirklich den Traum von Skandinavien zunichtemacht: Sie würde das Land lieber durchqueren, ohne offiziell registriert zu werden.

Plötzlich kommt der Gruppe ein Polizei-SUV mit grellen Scheinwerfern auf dem Weg neben den Schienen entgegen. Die Syrer ducken sich auf der anderen Seite des Gleises nach unten. Das Fahrzeug fährt weiter. "Lass uns verschwinden", sagt Khulod plötzlich und biegt nach links ab in Richtung eines Maisfeldes. Nach ein paar Metern in unebenem Gelände berät die Gruppe noch einmal und entscheidet, doch zum Checkpoint zu gehen.

Die Polizisten empfangen sie mit Käses-Sandwiches in Alufolie und Halbliter-Wasserflaschen. "Bitte keine Fingerabdrücke! Ich will nach Schweden, mein Vater ist dort!", fleht Khulod einen der Beamten an, dringlich, aber auch kokett. "Wir müssen dem Protokoll folgen", lautet die knappe Antwort.

Die Studentin aus Syrien und der Glatzkopf von der Demo werden ihren Willen nicht bekommen. Khulod hofft, es in den nächsten Tagen im Chaos des Budapester Ostbahnhofs auf einen der Züge zu schaffen, irgendwie. Sonst wird sie wohl wie so viele Verzweifelte zuvor ihr Leben einem Schlepperlaster anvertrauen.

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