Ungarische Rechtsextreme Wie ein Jobbik-Kader seine jüdischen Wurzeln fand

Csanad Szegedi war ein aufstrebender Kader in Ungarns rechtsextremer Jobbik-Partei. Mit antisemitischen Parolen zog seine Partei ins Parlament ein - bis Szegedi damit konfrontiert wurde, dass er selbst jüdischer Herkunft ist. Nun ist seine politische Karriere wohl am Ende.

Ultrarechter Csanad Szegedi (2009): Stolpern über den eigenen Stammbaum
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Ultrarechter Csanad Szegedi (2009): Stolpern über den eigenen Stammbaum


Als Csanad Szegedi im vergangenen Herbst einen verurteilten Waffenhändler und rechten Parteifreund besucht, weiß er noch nicht um die Schicksalhaftigkeit dieser Begegnung. Der Mann namens Zoltan Ambrus konfrontiert Szegedi mit dessen Vergangenheit: Seine Großeltern mütterlicherseits, so erfährt er an diesem Tag, waren Juden, seine Großmutter ist eine Auschwitz-Überlebende. Für den strammen Antisemiten Szegedi ein Schock, den er tagelang verarbeiten musste, wie er der ungarischen Zeitung "Barikad" später erzählte.

Abseits der persönlichen Identitätskrise hat das Gespräch an jenem Herbsttag für den 30-jährigen Szegedi aber noch eine brisante, politische Dimension. Sein Gegenüber hat die Unterhaltung heimlich mitgeschnitten, will ihn nun in parteiinternen Machtkämpfen damit erpressen. Szegedi ist kein Hinterbänkler in Ungarns aufstrebender rechter Szene: Seit 2009 sitzt er für seine Partei im Europaparlament, zwei Jahre zuvor gehörte er zu den Mitgründern der Ungarischen Garde, einer ultranationalistischen Gemeinschaft die in ihren schwarzen Uniformen an die faschistischen Pfeilkreuzler erinnern, die zum Ende des Zweiten Weltkriegs das Land in Angst und Schrecken versetzen. Auch Tausende ungarische Juden sind unter den Pfeilkreuzlern umgebracht worden. Die Garde wurde 2009 verboten.

"Der Jude", so war Csanad Szegedi lange überzeugt, "kauft das ungarische Land auf" und "entweiht die Nationalsymbole". Für die Privatisierung von Staatseigentum nach dem Ende des Sozialismus, so erklärte er vor zwei Jahren im Fernsehen, seien politische Kräfte verantwortlich, "die sich in ihrem Judentum abgeschirmt haben". Nach jüdischem Recht - die Religion wird über die Mutter weitergegeben - ist Szegedi selbst Jude. Heute will von seinen Hassreden nichts mehr wissen, behauptet, sich nie antisemitisch geäußert zu haben.

Reue und Gespräche mit seiner Großmutter

Nach dem Treffen habe er lange mit seiner Großmutter gesprochen, sagte Szegedi dem ungarischen TV-Sender HIR: "Ich fragte sie, wie das mit den Deportationen war. Sie war in Auschwitz und in Dachau, und sie war die einzige Überlebende im weiteren Familienkreis." Erst da sei dem evangelisch erzogenen Szegedi aufgegangen, dass ein Teil seiner Familie wirklich jüdisch ist. Er definiere sich heute selbst als Mensch mit "Abstammung jüdischer Herkunft, ich erkläre mich für hundertprozentig ungarisch".

Anfang August traf er sich mit dem ungarischen Rabbi Schlomo Koves von der orthodoxen Chabad-Lubawitscher Gemeinde. Er entschuldigte sich für Äußerungen, die er gegen die jüdische Gemeinde gemacht habe. Außerdem, so Rabbi Koves zur Nachrichtenagentur JTA, plane Szegedi einen Besuch des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. Er befinde sich in einem schwierigen Prozess der Wiedergutmachung, der Selbsterkenntnis und des Lernens. "Ob das geschieht oder nicht, liegt zuerst und vor allem bei ihm", sagte Rabbi Koves.

Partei fordert Europamandat zurück

Szegedis politische Karriere scheint indes zu Ende. Nach dem Gespräch mit dem Ex-Häftling Ambrus hatte Szegedi noch versucht, ihn mit Geld und Gefälligkeiten zum Schweigen zu bringen. Doch übers Internet verbreiteten sich die Gerüchte schnell, und der Druck auf Szegedi wurde immer größer. Vergangenen Monat, bereits vor seinem Treffen mit dem Rabbi, gab er alle Parteiämter und auch die Mitgliedschaft in der Jobbik-Partei auf. Die Partei forderte ihn daraufhin auch auf, sein Mandat im Europaparlament zurückzugeben.

Doch Szegedi will nicht. "Wir haben keine andere Wahl, als ihn aufzufordern, sein EU-Mandat zurückzugeben", sagte Jobbik-Chef Gabor Vona. Offiziell heißt es aus der Jobbik-Führung, die jüdische Abstammung Szegedis sei kein Problem für die Partei. Vielmehr habe sich Szegedi mit seinem Bestechungsversuch und den Bemühungen, seine Herkunft zu verschleiern, untragbar gemacht. "Jobbik überprüft nicht die Abstammung seiner Mitglieder oder Führung, sondern zieht stattdessen in Betracht, was sie für die Nation getan haben", sagte Parteichef Vona.

jls/dapd/AP



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Seite 1
timorieth 16.08.2012
1.
Zitat von sysopAPCsanad Szegedi war ein aufstrebender Kader in Ungarns rechtsextremer Jobbik-Partei. Mit antisemitischen Parolen zog seine Partei ins Parlament ein - bis Szegedi damit konfrontiert wurde, dass er selbst jüdischer Herkunft ist. Nun ist seine politische Karriere wohl am Ende. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,850342,00.html
OMG ich schmeiß mich weg. Der braune Abschaum ist wohl per se etwas zurückgeblieben, aber DAS ist schon echt genial *lach* :D
reni-serengeti 16.08.2012
2. Uuuuups
Wenn der Hintergrund nicht so traurig wäre, dann könnte man sich bei der GESCHICHTE ja wirklich schlapp lachen. Allerdings fragt man sich auch, warum ihm seine Oma nicht schon früher die "verstörende" Wahrheit gesagt hat bzw. ihm nach seinen blöden Äußerungen mal mit Seife den Mund auswusch.
simon23 16.08.2012
3.
Zitat von reni-serengetiWenn der Hintergrund nicht so traurig wäre, dann könnte man sich bei der GESCHICHTE ja wirklich schlapp lachen. Allerdings fragt man sich auch, warum ihm seine Oma nicht schon früher die "verstörende" Wahrheit gesagt hat bzw. ihm nach seinen blöden Äußerungen mal mit Seife den Mund auswusch.
Sie hat schätzungsweise immer noch Angst sich zu bekennen. Wohl mit gutem Grund, wenn man sich die Entwicklung in Ungarn ansieht.
ip- 16.08.2012
4. Achso
Das heisst, das einzige was gegen Antisemitismus hilft, ist selbst mal Jude zu sein. Nicht schlecht, wie schnell er seine radikalen Ideen geändert hat.
Herzbubi 16.08.2012
5. ja das ist ja wirklich mal lustig
so eine Identitätskrise wünsche ich jedem Dumbold. Sehr bekannt sind ja auch diese Hetzer gegen die Homoehe: denen wünsche ich eine plötzliches Erwachen neben einem Mann. Ich lach mich..
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