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Ungarns Rechte: Hundewelpen statt Hundertschaften

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Jobbik-Partei: Ungarns Rechte Fotos
AFP

Ungarns Jobbik-Partei war bisher bekannt für antisemitische Hetze und Fackelmärsche. Und jetzt? Fürsorglich und seriös wirbt Chef Gábor Vona um Wähler. Das klappt: Die Rechten schielen auf die Machtübernahme 2018.

Gábor Vona war schon Pizzafahrer, Verkäufer, Kellner, Stallknecht, Bauarbeiter oder Altenpflegerhelfer. Zwar stets nur für einen Tag, aber immerhin. Im Hauptberuf ist er Chef der ungarischen Rechtsaußen-Partei Jobbik - und als solcher gibt sich seit Neuestem äußerst wählernah.

Einmal im Monat arbeitet er einen Tag lang als Aushilfskraft, jedesmal an einem anderen Ort in Ungarn. "Verkleidet durchs Land", lautet das Motto dieser Arbeitseinsätze. Öffentlich angekündigt werden sie nie. Nur ein Kamerateam des Jobbik-nahen Internet-TVs N1 begleitet den Parteichef und präsentiert hinterher einen Zusammenschnitt. Meist sagt der 36-Jährige irgendwo im Beitrag, dass es ihm nicht um Stimmenfang gehe, sondern darum, den Bezug zum Leben der einfachen Leute zu behalten. Und dass solche regelmäßigen Jobs für alle Parlamentsabgeordneten Pflicht sein sollten.

"Verkleidet durchs Land" - das könnte als Motto auch über der Erfolgsgeschichte von Jobbik stehen. Das Image der rechtsextremen Skandalpartei, die mal Listen jüdischer Bürger fordert, mal Europafahnen verbrennt oder mit schwarz gekleideten Hundertschaften aufmarschiert, will die Partei abstreifen. Schon seit Längerem gilt: Die Programmatik bleibt stramm rechts und radikal, aber sie wird nicht mehr in Form von Nazi-Krawallmacherei kommuniziert. "Wir wollen breite bürgerliche Schichten jetzt in einem akzeptablen Stil ansprechen", sagt Jobbik-Chef Vona im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

"Wir sind eine Volkspartei geworden"

Seitdem sich Jobbik als "niedlich" inszeniert - dieses Wort kursiert, seit im Februar 2014 ein Foto erschien, das Vona mit entzückenden Hundewelpen zeigt - hat die Partei ihr bis dahin begrenztes Wählerpotential stark ausgeweitet.


Facebook-Eintrag von Gábor Vona (2014): Rechter mit Welpen

Bei den Parlamentswahlen im vergangenen Jahr bekam Jobbik 21 Prozent. Inzwischen liegt sie in manchen Umfragen kurz vor der magischen 30-Prozent-Marke und ist damit zur zweitstärksten politischen Kraft in Ungarn geworden - weit vor den linken und liberalen Oppositionsparteien.

Nur noch wenige Prozentpunkte trennen Jobbik von der regierenden Partei Fidesz des einst so mächtigen ungarischen Regierungschefs Viktor Orbán. Kürzlich gewann Jobbik in einer Nachwahl ein erstes parlamentarisches Direktmandat gegen einen Fidesz-Kandidaten - ein klares Signal. "Wir sind eine Volkspartei geworden", sagt Vona und verkündet: "Wir bereiten uns auf die Machtübernahme 2018 vor."

Zusammen mit dem französischen Front National ist Jobbik derzeit die erfolgreichste rechtsextreme Partei in Europa. Die Gründe für den Erfolg sind vielfältig: Die "Bewegung für ein besseres und rechteres Ungarn", wie der vollständige Parteiname lautet, gilt als unverbraucht und sauber. Ihr hängen keine Korruptionsaffären an, wie etwa Orbáns Fidesz oder den von 2002 bis 2010 regierenden Sozialisten. Die Partei macht seit Jahren flächendeckend so intensive lokale Arbeit wie keine andere politische Kraft in Ungarn. Einer Mehrheit der Wähler aus der Generation bis 35 gilt Jobbik als coole Anti-Establishment-Partei und als einzige Alternative zur verknöcherten Polit-Elite Ungarns.

Antieuropäische, chauvinistische und xenophobe Rhetorik

Vor allem aber machen Premier Orbán und seine Fidesz die Programmatik von Jobbik seit Jahren zunehmend salonfähiger, indem sie sie ungeniert übernehmen - von einer radikal armen- und minderheitenfeindlichen Sozialpolitik über ultrarechte Straf- und Ordnungsgesetzgebung bis hin zu nationalistischer, antieuropäischer, chauvinistischer und fremdenfeindlicher Rhetorik.

Zuletzt forderte Orbán, Ungarn müsse die "Frage der Todesstrafe auf der Tagesordnung halten". Zudem lässt der ungarische Regierungschef im Rahmen einer "nationalen Konsultation" an alle Ungarn einen Fragebogen zur Verschärfung der Asylpolitik verschicken. Darin wird in einer Weise gegen Flüchtlinge und Zuwanderer gehetzt, wie es sonst nur Rechtsextreme tun. Orbán wirbt um Zustimmung dafür, dass seine Regierung Flüchtlinge einsperren, zur Zwangsarbeit verpflichten und umstandslos abschieben kann.

Jobbik nimmt den Ideenklau, über den sie sich früher bitter beklagte, inzwischen gelassen hin. Als "unglaubwürdige Strategie" bezeichnet ihn Gábor Vona. Und wie steht es um die Glaubwürdigkeit des Wandels bei Jobbik selbst? Diese Frage muss Vona in Ungarn derzeit ständig beantworten. Denn immer wieder bricht bei Parteigenossen der "inakzeptable Stil" durch: So hatte ein Jobbik-Abgeordneter ein Holocaust-Denkmal bespuckt und später von "der Lust" geschrieben "die unvollendete Arbeit fortzuführen". Ein Jobbik-Lokalpolitiker schlug unlängst vor, aus seiner Gemeinde alle "Zigeuner zu deportieren".

Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE (lesen Sie hier das komplette Interview) kommentiert Vona solche Aussagen halb bedauernd, halb relativierend. "Wir wollen keinerlei Kollektivurteile mehr fällen", sagt Vona, "ich hoffe, dass es solche Phänomene in unserer Partei bald nicht mehr gibt."

Dann erläutert er das Phänomen der sogenannten "Zigeunerkriminalität".

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insgesamt 25 Beiträge
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1. Wolf im Schafspelz
BettyB. 12.05.2015
Und wieder werden viele darauf reinfallen...
2.
Art. 5 12.05.2015
Man sollte im Artikel über Gábor Vona wenigstens auch erwähnen, dass er Geschichte und Psychologie studiert und als Lehrer gearbeitet hat, mehr als nur einen Tag lang. http://de.wikipedia.org/wiki/Gábor_Vona
3. furchtbar...
wolf42 12.05.2015
...und erschreckend. Warum dulden die EU Regierungen diesen Regierungschef unwidersprochen in ihren Reihen?
4. Toll!
carambolagen 12.05.2015
Zitat von Art. 5Man sollte im Artikel über Gábor Vona wenigstens auch erwähnen, dass er Geschichte und Psychologie studiert und als Lehrer gearbeitet hat, mehr als nur einen Tag lang. http://de.wikipedia.org/wiki/Gábor_Vona
Toll! Studierte Nazis, genau das was die Welt dringend braucht... Mengele hatte auch studiert und viele andere Nazis auch. Offenbar ist das kein Schutz gegen den rassistischen Irrsinn.
5. Hallo Nr.1 Ich finde diese Entwicklung ganz furchtbar
axelmueller1976 12.05.2015
Zitat von BettyB.Und wieder werden viele darauf reinfallen...
Aber was wir hier in vielen EU-Ländern feststellen ist der fehlerhaften Politik aus Brüssel geschuldet. Die Technokraten in Brüssel haben und wollen nicht begreifen ,daß Ihre Handlungsweisen vom Wähler nicht akzeptiert werden.
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