Neuer Horthy-Kult in Ungarn: Renaissance des Reichsverwesers

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Ungarns Rechtsradikale werden immer selbstbewusster: Mit Zeremonien, Statuen und Gedenktafeln feiern sie den antisemitischen Reichsverweser Miklós Horthy und einen Schriftsteller aus der Nazi-Zeit. Hinter dem neuen Kult stehen auch Parteifreunde von Regierungschef Viktor Orbán.

Ungarn: Denkmal für Miklós Horthy Fotos
AP

In "Ungarn-über-alles"-Manier beschwört die neue ungarische Verfassung, gültig seit Jahresanfang, den Geist längst vergangener Zeiten: den tausendjährigen Ungarnstaat, verkörpert durch die Heilige Stephanskrone, die "geistige und seelische Einheit" einer "in Stücke gerissenen Nation", die Pflicht zur Bewahrung der einzigartigen ungarischen Sprache, des Ungarntums und der ungarischen Nationalkultur. Ein verklausulierter Rückgriff auf den Geist der Zwischenkriegszeit, als der Reichsverweser Miklós Horthy ein autoritäres, ultrakonservativ-nationalistisches und revisionistisches Regime errichtet hatte.

Nun nimmt dieser Geist im Ungarn des konservativen Regierungschefs Viktor Orbán gewissermaßen Gestalt an. Mitte Mai wurde im Ort Kereki in Südwestungarn eine Horthy-Statue aufgestellt - ein Novum im postkommunistischen Ungarn. Miklós Horthy war schließlich ein notorischer Antisemit, der Befehlshaber des "weißen Terrors" in Ungarn nach dem Ersten Weltkrieg und 1944 als Staatsoberhaupt mitverantwortlich für die Deportation von 400.000 ungarischen Juden, die in Auschwitz getötet wurden.

Wenige Tage nach der Einweihung der Horthy-Statue enthüllte der reformierte Bischof Gusztáv Bölcskei am Evangelischen Kollegium in der ostungarischen Stadt Debrecen eine Horthy-Gedenktafel. Und in der Ortschaft Gyömrö südöstlich von Budapest trägt seit Neuestem ein Park den Namen des Reichsverwesers. Weitere Horthy-Statuen sollen aufgestellt werden, ausgerechnet auch in Budapest - der Stadt, die Horthy zeitlebens als "judeobolschewistischen Sündenpfuhl" verabscheute: Für Oktober ist die Einweihung eines überlebensgroßen Reiterstandbildes auf dem Budapester Burghügel geplant. Angesichts dessen spricht der Publizist Gábor Czene bereits von einem "schleichenden Horthy-Kult".

Doch nicht nur der frühere Reichsverweser gelangt in Orbáns Ungarn zu neuen Ehren. Das ungarische Parlament will zum Beispiel den einst als Kriegsverbrecher gesuchten und 1953 in Spanien verstorbenen Blut-und-Boden-Schriftsteller József Nyírö in seiner siebenbürgischen Heimat wiederbestatten lassen - mit einem inoffiziellen Staatsbegräbnis. Nyírö war ein prominenter Kulturideologe unter Horthy und später auch unter dem Schreckensregime der nationalsozialistischen Pfeilkreuzler-Partei von Oktober 1944 bis März 1945, als Zehntausende ungarische Juden auf Todesmärsche geschickt oder massakriert wurden. Im Pfeilkreuzler-Parlament diente Nyírö als Abgeordneter Siebenbürgens, im März 1945 konnte er sich zunächst nach Deutschland und 1950 nach Franco-Spanien absetzen.

Völkisch-nationalistische Renaissance in Ungarn

Nyírös Wiederbestattung war ursprünglich für den Pfingstsonntag geplant, doch die rumänische Regierung verbot die Zeremonie. So fand für den Schriftsteller in der Kleinstadt Odorheiu Secuiesc (ungarisch: Székelyudvarhely) vorerst nur eine ökumenische Andacht statt. Dazu waren - neben der Führung der rechtsextremen Partei Jobbik - Ungarns mächtiger Kulturstaatssekretär Géza Szöcs und mit ihm kein Geringerer als der Parlamentspräsident László Kövér angereist, formal die Nummer zwei im Staat. Kövér benahm sich, als sei das nach dem Ersten Weltkrieg an Rumänien gefallene Siebenbürgen bereits wieder ein Teil Ungarns. Er beschimpfte die rumänische Regierung als "unzivilisiert", "paranoid", "hysterisch" und "barbarisch", weil sie die Begräbniszeremonie verboten hatte, und verkündete, dass man Nyírö so oder so demnächst neu bestatten werde, und zwar vor Ort. Kövérs Fazit: "Zum Sieg bestimmt ist das Volk, das einen Sohn hat, dessen Asche man fürchtet."

Einige Tage nach der Zeremonie erklärte der ungarische Kulturstaatssekretär Géza Szöcs gegenüber dem Nachrichtenportal index.hu, die Urne mit der Asche des Pfeilkreuzler-Schriftstellers sei nach Rumänien geschmuggelt worden. Es habe einer "Konspiration" bedurft, der Transport der Urne sei "nicht gerade einfach" gewesen. Er selbst habe an der Schmuggelaktion jedoch nicht teilgenommen und wisse auch nicht, wo genau sich die Urne befände. Die Neubestattung von Nyírö werde nun bald stattfinden. Szöcs war zu der Andacht mit einer großen Reisetasche erschienen und hatte sie - während er eine Gedenkrede auf József Nyírö hielt - unter dessen Bildnis gestellt. Ob sich darin die Urne des Pfeilkreuzler-Schriftstellers befand, wollte Szöcs "weder bestätigen noch dementieren".

Der neue Horthy-Kult und Nyírös Wiederbestattung sind Teil einer völkisch-nationalistischen Renaissance in Ungarn, die Rechtsextreme im Land seit Jahren erfolgreich vorantreiben und die nun auch vom Regierungschef Viktor Orbán und seiner rechtsnational-konservativen Partei Bund Junger Demokraten (Fidesz) eifrig gefördert wird. Manche Beobachter sind regelrecht entsetzt über diese Entwicklung: "Warum stellt sich Fidesz neben Pfeilkreuzler, wie weit ist es mit uns gekommen?", fragt sich der Politologe Zoltán Somogyi. "Kövér und Szöcs müssten sofort zurücktreten, ansonsten wird es an unserem Land hängen bleiben, dass wir eine Regierung haben, die Nazis unterstützt."

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insgesamt 93 Beiträge
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1. Halb so wild
inhabitant001 01.06.2012
Ach, das ist nicht so schlimm. Ungarn ist ja EU-Mitglied. Wenn Ungarn gegen europäische Grundprinzipien verstoßen würde hätten unsere Politiker bestimmt zum Boykott der Schwimm-EM aufgerufen, oder? ;)
2.
alexbln 01.06.2012
gegen die EU hetzt die regierung gerne, aber geld von ihr und IWF nimmt sie ebenso.
3. Oha
Passivist 01.06.2012
Zitat von sysopAPUngarns Rechtsradikale werden immer selbstbewusster: Mit Zeremonien, Statuen und Gedenktafeln feiern sie den antisemitischen Reichsverweser Miklós Horthy und einen Schriftsteller aus der Nazi-Zeit. Hinter dem neuen Kult stehen auch Parteifreunde von Regierungschef Victor Orbán. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,835958,00.html
Da bin ich ja mal gespannt, wie die Orban-Jünger bei SpOn das erklären...
4. Es gab nicht wenige...
CitizenTM 01.06.2012
... die gegen die Osterweiterung der EU waren. Aber die Industrie, erpicht auf den ganz grossen Reibach, drängte vorwärts und so verschloss man gerne die Augen davor, dass 40 Jahre weniger Demokratie als der Westen nicht einfach wegzudiskutieren sind.
5. Nach Links kommt Rechts !
elster22 01.06.2012
Das bei dem Thema Ungarn die Emotionen hochgehen, ist ja bekannt. Man muß eben zur Kenntnis nehmen, daß nach 40 Jahren Kommunismus und 20 Jahren weiterer linker Politik der Postkommunisten Ungarn vor riesigen Problemen steht. Das die Ungarn sich nun von der Linken abwenden und einer nationalen Regierung zuwenden ist die logische Folge. Die Linke hatte ihre Chance 60 Jahre lang, wie lange soll Ungarn noch abwarten ?
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Fläche: 93.027 km²

Bevölkerung: 9,982 Mio.

Hauptstadt: Budapest

Staatsoberhaupt:
János Áder

Regierungschef: Viktor Orbán

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Ungarische Parteien
Fidesz
Bund Junger Demokraten: Konservative Partei, geführt von Viktor Orbán, 46, der von 1998 bis 2002 bereits Ministerpräsident von Ungarn war. Der Spitzenkandidat hat ein Programm zur Erneuerung der Wirtschaft angekündigt und will innerhalb von zehn Jahren eine Million neue Arbeitsplätze schaffen. Dabei setzt Fidesz auf eine Politik der Steuerkürzungen.

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MSZP
Ungarische Sozialistische Partei: Sozialdemokratische Politik, waren seit 2002 an der Macht - seit April 2008 in einer Minderheitsregierung. Spitzenkandidat bei den Parlamentswahlen war Attila Mesterházy, 36, der MSZP-Fraktionsvorsitzende. Ihr von 2004 an regierender Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány musste vor einem Jahr wegen des Verlusts seiner Glaubwürdigkeit zurücktreten.

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Jobbik
Bewegung für ein besseres Ungarn: Rechtsextreme Partei, die im Wahlkampf unter anderem mit Hetze gegen die Roma-Minderheit zu punkten versucht hatte. Ihr Vorsitzender Gábor Vona, 31, ist Mitbegründer der im vergangenen Jahr aufgelösten Organisation Magyar Garda, die sich in ihren Uniformen an das Erscheinungsbild der ungarischen NS-Organisation der Pfeilkreuzler anlehnte.

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LMP
Politik kann anders sein: Die links-ökologische Partei wurde mit dem Ziel gegründet, die Vormacht der etablierten Kräfte in der Volksvertretung zu durchbrechen. Sie zieht nun erstmals ins Parlament ein. Als Spitzenkandidat trat der Budapester Anwalt András Schiffer, 38, an. Im Wahlkampf forderte die LMP eine "grüne Wende" in der Wirtschaftspolitik mit Investitionen in ökologische Technologien und Wachstum, das auf Innovation basiert.

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