Ungarn Straßenschlachten in Budapest

Mit Tränengas und Wasserwerfern ist die Polizei in Budapest gegen Demonstranten vorgegangen. Tausende Menschen wollten die Absperrungen zu den offiziellen Gedenkfeiern zum Jahrestag des Aufstandes von 1956 durchbrechen. Ihr Protest richtet sich gegen die sozialistische Regierung Ungarns.


Budapest - Die Sicherheitskräfte versuchten, die Protestierenden durch das Abfeuern von Gummi-Geschossen vom Parlamentsgebäude fern zu halten, berichtet die amtliche Nachrichtenagentur MTI. Die Einsatzkräfte setzten demnach die Wasserwerfer gegen Demonstranten ein, als diese versuchten, die Absperrungen zu den Gedenkfeiern zu durchbrechen. Tränengas soll die Polizei an zwei weiteren Orten in Budapest eingesetzt haben, darunter beim Westbahnhof.

Einige der Demonstranten besetzten einer Agenturmeldung zufolge einen Panzer von 1956 und fuhren damit auf die Polizei zu. Als die Polizisten Tränengas abfeuerten, stoppten sie den Panzer.

MTI zufolge wurden einige Demonstranten geschlagen, darunter ältere Menschen und Frauen. Einige hätten Kopfverletzungen erlitten. Am späten Nachmittag sammelten sich Demonstranten an mehreren Stellen nahe der Innenstadt. Einige hundert Menschen errichteten mit Mülleimern Blockaden und bewarfen Polizisten mit Steinen.

An dem Demonstrationszug zum Parlamentsgebäude, in dem die Feierlichkeiten stattfinden, hatten zunächst rund 1000 Personen teilgenommen. Tausende weitere wollten sich den Protestierenden jedoch noch anschließen.

Zur selben Zeit veranstaltete der oppositionelle Bürgerbund (Fidesz) eine eigene Kundgebung zum 50. Jahrestag des Volksaufstands. Daran nahmen laut MTI mehr als 100.000 Menschen teil.

Wie schon in den vergangenen Wochen richteten sich die Straßenproteste gegen die Regierung des sozialistischen Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsany, der unlängst zugab, die Wähler im Frühjahr gezielt belogen zu haben. Schon bevor dies bekannt wurde, hatten Kritiker bemängelt, die Sozialisten seien als direkte Nachfolger der Kommunisten nicht geeignet, die Gedenkfeiern abzuhalten.

Im Parlament selbst sprach während der Proteste Gyurcsany. Er betonte, dass die Menschen 1956 keine andere Wahl gehabt hätten, als zu rebellieren. Heute aber sei Ungarn ein moderner demokratischer Staat. Trotz gelegentlicher Unzufriedenheit und Enttäuschung glaube die Mehrheit der Bevölkerung, dass die parlamentarische Demokratie am besten geeignet sei, den Willen des Volkes auszudrücken.

Trotz der Spannungen zwischen Regierung und Opposition in Ungarn seit dem Lügeneingeständnis Gyurcsanys zeigten sich die Menschen zu den Feierlichkeiten am Jahrestag des Ungarnaufstands durchaus patriotisch. Die Nationalfarben dominierten die gesamte Hauptstadt, viele Ungarn hüllten sich in die ungarische Flagge oder trugen Armbänder in den Nationalfarben - mit einem Loch in der Mitte. Dies gilt als Zeichen dies Widerstands, seit die Aufständischen gegen die Sowjets von 1956 das Wappen aus der Nationalflagge ausschnitten, um gegen das stalinistische Regime zu protestieren. Am Sonntagabend war das Parlamentsgebäude rot, weiß und grün angestrahlt.

ler/AP/AFP/Reuters



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.