Parlamentswahl in Ungarn Orbáns leise Gegner

Vor den Wahlen in Ungarn am Sonntag liegt die Fidesz-Partei von Premier Orbán in den Umfragen weit vorn - noch. In einigen Regionen ändert sich langsam die Stimmung, sogar in Hochburgen der Rechten.

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Aus Csorna berichtet


Ferenc Szabó war einmal ein begeisterter Orbán-Anhänger. Seit dem Ende der Diktatur in Ungarn hat der Uhrmacher aus dem Städtchen Csorna stets für den heutigen Premier und seine nationalkonservative Fidesz-Partei votiert. Damit ist jetzt Schluss. Bei der Parlamentswahl am 8. April wird der 48-Jährige sein Kreuz woanders machen. Zum ersten Mal seit 28 Jahren.

Szabó sitzt im Café "Barna Papa", gleich neben seinem Laden. "Die Macht ist Orbán und seinen Leuten zu Kopfe gestiegen", sagt er und nippt an einer Weinschorle. "Sie sind zu weit gegangen."

In Csorna sind solche Sätze besonders erstaunlich. Die 10.000-Einwohner-Stadt galt bisher als eine von Viktor Orbáns Hochburgen im Land. Bei der Parlamentswahl vor vier Jahren holte der hiesige Fidesz-Direktkandidat Alpár Gyopáros mit knapp 60 Prozent das mit Abstand beste Ergebnis landesweit. Den Stadtrat dominiert die Orbán-Partei ebenfalls - hier verfügt sie fast über eine Dreiviertelmehrheit.

Vom Aufschwung bleibt nicht viel in Csorna

Csorna liegt in der wirtschaftlich erfolgreichsten Region Ungarns. Nach der Wende haben sich in der Gegend zahlreiche internationale Industrieunternehmen angesiedelt, darunter der deutsche Audi-Konzern in der Großstadt Györ. Hier werden landesweit die höchsten Löhne gezahlt, die Infrastruktur ist am besten.

Platz in Györ
imago/ robertharding

Platz in Györ

Csorna aber spürt vom Wohlstand kaum mehr als den Transitverkehr der vielen Lastwagen, die täglich durch den Ort donnern. Es gibt nur wenige Arbeitsplätze, viele Einwohner pendeln ins 30 Kilometer entfernte Györ oder arbeiten im benachbarten Österreich oder in der Slowakei. Vielleicht kamen deshalb Orbáns Reden zum Schutz des Ungartums in Zeiten der Globalisierung hier immer besonders gut an.

Doch einiges deutet daraufhin, dass die Stimmung langsam umschlägt. In Csorna wie auch anderswo. In Umfragen liegt Fidesz zwar immer noch weit vor allen anderen Parteien. Doch manche Ergebnisse legen den Schluss nahe, dass der Rückhalt für den Ministerpräsidenten in der Bevölkerung schwindet: Eine knappe Mehrheit der Befragten wünscht sich demnach einen anderen Politikstil - und sogar einen Regierungswechsel.

Bogenschießen fürs Vaterland

So wie Ferenc Szabó. Er ist in Csorna geboren und in einem antikommunistischen Elternhaus aufgewachsen. Sich selbst bezeichnet er als "Patrioten", seine große Leidenschaft ist die Traditionspflege. An seinem Geschäft steht das Wort "Uhrmacher" auch in altungarischer Runenschrift. Szabó leitet außerdem den örtlichen Verein für Bogenschießen. Der Sport ist in Ungarn eine Art Markenzeichen von Menschen mit patriotisch-nationaler Gesinnung. Viele Bogenschützen treten in altungarischen Kostümen auf und schießen mit nachgebauten Waffen. In Szabós Geschäft hängen historisch anmutende Pfeile an der Wand.

Nach Dienstschluss geht der Uhrmacher häufig ins "Barna Papa". Das Café ist eine Mischung aus Konditorei, Kneipe und Kantine. Es riecht nach Espresso, Gebäck und Bohnengulasch. Einige Gäste nehmen ihr Essen mit nach Hause, manche bleiben für ein schnelles Bier. Wer will, kann anschreiben lassen. Man kennt sich.

Bei Orbán und Fidesz, sagt Szabó, habe er sich lange Zeit gut aufgehoben gefühlt. Antikommunismus und nationale Werte, das habe ihm gefallen. Doch inzwischen betreibe Orbán eine Politik, die mit seinen früheren Einstellungen immer weniger zu tun habe. Szabó zählt auf, was ihn ärgert: Orbáns Freundschaft mit Russlands Präsident Wladimir Putin, die Korruptionsaffären in seiner Familie und von Fidesz-Parteigrößen, die ausufernde Bürokratie für Kleinunternehmer - Szabó ist es leid. "Die Fidesz-Leute sind fürchterlich arrogant geworden und haben sich viele Affären geleistet", schimpft er. "Zu viele."

Sogar bei Orbáns Dauerthema "Migration" zieht Szabó nicht mehr mit. "Ich würde den Grenzzaun nicht abbauen", sagt er zwar. "Aber Orbán sollte aufhören, Menschen, die auf der Flucht sind, wegen ihrer Religion oder ihrer ethnischen Zugehörigkeit abzustempeln."

Atmosphäre des Misstrauens

Szabó ist eine Ausnahme in Csorna. Nicht wegen dem, was er sagt, sondern weil er mit der Veröffentlichung seines Namens einverstanden ist. Denn auch andere beschweren sich hinter vorgehaltener Hand, klagen über den schlechten Zustand des Gesundheitswesens, sind besorgt über die massenhafte Auswanderung junger Ungarn, empört über die Korruption, oder haben Orbáns Dauertiraden gegen Migranten satt - auch wenn sie prinzipiell mit seiner Flüchtlingspolitik übereinstimmen. Doch die meisten wollen anonym bleiben.

Proteste im April 2017
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Proteste im April 2017

Kritik ist in Ungarn in den vergangenen Jahren zunehmend verstummt. Nur vereinzelt gehen die Menschen auf die Straße, im Frühjahr 2017 protestierten in Budapest Tausende gegen ein umstrittenes Hochschulgesetz. Doch es fällt den Gegnern der Regierung schwer, die Massen dauerhaft zu mobilisieren. Kritik lässt Orbán einfach an sich abprallen.

Dazu kommt der immer größere Einfluss des Staates. Viele Menschen sind abhängig, von Leistungen, von öffentlichen Aufträgen. Sie spüren den Druck, wagen es kaum noch, ohne Erlaubnis von oben zu sprechen. In der Fidesz-Hochburg Csorna ist das besonders spürbar. Hier herrscht eine Atmosphäre des Misstrauens und der Angst, die an realsozialistische Zeiten erinnert.

Sogar Fidesz-Mitglieder oder überzeugte Orbán-Anhänger wollen sich in der Regel nicht öffentlich äußern. Parlamentsabgeordnete lehnen ein Interview ebenso ab wie Bürgermeisterin Katalin Németh.

Nach vielen Telefonaten erklären sich doch zwei Menschen zu einem Treffen bereit, ein wohlsituiertes Rentnerehepaar am Ortsrand von Csorna. Er war früher Maschinenschlosser, sie Lehrerin, beide sind glühende Orbán-Anhänger. Auch sie wollen ihre Namen nicht nennen, aber sie reden.

Kampf gegen die Quote

Unter Orbán habe eine gewaltige Entwicklung stattgefunden, betonen beide. Die Renten seien erhöht, das nationale Unternehmertum gestärkt worden, die Wirtschaft laufe so gut wie nie zuvor. In Orbán sehen sie einen großen europäischen Staatsmann, der "Jahrzehnte vorausdenkt", wie die Frau sagt. Der Premier verteidige "Ungarn in Brüssel", ergänzt ihr Mann. Wovor? "Vor der Quote." Er meint die Umverteilung von Flüchtlingen innerhalb der EU.

Beide finden es ungerecht, wenn man Leuten wie ihnen Rassismus vorwirft. Sie sind auch nicht von Hass getrieben. Als sie jedoch vor drei Jahren die Züge voller Flüchtlinge an Csorna vorbeifahren sahen, da hätten sie - bei allem Mitleid - Angst bekommen. Die Angst, all die Menschen könnten ihr gewohntes Leben verändern. Die Angst, etwas könnte aus den Fugen geraten. "Das ist doch verständlich, oder?", fragt der Mann. "Es ist gut, dass wir EU-Mitglied sind. Wir haben nur ein Problem mit Europa. Die Quote."

Premier Viktor Orbán
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Premier Viktor Orbán

Es ist Abend in Csorna. Ferenc Szabó hat seine Weinschorle ausgetrunken und tritt vor die Tür des "Barna Papa". Die Stadt wirkt wie ausgestorben. Nur einige Lastwagen sind noch zu sehen. Bald wird das letzte Teilstück der Umgehungsstraße fertiggestellt sein. Dann herrscht endlich Ruhe im Ort.

Eine trügerische Ruhe? Solange es kaum Menschen gibt, die offen widersprechen, hat es die Regierung noch leicht. Für wen wird Szabó bei der Wahl eigentlich stimmen? Der Uhrmacher lächelt. Das geht selbst ihm zu weit. Er möchte es nicht verraten.

Stattdessen lobt er plötzlich Bürgermeisterin Németh, die Fidesz-Politikerin. Sie habe Radwege bauen und die Parks verschönern lassen. Man spüre, dass sie sich um Csorna bemühe. Das klingt ein bisschen so, als fühle sich Szabó nicht wohl dabei, seine Kritik ohne eine positive Bemerkung stehen zu lassen - nicht weil er sich fürchtet, sondern weil er sein Land nicht schlechtreden will. "Ich bin gerne Ungar und lebe gern in diesem Ort", sagt er. "Schreiben Sie das!"

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hardeenetwork 05.04.2018
1. Die Rechten
...werden genauso verschwinden wie sie gekommen sind. Die Menschen wollen Frieden ohne Hass und Populismus. Die wenigen Marktschreier werden langsam heisser und nicht mehr gehört. Gut so!
jujo 05.04.2018
2. ...
Es ist so wie es schon immer war. Es verlassen immer in der Regel zuerst die gut ausgebildeten, flexiblen Menschen ihre Heimat, egal ob aus Afrika, oder jetzt aus Ungarn. Leider hat der ungarische Nationalismus immer noch sehr viele (zuviele) Anhänger. Es wird immer noch von einem Großungarn geträumt, das der Vertrag von Trianon revidiert wird. Mein Schwager hat im Wohnzimmer die Karte Ungarns gerahmt im Wohnzimmer hängen mit den Grenzen von 1918. Meine Frau ( aus Ungarn stammend ) und ich kommen in ein Alter in dem sich Gedanken machen sollte was wird wenn man alleine bleibt und auf Hilfe angewiesen ist. Meine Frau sagt ganz klar, das sie auf keinen Fall z.Z. nach Ungarn zurückgehen würde, obwohl sie sich dort ein sehr gutes Alten- oder Pflegeheim leisten könnte.
winnirich 05.04.2018
3. Ferenc Szabo...
...hört sich irgendwie an, an wie ein Pseudonym. "Aber Orbán sollte aufhören, Menschen, die auf der Flucht sind, wegen ihrer Religion oder ihrer ethnischen Zugehörigkeit abzustempeln." Das stimmt so definitiv nicht! Andererseits stimmt ja Herr Szabo im Großen und Ganzen Orbans Politik zu. Nur in einzelnen Punkten kann man noch etwas verbessern....wie in einem funktionierenden Staat.
sanko1212 05.04.2018
4. Ein sehr gutes Psychogram
Der Artikel zeigt sehr anschaulich, warum es auch am 8. April verdammt schwer werden dürfte, ein Regimewechsel südlich des Donauknie herbeizuführen. Die Nationalisten haben nur in Budapest, Szeged und vielleicht noch in ein-zwei Großstädten mit Bildungsbürgertum nennenswerten Widerstand zu erwarten. Auf dem flachen Land verfängt noch immer die kongenial einfache Parole "Csak a FIDESZ!" (Nur die FIDESZ!), die suggeriert, dass nur diese Partei imstande sei, Ungarns Probleme zu lösen. Die unpolitischen und tlw. auch einfach gestrickten Menschen glauben es, sie interessiert es herzlich wenig, wie der vermeintliche Wohlstand zu Stande kam - durch eine exorbitante Subventionierung dank EU und eine extrem hohe Verschuldungsproblem des Landes, dass unter diesen Vorzeichen noch über viele Jahrzehnte nicht in der Lage sein dürfte, über die Einführung des Euro auch nur nachzudenken. Hinzu kommt eine ständige Flucht der wirklichen Eliten ins westliche Ausland, da diese nicht willens sind, in einer Atmosphäre der Unfreiheit, der Intoleranz und der beständigen hasserfüllten Indoktrinierung durch gleichgeschaltete Massenmedien zu leben und zu wirken.
ronvalentini 05.04.2018
5.
Zitat von hardeenetwork...werden genauso verschwinden wie sie gekommen sind. Die Menschen wollen Frieden ohne Hass und Populismus. Die wenigen Marktschreier werden langsam heisser und nicht mehr gehört. Gut so!
Ganz genau. Siehe die Font National in Frankreich und die Lega in Italien...beide fast verschwunden. Traeumen Sie weiter!
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