Attacken auf Schülerin in Orbáns Ungarn Mit einem Satz zur Staatsfeindin

"Debiles Rindvieh", "Straßenflittchen", "Proll-Frau": Solche Beleidigungen muss sich Blanka Nagy in Ungarn bieten lassen - in TV und Zeitungen. Das "Vergehen" der 19-Jährigen: Kritik an der Orbán-Regierung.

Blanka Nagy
Gabor Sioreti/ Magyar Narancs

Blanka Nagy


Die Leute vor dem Rathaus der ungarischen Kreisstadt Kecskemét sind wütend. "Es reicht! Wir sind keine Sklaven!", rufen sie. Und fluchen: "Schnurrbärtiger Scheißkram!" Eine Anspielung auf den ungarischen Staatspräsidenten János Áder, der an diesem Tag eine neue Überstundenregelung unterschrieben hat, tituliert als "Sklavengesetz". Dagegen protestieren die etwa 500 Menschen an diesem Abend - so wie an vielen anderen Orten im Land.

Eine 19-jährige Schülerin tritt ans Mikrofon. Zornig schimpft sie auf den Premier Viktor Orbán, seine Regierung und seine Partei Fidesz. In Ungarn grassiere eine "Seuche namens Fidesz", eine "widerliche Diebesbande" sei an der Macht, die sich aus Steuergeldern bereichere, während die einfachen Menschen Existenzsorgen hätten. Sechs Minuten lang redet sie sich in Rage. Dann kommt der letzte Satz. "Ich habe eine Botschaft an diesen schnurrbärtigen Schwanz und alle Fidesz-Abgeordneten: Tretet ab und fi**t euch ins Gesicht!" Die Leute johlen.

Viktor Orbán
SZILARD KOSZTICSAK/EPA-EFE/REX

Viktor Orbán

Das war am 20. Dezember vergangenen Jahres. Mit ihrer Wutrede sorgt die Schülerin Blanka Nagy umgehend für Schlagzeilen in Medien und Diskussionen in sozialen Netzwerken. "Der letzte Satz ist mir im Eifer so rausgerutscht", sagt die Schülerin heute im Gespräch mit dem SPIEGEL, "aber ändern würde ich ihn trotzdem nicht."

Wüste Beleidigungen im Fernsehen

Eigentlich flucht in Ungarn in privaten Gesprächen so gut wie jeder in ähnlichem Stil wie Blanka Nagy. Auch deftige Schimpfworte wiegen dabei weniger schwer als ihre wörtlichen Übersetzungen im Deutschen. Salonfähig sind sie in der Öffentlichkeit dennoch nicht.

Die Causa der Schülerin wäre womöglich eine Fußnote in der Chronik der gegenwärtigen Protestbewegung gegen die Orbán-Regierung geblieben, hätten sich nicht Fidesz-Propagandisten auf die Schülerin eingeschossen.

Allen voran Zsolt Bayer, ein langjähriger Orbán-Freund und Fidesz-Mitbegründer, seit Jahren bekannt und teilweise auch gerichtlich verurteilt für seine vulgäre Ausdrucksweise und seine Hasstexte. Anfang 2013 schrieb er in seinem wohl berüchtigtsten Artikel über Roma, sie seien "Tiere, die nicht sein dürfen". In seiner Fernsehsendung "Bayer Show" nannte er die Schülerin am 13. Januar ein "debiles Rindvieh" und eine "elende, billige, erbärmliche, verdammte Proll-Frau".

Blanka weiß, wie vergiftet Ungarns politische Kultur ist

Tage später verglich der Chefredakteur der regierungsnahen Zeitung "Demokrata", András Bencsik, das Mädchen mit einem "Straßenflittchen". Zuvor hatten sich bereits die Leitung des Gymnasiums, das Blanka Nagy besucht, sowie mehrere Fidesz-nahe Vereinigungen von der Wortwahl der Schülerin distanziert. Inzwischen ist die 19-Jährige zu einer Art Staatsfeindin in Orbáns Ungarn avanciert.

Blanka Nagy stammt aus dem Ort Kiskunfélegyháza. Ihre Mutter ist Arbeiterin im 25 Kilometer entfernten Mercedes-Werk in Kecskemét. Ihr Vater, der ebenfalls Arbeiter war, starb 2015 an Krebs. Zu Hause sind sie sechs Geschwister. Weil die Mutter arbeitete und der Vater krank war, musste Blanka Nagy früh viel Verantwortung übernehmen - auf ihre jüngeren Geschwister aufpassen, den Haushalt mitführen, kochen. Ihren Vater begleitete sie oft zu medizinischen Behandlungen. Die desolaten Zustände in vielen ungarischen Krankenhäusern, mangelnde Hygiene, fehlendes Personal, empörten sie. Sie fand, man dürfe dazu nicht schweigen.

Nach dem Tod ihres Vater beteiligte sie sich regelmäßig an Schülerprotesten und sprach auf Demonstrationen. Zur Kundgebung in Kecskemét im Dezember hatte sie eine Gewerkschaft eingeladen. Sie weiß, wie vergiftet Ungarns politische Kultur ist. Orbán und seine Partei haben dazu in den vergangenen zwei Jahrzehnten zwar nicht allein, aber entscheidend beigetragen. War es angesichts der tiefen Polarisierung im Land richtig, in diesem Stil zu fluchen? "Ich war und bin einfach sehr wütend über die Zustände in diesem Land", sagt Blanka Nagy. "So wie viele einfache Menschen, die das Gefühl haben, ihre Sorgen würden von der Regierung komplett ignoriert."

Den Mund will sie sich nicht verbieten lassen

Verletzt war die Schülerin über die Reaktionen im Regierungslager auf ihre Rede nicht. Bayer beispielsweise habe sie einfach nur in der ihm eigenen Weise beschimpft, das könne sie schlicht nicht ernst nehmen, sagt Blanka Nagy. Überhaupt habe es keine begründete Kritik an ihren politischen Aussagen zu Korruption und Armut im Land gegeben. Auch ihre schlagartige Berühmtheit lässt sie eher kalt. "Es geht doch nicht um mich", sagt sie, "sondern um die Probleme in diesem Land. Die werde ich auch weiterhin öffentlich ansprechen."

Blanka Nagy möchte nach dem Abitur in diesem Jahr Theaterwissenschaften studieren und Regisseurin werden. Gut möglich, dass sie wegen ihrer Wutrede an keiner Universität aufgenommen wird - ähnliche Fälle gab es in Ungarn bereits. Auch das nimmt die Schülerin gelassen. "Wenn sie mich an der Uni nicht nehmen, werde ich vielleicht Köchin, denn ich koche sehr gern. Aber meinen Mund halte ich nicht."



insgesamt 35 Beiträge
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isi-dor 27.01.2019
1. Die junge Generation muss es richten.
Respekt vor Blanka. Sie hat zwar die derbe Sprache der Rechtsradikalen in Ungarn verwendet, aber die ist ja auch die einzige, die von den Angesprochenen noch verstanden wird. Für mich verdächtig für einen Friedensnobel- oder wenigstens Karlspreis. Karl war ja sprachlich bekanntlich auch kein Kind von Traurigkeit.
Schmitz70 27.01.2019
2. Bravo
Je mehr die ungarischen Populisten um Orban schimpfen umso mehr hat Blanka Nagy mit ihren Pfeilen ins Schwarze getroffen. Vor dem Volk können sich die Populisten nicht verstecken. Es zählt was sie an materiellen Wohlstand schaffen und da versagen sie.
sametime 27.01.2019
3. Bei einer Jugendlichen trauen sich alle...
Was für ein übles Land.
Frietjoff 27.01.2019
4.
Zitat von isi-dorRespekt vor Blanka. Sie hat zwar die derbe Sprache der Rechtsradikalen in Ungarn verwendet, aber die ist ja auch die einzige, die von den Angesprochenen noch verstanden wird. Für mich verdächtig für einen Friedensnobel- oder wenigstens Karlspreis. Karl war ja sprachlich bekanntlich auch kein Kind von Traurigkeit.
So würde ich das nicht charakterisieren. Das ist normale Alltagssprache in Ungarn. Meine ungarischen Verwandten, allesamt tolerante, kosmopolitische, »linke« Akademiker und Künstler, sprechen auch so. Das hat also nichts mit den Rechtsradikalen zu tun. Was stimmt ist, dass die Orbán-Partei Fidesz (und die NOCH rechteren »Rechten«) diese vorher informelle Alltagssprache auch im politischen Diskurs salonfähig gemacht hatten. Gerade sie hatten so die demokratischen Kräfte über Jahrzehnte mit beispielloser Demagogie verleumdet. Was ja auch erfolgreich war. Blanka hat jedenfalls nichts falsch gemacht, im Gegenteil. Hätte sie den letzten Satz nicht gesagt, hätte niemand außerhalb Kecskeméts von ihrer Rede erfahren. Wir müssen uns trotzdem Sorgen um sie machen. Kein Regime kann solche Kritik tolerieren. Kein Kaiser kann es sich leisten, von einem einfachen Schulmädchen nackt genannt zu werden.
InternetResearchAgency 27.01.2019
5. Mutige Blanka
Traurig, dass die politische Kultur in Orbanien so weit heruntergekommen ist. Illiberale 'Demokratie' eben. Wir werden in den nächsten Jahren noch viel Spaß mit den ach so demokratischen Visegrad-Staaten haben :(
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