Ungewisses Erbe Arafats Adoptivkinder bangen um ihre Zukunft

Lina, Zeana, Rana und Tariq haben Jassir Arafat auf besondere Weise kennen gelernt: Sie gehören zu den rund 75 Adoptivkindern, die der verstorbene Palästinenserführer an Kindes Statt angenommen und finanziell versorgt hat. In ihrer Wohnung in Ramallah trauern die vier nun um ihren Vater - und sorgen sich um ihre Zukunft.

Aus Ramallah berichtet Yassin Musharbash


Das Baby und der Rais: Mutter Raghda Hassan nennt ihr Neugeborenes nach Jassir Arafat, der wenige Stunden vor der Geburt des Kindes am 11. November starb
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Das Baby und der Rais: Mutter Raghda Hassan nennt ihr Neugeborenes nach Jassir Arafat, der wenige Stunden vor der Geburt des Kindes am 11. November starb

Ramallah - Es könnte eine ganz gewöhnliche palästinensische Studentenwohnung sein: Auf dem Beistelltisch, eingerahmt von zwei Sesseln und zwei Sofas, steht eine Holzschale mit Marlboro- und L&M-Zigarettenschachteln, unter dem kleinen Fernseher versteckt sich ein Videorekorder, im Nebenzimmer steht eine blaue Mini-Musikanlage. Doch anstelle der arabischen Popmusik, sie sonst allerorten schon wieder zu hören ist, dringen hier bedächtig vorgetragene Koranverse aus den Lautsprechern. Und an den kahlen, weiß gestrichenen Wänden hängen überdimensionale Porträts des palästinensischen Präsidenten Jassir Arafat. Es ist eine Wohnung in Trauer, auch drei Tage nach dem Tode Arafats.

Lina Jassir Arafat, Ziena Jassir Arafat: Schon die Namen der beiden jungen Frauen, die hier wohnen, deuten auf eine außergewöhnliche Beziehung zum verstorbenen Palästinenserführer hin. Alle Palästinenser sagen, sie hätten mit Arafat ihren Vater verloren. In diesem Fall aber ist das wörtlich zu verstehen. Ihre leiblichen Eltern, ihren eigentlichen Familiennamen, ihre ursprünglichen Heimatorte haben die beiden Studentinnen nie gekannt. Nicht einmal die Namen, die ihre Eltern ihnen gaben. Beide sind im Libanon geboren, 1982, im Abstand weniger Wochen. Das ist alles, was sie mit Sicherheit wissen. Und natürlich, dass sie im Jahr ihrer Geburt die von libanesischen Milizen unter Schutz der israelischen Armee begangenen Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern in Sabra und Schatila überlebten.

Tausende starben damals. Drei Tage, vom 16. bis zum 19. September, dauerte das grausame Abschlachten. "Wir", sagt Ziena, "wurden anschließend in den Trümmern gefunden". Der eine Flügel ihre Nase ist verunstaltet. Es ist unmöglich, sie zu fragen, ob sie dieses Mal dem Massaker im Libanon verdankt: Sobald ein Blick auf ihre Nase fällt, wendet sie augenblicklich ihren Kopf ab. Ziena trägt eine blau umfasste Sonnenbrille und legere Kleidung, im Schneidersitz sitzt sie in einem der beiden tiefen Sessel. "Nachdem man uns fand", fährt sie fort, "hat Jassir Arafat uns adoptiert." Lina und Ziena - sogar ihre Vornamen hat der PLO-Chef persönlich ausgesucht.

"Wir sind wirklich wie Geschwister"

Insgesamt rund 75 Kinder hat Jassir Arafat im Laufe seines Lebens an Kindes Staat angenommen, alles Waisen, deren Eltern im Befreiungskampf umgekommen sind. Vier von ihnen, neben Lina und Ziena noch Rana und Tariq, leben in dieser Wohnung in Ramallah, zwei andere in einer anderen Wohnung in der Stadt, viele weitere im Gaza-Streifen, einige in Europa und den USA. Noch immer, sagt Tariq, haben sie alle Kontakt miteinander. "Wir sind wirklich wie Geschwister", erklären die drei Mädchen gleichzeitig und mit dem gleichen Worten.

Waisen und Adoptivvater: Lina Jassir Arafat, Jassir Arafat und Zeana Jassir Arafat

Waisen und Adoptivvater: Lina Jassir Arafat, Jassir Arafat und Zeana Jassir Arafat

Je nach Standpunkt wurde Arafats Adoptions-Ritual als skurril belächelt, als zynisch verurteilt oder als Zeichen der Barmherzigkeit gefeiert. Lina, Ziena, Tariq und Rana lassen keinen Zweifel daran, dass sie den Akt als Rettung empfinden. Ohne Arafat, sagt Lina, die raucht, eine Jeans und ein enges, schwarzes Oberteil trägt, "hätten wir keine Zukunft gehabt." Was für ein Leben aber mag das gewesen sein - als Adoptivkind eines Guerillakämpfers, der ständig in der Weltgeschichte herumflog, dem Israel nach dem Leben trachtete, der aus zwei arabischen Ländern vertrieben wurde und in Tunesien im Exil hauste?

"Jassir Arafat war unser Vater und unsere Mutter zugleich", sagt Lina - mit einem deutlichen Seitenhieb gegen Arafats Ehefrau Suha. "Jeden Tag, zumindest jeden zweiten Tag kam er uns besuchen und spielte mit uns." Er habe mit ihnen Lieder gesungen, meistens solche, in denen es um Palästina geht, habe ihnen Geschichten vorgelesen, mit ihnen gegessen. Eigens für sie ließ er Mangos, Guaven und Bananen aus Ägypten herschaffen, Süßigkeiten und palästinensischen Thymian bringen, Ramadan-Gebäck aus Jerusalem einfliegen. Und manchmal, sagt Lina, "da setzte er uns sogar seine Keffiyeh auf", jene schwarz-weiße Kopfbedeckung, die weltweit Arafats Erkennungszeichen war.

Alle 75 Kinder lebten mit Arafat in Tunis, sie besuchten dort die Palästinensische al-Quds-Schule, benannt nach Jerusalem und eigens eingerichtet für die Kinder der PLO-Kämpfer in Tunis. Es gibt Bilder aus jenen Tagen, die zeigen einen lachenden Arafat inmitten einer Kinderschar, beim Essen, beim Spielen, sie zeigen sogar, wie sich einige Kinder an seine oliv-farbene Uniform ankuscheln. Gestellte Fotos, für die politische Propaganda? Nein, es war lustig, es war eine schöne Zeit, sagen die vier Adoptivkinder. Jeden Sommer gab es eine mehrwöchige Urlaubreise für Abu Ammars Kinder: Malta, Frankreich, Italien, Holland, die nordafrikanischen Staaten... Sie lebten in nicht-palästinensischen Gastfamilien, die manchmal sogar anfragten, ob sie die Kinder nicht behalten könnten. "Aber Abu Ammar hat das verhindert", berichtet Tariq, dessen Eltern bei einem israelischen Luftangriff auf das Flüchtlingslager von Tripolis im Libanon umkamen. Für ihn ist das ein Ausweis der Liebe, die Arafat für seine Kinder empfand.

"Das ist Eure Heimat!", schrie Arafat

Tariq Jabbar mit Adoptivvater Arafat: Nicht immer wie ein leiblicher Vater

Tariq Jabbar mit Adoptivvater Arafat: Nicht immer wie ein leiblicher Vater

Später, nach dem Oslo-Abkommen von 1993, kehrten die Adoptivkinder gemeinsam mit Jassir Arafat aus dem Exil nach Palästina zurück, sie ließen sich in Gaza nieder. Lächelnd erinnert sich Lina daran, dass sie alle schreckliches Heimweh hatten. Als sie weinten, weil sie nach Tunis zurückwollten, berichtet sie, habe Abu Ammar sie das erste und einzige Mal angebrüllt: "Das hier ist eure Heimat!"

Rana, die lange Haare hat und besonders traurig ausschaut, erinnert sich daran, dass Arafat nach seiner Rückkehr aus Tunis immer weniger Zeit für sie hatte: "Erst kam er noch jeden zweiten Tag, dann nur noch jede Woche, dann einmal im Monat". Tariq, der heute im Innenministerium arbeitet, nickt zustimmend. Abu Ammar, gibt er zu verstehen, habe eben viel zu tun gehabt. Natürlich habe er nicht immer wie ein leiblicher Vater sein können. "Er musste ja gleichzeitig der Vater aller Palästinenser sein."

Einige Palästinenser sind der Ansicht, dass Arafats Dutzende Adoptivkinder ungebührliche Privilegien genießen. In der Tat, berichten die vier übereinstimmend, brauchten sie nur in seine Büro gehen, wenn sie etwas benötigten, und er sorgte dafür, dass sie es auch bekamen. "Aber wir hatten ja auch keine Eltern, die das für uns getan hätten", rechtfertigt Ziena Arafats Verhalten. Lina weist darauf hin, dass es auch Nachteile der besonderen Beziehung gibt: Neun Stunden wurde sie neulich am nach Jerusalem führenden Checkpoint Kalandija von israelischen Soldaten festgehalten. Nur wegen ihres Namens. Lina Jassir Arafat, geboren 1982 im Libanon - "Die Israelis wissen, dass es uns gibt, und sie benutzten mich, um Abu Ammar zu demütigen", sagt sie. Nicht alle der Adoptivkinder tragen Jassir Arafats Namen als Nachnamen. Nur jene, deren Eltern unbekannt sind: ein kleines, symbolisches Privileg unter Privilegierten.

Misstrauen gegenüber Arafats Nachfolgern

Nun aber ist Abu Ammar tot, und für alle seine Adoptivkinder ist das eine Katastrophe. Aus persönlichen Gründen, aber ohne Zweifel auch deshalb, weil ihre abgesicherte Zukunft an seiner Person hing. Posten in der Autonomiebehörde, eine ausreichendes lebenslanges Auskommen - von einem lebenden Jassir Arafat war das alles problemlos zu bekommen, von seinen Nachfolgern vielleicht nicht.

"Es gibt kein Testament zu unseren Gunsten, nichts Schriftliches", sagt Ziena besorgt. Solange er lebte, da habe er immer gesagt: Niemand wird euch nehmen, was euch zusteht. Jetzt sind alle vier verunsichert, Tariq, der schon arbeitet, etwas weniger. Zwar kennen sie aus dem Exil auch Abu Mazen und Abu Ala, die beiden Arafat-Gefährten, die sich dessen Macht nun wohl teilen werden. Aber es gibt keinerlei persönliche Bindung. Lina und Rana, die später gerne einmal Diplomatinnen werden möchten, und Ziena, die als Journalistin arbeiten will, sind deshalb misstrauisch gegenüber der neuen Führung.

Nach einem Moment des Schweigens bringen Rana und Ziena roten Traubensaft und räumen den Tee ab. Gleich geht die Sonne unter, heute ist der erste Tag des Festes, das den Fastenmonat Ramadan beschließt. Viele Freunde rufen an, drücken erst ihr Beileid aus, wünschen dann alles Gute für die Festtage. Später wollen die vier gemeinsam zur offiziellen Trauerzeremonie in die Mukataa, Arafats vormaliges Hauptquartier gehen. Obwohl ja eigentlich, nach arabischem Brauch, die Menschen zu ihnen kommen müssten, um ihr Beileid zu bekunden. Schließlich sind sie, nach Suha, die nächsten Angehörigen. Aber vielleicht stimmt das nur in ihren Augen. Denn mit Arafats Tod geht wohl auch das System Arafat unter, von dem Ziena, Lina, Rana und Tariq bisher ein Teil waren. Und vielleicht ist dieses System sogar schon tot.



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