Unglück in Smolensk: Polens Präsident Kaczynski stirbt bei Flugzeugabsturz

Schock und Trauer in Polen: Präsident Lech Kaczynski, seine Frau Maria und etliche hochrangige Vertreter des Landes sind bei einem Flugzeugabsturz getötet worden. Die Regierung kündigte eine Krisensitzung an.

Warschau/Smolensk - Trümmer, rauchende Wrackteile - dazwischen Feuerwehrleute, die versuchen, in dem Chaos noch Überlebende zu finden. Erste Bilder aus dem russischen Smolensk zeigen das Ausmaß der Katastrophe: Es wäre ein Wunder, wenn es nach dem Absturz der Tupolew Tu-154 Überlebende gäbe.

An Bord der Maschine befanden sich Polens Präsident Lech Kaczynski, seine Frau Maria Mackiewicz und etliche hochrangige Vertreter des Landes. In seiner Begleitung seien Generalstabschef Franciszek Gagor , Vize-Außenminister Andrzej Kremer, Parlamentsvizechef Jerzy Szmajdzinski und Notenbankchef Slawomir Skrzypek gewesen, heißt es. Außerdem an Bord: Kaczynskis engste Mitarbeiter Wladyslaw Stasiak, Aleksander Szczygo, Pawel Wypych und Mariusz Handzlik. Auch mehrere Abgeordnete seien an Bord gewesen.

Der Gouverneur der Region Smolensk, Sergej Anufriew, sagte im russischen Staatsfernsehen: "Die polnische Präsidentenmaschine hat es nicht auf die Landebahn geschafft. Niemand hat die Katastrophe überlebt."

Bei dem Unglück starben 96 Menschen - 88 Mitglieder der Delegation sowie acht Besatzungsmitglieder. Das Präsidentenpaar Kaczynski hinterlässt seine Tochter Marta und zwei Enkelinnen.

Kaczynski und seine Delegation waren auf dem Weg zu einer Gedenkfeier für die Ermordung polnischer Soldaten durch den sowjetischen Geheimdienst vor 70 Jahren im russischen Katyn. Am Mittwoch hatte Russlands Regierungschef Wladimir Putin Katyn besucht und Tausenden ermordeten polnischen Offizieren die letzte Ehre erwiesen.

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Lech Kaczynski: Vom Kinderstar zum polnischen Staatschef
Stalin hatte im April und Mai 1940 allein in Katyn 4000 polnische Offiziere, Geistliche, Beamte und andere "konterrevolutionäre Elemente" mit Genickschüssen liquidieren lassen, weitere in Twer und in anderen Orten - insgesamt mehr als 20.000 Polen.

Das Massaker von Katyn ist immer ein wunder Punkt in den Beziehungen Russlands und Polens gewesen. Die Führung in Moskau hatte jahrzehntelang versucht, Nazi-Deutschland die Schuld an dem Verbrechen von Katyn in die Schuhe zu schieben. Erst nach dem Zerfall der Sowjetunion räumte Russland ein, dass das polnische Offizierskorps dort 1940 auf Befehl von Stalin erschossen worden war. Zuvor waren sowjetische Truppen auf der Grundlage des Hitler-Stalin-Paktes in Polen einmarschiert.

Nebel beim Anflug

Die in Warschau gestartete Maschine war am Morgen beim Anflug nahe Smolensk in mehrere Bäume gerast, dann fing die Maschine Feuer, hieß es in Berichten aus Warschau. Es sei neblig gewesen, sagte ein polnischer Regierungssprecher. Berichten zufolge versuchte die Maschine viermal zu landen. Die Unglücksmaschine war mindestens 20 Jahre alt.

Die russische Generalstaatsanwaltschaft teilte mit, dass als Unglücksursache das neblige Wetter, ein technischer Defekt oder menschliches Versagen in Frage kämen. Kreml-Chef Dmitrij Medwedew setzte eine Untersuchungskommission unter Leitung von Ministerpräsident Wladimir Putin ein.

Die polnische Regierung von Premierminister Donald Tusk kündigte ein Krisentreffen für diesen Samstag an. Polen trauert: In Warschau legten Menschen schon kurze Zeit nach den ersten Berichten über das Unglück Blumen vor dem Präsidentenpalast nieder und entzündeten Kerzen. Die Flaggen wurden auf Halbmast gesetzt.

Der 60-jährige Kaczynski war seit Dezember 2005 Staatspräsident. Zusammen mit seinem Bruder Jaroslaw gründete er die nationalkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS). Kaczynski trat für einen starken Staat ein und betonte nationale Werte. Von 2000 bis 2001 war er Justizminister. Nachdem er zum Staatsoberhaupt gewählt wurde, galt Polen als die "Zwillingsrepublik": Sein ihm zum Verwechseln ähnlicher Bruder Jaroslaw amtierte von 2006 bis 2007 als Ministerpräsident.

In Polen waren bisher für den Herbst Präsidentschaftswahlen geplant, sie werden jetzt früher stattfinden. Ersten Umfragen zufolge lag der von der polnischen Bürgerplattform (PO) nominierte Kandidat Bronislaw Komorowski deutlich vor Kaczynski.

Als Parlamentspräsident hat Komorowski laut Verfassung das zweithöchste Staatsamt inne und übernimmt damit nach dem Tod Kaczynskis alle Pflichten des Präsidenten. Innerhalb von 14 Tagen muss er das Datum für die Präsidentschaftswahlen festsetzen.

Die Verfassung sieht für den Fall, dass ein amtierender Staatschef stirbt, Neuwahlen binnen zwei Monaten vor.

hen/mas/dpa/Reuters

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