Uno-Syrien-Beobachter unter Beschuss: Letzte Waffe YouTube

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Der Einsatz der Uno-Beobachter in Syrien wird zur gefährlichen Mission. Sie geraten selbst unter Beschuss und müssen hilflos zusehen, wie das Regime Städte bombardiert. Jetzt dokumentieren die Blauhelme die Gewalt auf YouTube - ein Akt der Hilflosigkeit.

Uno-Beobachter umringt von Assad-Unterstützern: Bei einem Besuch in Homs im April Zur Großansicht
DPA

Uno-Beobachter umringt von Assad-Unterstützern: Bei einem Besuch in Homs im April

Berlin - Es ist ein Job, bei dem die Beteiligten regelmäßig ihre Grenzen aufgezeigt bekommen. Die 297 Uno-Beobachter in Syrien sind mitten im Krieg, dabei sollten sie eigentlich die Umsetzung des Friedens überwachen. Von allen Seiten lauert für die Blauhelme außerdem Gefahr. Die Beobachter stehen nicht mehr am Rand. Sie werden immer mehr in den Mittelpunkt des Geschehens hineingezogen.

So nutzen die Assad-Gegner sie als menschliche Schutzschilde. Immer wieder schieben sich Aktivisten hinter den Blauhelmen an Kontrollpunkte des Regimes heran und skandieren Anti-Assad-Slogans - so lange, bis regimetreue Truppen das Feuer eröffnen. Bereits mehrmals gerieten die Uno-Beobachter so unter Beschuss. Sie selbst dürfen keine Waffen tragen. Ihnen bleibt dann nur noch die Flucht.

Die Schwächen haben auch die Assad-Anhänger erkannt. Sie spielen ihr eigenes Spiel mit den Uno-Vertretern. Am Dienstag wollten Uno-Beobachter in das Dorf Haffa in der Küstenregion des Landes fahren, um sich ein Bild von der Lage zu verschaffen. Bewaffnete Gegner von Machthaber Baschar al-Assad hatten sich dort verschanzt. Seit Tagen tobten erbitterte Kämpfe. Einheiten des Regimes nahmen das Dorf unter Artilleriebeschuss. Das US-Außenministerium warnte, es könnte in Haffa ein neues Massaker geben.

Doch die Blauhelme haben bisher keinen Fuß in das Dorf setzen können. Auf der Straße nach Haffa wurde der Konvoi der weißen Uno-Landcruiser von jungen Assad-Unterstützern gestoppt. Was dann folgte, zeigt ein von syrischen Oppositionellen ins Internet gestellte Video (siehe unten). Die Uno bestätigte später den Vorfall.

In dem Video sieht man die Assad-Anhänger erst vor den Blauhelm-Fahrzeugen demonstrieren. Sie skandieren "Mit unser Seele und unserem Blut opfern wir uns für Dich, Baschar". Es dauert nicht lang, und der erste der Halbstarken greift zur Spraydose und fängt an "Baschar" in Rot auf die Motorhaube des Uno-Autos zu sprühen. Andere greifen zu Stöcken, Steinen. Sie schlagen auf die Fahrzeuge ein. Der erste steigt aufs Autodach und springt auf und ab. Immer mehr wollen ihm folgen.

Die Uno-Fahrzeuge legen den Rückwärtsgang ein. Sie verschwinden. Jubelnd laufen ihnen die Assad-Unterstützer hinterher. Was in dem Dorf Haffa passiert, konnten die Blauhelme nicht verhindern, nicht einmal herausfinden.

Eine ähnliche Szene der Ohnmacht spielt sich auch in Homs ab. Die Blauhelme sind dort und können nur feststellen: Ein Stadtviertel wird bombardiert vor ihren Augen und Ohren. Ein Mitglied des Beobachterteams greift zur Kamera und filmt. Am Dienstag um 17 Uhr laden die Beobachter ihre Aufnahmen auf dem YouTube-Kanal "UNSMIS" hoch, benannt nach der offiziellen Abkürzung der Syrien-Uno-Mission.

Es ist das erste Mal, dass die Uno-Beobachter Bilder von Gefechten hochladen. Sie unterscheiden sich kaum von den Videos, die syrische Aktivisten täglich aus Homs ins Netz stellen. Doch dieses Mal kann der Zusatz "Diese Aufnahmen stammen von unbekannten Dritten und können nicht überprüft werden" entfallen.

Das Video zeigt auch die Grenzen der Blauhelm-Mission. Wie die Internetaktivisten können die Beobachter den Artilleriebeschuss nicht verhindern, nur dokumentieren. Die Uno-Mission sollte beide Seiten zur Zurückhaltung zwingen und eine weitere Eskalation des Konflikts verhindern. Doch die Bilder zeigen die Ohmacht der Blauhelme.

Wie gefährlich die Arbeit in Syrien für die Truppe ist, zeigt ein Video, das sie wenig später auf YouTube einstellen: Bilder einer zerschossenen Heckscheibe eines ihrer Landcruiser. In den Fensterscheiben der Türen zeichnen sich die Treffer auf dem offenbar gepanzerten Glas ab. Die Uno-Beobachter wurden angegriffen, als sie in der Provinz Idlib im Norden des Landes unterwegs waren.

"Wir wissen nicht, wer auf uns geschossen hat", sagt eine Sprecherin der UNSMIS dazu. Es könnten Regime-Anhänger gewesen sein, die die Arbeit der Uno verhindern wollen. Genauso gut könnten es auch Regime-Gegner sein, die wissen, dass tote Blauhelme den Druck auf Damaskus erhöhen. Anstatt die Gewalt an Zivilisten zu stoppen, droht den Uno-Beobachtern immer häufiger, dass sie selbst zu Opfern in dem Konflikt werden.

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insgesamt 63 Beiträge
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1. UNO raus aus Syrien
otto_iii 14.06.2012
Holt die Beobachter da raus und ignoriert die Kriegspropaganda der Konfliktparteien. Nach einem Jahr schauen wir dann mal nach wie sich das ganze entwickelt hat. Diese ganze Einmischung von außen - und damit meine ich nicht nur das Einschmuggeln von Waffen und ausländische Söldner - heizt den Konflikt doch nur noch stärker an.
2. Je länger der Konflikt dauert, desto mehr bin ich gegen die Rebellen
muppetmurdermystery 14.06.2012
Rebellen liquidieren gezielt Christen und Alewiten: http://www.faz.net/aktuell/politik/arabische-welt/syrien-eine-ausloeschung-11784434.html
3. Nicht mehr aufzuhalten
stefanbodensee 14.06.2012
Dieser 'Krieg' gerät mittlerweile vollkommen außer kontrolle - da helfen keine unbewaffneten UN-Beobachter oder wohlkündende 'Missionen' mehr, dafür ist bereits zuviel Schlimmes passiert. Entweder man lässt es 'schleifen' und sieht, wohin es sich entwickelt - oder man greift aktiv ins Kampfgeschehen zugunsten der Assad-Gegner ein. auch wenn diese erwiesenermaßen selbst Dreck am Stecken haben. Gewalt erfordert Gewalt - hier trifft das leider zu !
4.
Cotti 14.06.2012
Zitat von sysopDer Einsatz der Uno-Beobachter in Syrien wird zur gefährlichen Mission. Sie geraten selbst unter Beschuss und müssen hilflos zusehen, wie das Regime Städte bombardiert. Jetzt dokumentieren die Blauhelme die Gewalt auf Youtube - ein Akt der Hilflosigkeit...
Lächerlich, diese "UNO" ist schließlich parteiisch, da dürfen deren Vertreter nicht auf Freundlichkeit hoffen. Ich würde eher tippen, die haben den offiziellen Auftrag, solche Aktionen zu provozieren, sich als Feind in die Reihen der Assad-Anhänger stellen und dann hoffen, dass die wie gewünscht reagieren.
5.
vogel0815 14.06.2012
Zitat von sysopDer Einsatz der Uno-Beobachter in Syrien wird zur gefährlichen Mission. Sie geraten selbst unter Beschuss und müssen hilflos zusehen, wie das Regime Städte bombardiert. Jetzt dokumentieren die Blauhelme die Gewalt auf Youtube - ein Akt der Hilflosigkeit. Uno-Beobachter in Syrien werden angegriffen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,838686,00.html)
Wie gut, dass die UN auf Toyota-Qualität setzt. Ich glaube die Land Cruiser Reihe würde selbst Atombomben aushalten :-)
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