Bericht über Unrechtsregime Uno wirft Eritrea "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" vor

Aus keinem Land Afrikas kommen so viele Flüchtlinge nach Europa wie aus Eritrea. Vertrieben werden sie nicht von einem Krieg oder einer Naturkatastrophe - sie fliehen laut Uno aus Angst vor der eigenen Regierung.

Flüchtlinge aus Sub-Sahara-Afrika in Libyen: Die meisten sind aus Eritrea
AFP

Flüchtlinge aus Sub-Sahara-Afrika in Libyen: Die meisten sind aus Eritrea


Der Uno-Menschenrechtsrat wirft dem Regime in Eritrea willkürliche Hinrichtungen und systematische Folter vor. Die massiven Verletzungen der Menschenrechte könnten "den Tatbestand von Verbrechen gegen die Menschlichkeit erfüllen", heißt es in einem neuen Bericht der eigens einberufenen Eritrea-Untersuchungskommission.

Den Angaben der Uno-Experten zufolge sind Hunderttausende auf der Flucht nach Europa. Die meisten Eritreer sehen sich demnach mit einer anscheinend ausweglosen Notlage konfrontiert. "In ihrer Verzweiflung riskieren sie tödliche Fluchtrouten durch Wüsten und Bürgerkriegsländer und den gefährlichen Seeweg über das Mittelmeer", heißt es in dem Bericht.

Knapp 360.000 Eritreer sind nach Uno-Angaben derzeit als Flüchtlinge in Europa registriert. Die meisten von ihnen in Schweden, Deutschland und der Schweiz. Aus keinem anderen Land Afrikas fliehen so viele Menschen nach Europa wie aus Eritrea. Die Uno-Ermittler appellieren an alle Staaten, eritreische Asylsuchende nicht zur Rückkehr zu zwingen. Das Regime bestrafe "jeden, der versucht, das Land ohne Genehmigung zu verlassen".

Zwangsarbeit, unbefristeter Militärdienst und ungesetzliche Inhaftierungen gehören dort zum Alltag. Das Regime von Staatschef Isayas Afewerki stütze sich auf einen gewaltigen Sicherheits- und Geheimdienstapparat, so die Experten.

"Die Informationen, die dieses alles durchdringende Kontrollsystem sammelt, werden in absoluter Willkür verwendet, um die Bevölkerung in ständiger Angst zu halten", heißt es in dem 500-Seiten-Bericht. "In Eritrea herrscht nicht das Recht, sondern die Angst", konstatiert die dreiköpfige Ermittlergruppe unter Leitung des australischen Experten Mike Smith.

Die eritreische Regierung hat den Ermittlern jegliche Zusammenarbeit verweigert und sie nicht einreisen lassen. Grundlage ihres Berichts seien daher 550 vertrauliche Interviews mit Zeugen außerhalb Eritreas sowie 160 schriftliche Berichte von Betroffenen. Viele potenzielle Zeugen hätten selbst in Asylländern noch aus Angst vor Übergriffen sowie vor Repressalien gegen zurückgebliebene Verwandte Aussagen vor den Ermittlern abgelehnt.

Der Uno-Menschenrechtsrat will im Rahmen seiner Sommersitzung Mitte Juni öffentlich über die Lage in Eritrea beraten.

kry/dpa



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jab0oo 08.06.2015
1. Endlich wird Ertriea Thema!
Als Sohn eines eritreischen Einwanderers der 70er Jahre ist mir die Lage aus Erzählungen von Familienmitgliedern dort sehr wohl bekannt. Dieses Regime besteht in dieser Form schon seit dem Unabhängigkeitskrieg, aus dem die eritreische Bevölkerung klar als Verlierer hervor ging. Das Volk wird seitdem arm gehalten, der Militärapparat aufgebläht. Man lebt dort in politischer und wirtschaftlicher Isolation. Im Ausland lebende Eritreer sind unter Generalverdacht und müssen bei Urlaubsaufenthalten Schikanen fürchten. Die Folgen für regimekritische Menschen und Flüchtlinge wurden in dem Artikel beschrieben. Mein Vater rät mir ab mein Heimatland zu bereisen - er selbst tut dies seit Jahren nicht mehr und geht stattdessen in das aufgeschlossene, fortschrittliche und sich gut entwickelte Nachbarland Äthiopien. Ich wünsche diesem vergessenen Volk mehr Aufmerksamkeit in der öffentlichen Diskussion. Leider konnte anscheinend erst die Diskussion über die aktuelle Flüchtlingswelle - und somit die Frage wie unsere sozialen Kassen das stemmen können - ein Auslöser sein.
chico 76 08.06.2015
2. Afewerki
wurde in China militärisch ausgebildet, seine Partei "Volksfront ......" (Wiki) verrät schon die Richtung. Das Horn von Afrika, eine einzige Katastrophe, wann unternehmen die afrikanischen Staaten oder die UNO endlich mal was?
dererzer 08.06.2015
3. Folgen?
Und was wird die Konsequenz dieser Enthüllung sein? Ein paar Vertreter von Organisationen mit Rang und Namen werden die Zustände "aufs schäfste kritisieren" und "verurteilen" und dann? Richtig, nichts wird passieren. Solange in diesen Ländern nicht für stabile und menschenwürdige Bedingungen gesorgt wird, kann es keinen Frieden geben. Ohne Frieden kann sich keine vernünftige Infrastruktur und Wirtschaft entwickeln bzw. ansiedeln. Und so wird der Flüchtlingsstrom weiter nicht abreißen weil es immer mehr (Bürger-)kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge geben wird. Da können sich unsere tollen Damen und Herren Politiker, sowie manch Moralapostel noch so weltoffen geben, würde diesen Menschen tatsächlich etwas an den Bewohnern dieser Länder, sowie dem eigenen Volk liegen, würde gehandelt und nicht nur "verurteilt".
KJB 08.06.2015
4. Austrocknen
Solche Regierungen wie die in Eritrea gehören einfach finanziell ausgetrocknet. Der Staatshaushalt von Eritrea finanziert sich zum größten Teil durch eine Sonderabgabe die Eritreer die im Ausland arbeiten an den Eritreischen Staat abzuführen haben. Es sollte ein leichtes sein diese Sonderabgabe von außerhalb zu unterbinden. Je mehr Eritreer ins Ausland fliehen und arbeiten desto mehr wird das Regime dort unterstützt den ohne Abgabe gibts keine Pässe etc...eigentlich ein ziemlich perfides System.
osnase92 08.06.2015
5.
Jetzt wird das endlich mal thematisiert? Sehr gut! Evtl etwas spät?
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