Uno-Bericht Mehr als eine Milliarde Menschen hungert

Uno und Welthungerhilfe schlagen Alarm: Die Wirtschaftskrise hat nach Angaben der Ernährungsorganisation FAO verheerende Auswirkungen für die Armen in der Welt. Heute leidet mehr als eine Milliarde Menschen an Unterernährung - so viele wie seit fast 40 Jahren nicht.

Unterernährtes Kind in Äthiopien: Folgen der Wirtschaftskrise "katastrophal"
AFP

Unterernährtes Kind in Äthiopien: Folgen der Wirtschaftskrise "katastrophal"


Rom - Es sind dramatische Zahlen, die die Uno-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft FAO am Mittwoch in Rom in ihrem Welthungerbericht verkündete: Die Zahl der Hungerleidenden stieg 2009 als Folge der Krise auf 1,02 Milliarden an - den höchsten Wert seit 1970. Damit leidet heute statistisch jeder sechste Mensch auf der Welt unter Hunger und Unterernährung, insgesamt 100 Millionen Menschen mehr als 2008.

Hauptgrund für die Entwicklung ist demnach die Weltwirtschaftskrise. Die Auswirkungen der Krise auf den Welthunger seien "katastrophal", sagte Jacques Diouf, Generaldirektor der FAO, und forderte die Regierungen der Industrieländer auf, sich stärker im Kampf gegen den Hunger einzusetzen. "Was fehlt, ist der politische Wille, den Hunger für immer auszumerzen", kritisierte er. Dabei seien die technischen und ökonomischen Voraussetzungen durchaus gegeben. So wie die Mächtigen der Welt "schnell, gemeinsam und kraftvoll" auf die Weltwirtschaftskrise reagiert hätten, sei nun "derselbe starke Einsatz gefragt, um den Hunger zu bekämpfen".

Die meisten unterernährten und hungernden Menschen leben in Entwicklungsländern, die Mehrheit von ihnen (642 Millionen) in den bevölkerungsreichsten Regionen der Erde, in Asien und im Pazifikraum, und weitere 265 Millionen Menschen in Afrika südlich der Sahara. In den Industrieländern sind mit 15 Millionen deutlich weniger Menschen betroffen.

Hunger ist dort größer, wo Frauen schlechter gestellt sind

Auch die Welthungerhilfe schlägt Alarm. "Das 21. Jahrhundert droht zum Hungerjahrhundert zu werden", sagte Verbandspräsidentin Bärbel Dieckmann. Die Organisation stellte an diesem Mittwoch ihren Welthunger-Index 2009 vor - mit ähnlichen Ergebnissen wie die Uno-Untersuchung. Dem Bericht zufolge ist die Lage weltweit in der Republik Kongo am schlimmsten. Es folgen Burundi, Eritrea, Sierra Leone sowie Tschad und Äthiopien.

Ein weiteres wichtiges Ergebnis ist, dass der Hunger dort größer ist, wo Frauen schlechter gestellt sind. Laut der Studie sind 70 Prozent der 1,4 Milliarden Armen weltweit Frauen und müssen mit weniger als einem Euro pro Tag auskommen. "Die Stärkung von Frauen ist ein Schlüssel im Kampf gegen Hunger und Armut, der noch zu wenig beachtet wird", sagte Dieckmann.

Der Welthunger-Index wurde am Mittwoch zeitgleich in den USA und Kenia veröffentlicht. Danach ist in 29 Ländern die Hungersituation ernst oder sogar gravierend. Erhebliche Fortschritte konnten allerdings seit 1990 in Südasien erreicht werden, in Afrika zumindest kleine.

Erfolge gegen den Hunger in Kuwait, Tunesien, Fidschi

"Die Länder südlich der Sahara haben nach wie vor ein erschreckend hohes Niveau an Hungernden", sagte Ousmane Badiane vom International Food Policy Research Institute (IFPRI), das den Welthunger-Index berechnet. Gründe dafür seien schlechte Regierungsführung, Konflikte sowie der teilweise hohe Anteil an HIV-Infizierten. Badiane betonte, dass sich die Entwicklungshilfe dort mehr lohne denn je, denn die Rahmenbedingungen für eine effektive Hilfe seien inzwischen geschaffen.

Aber es gibt auch Erfolge zu verzeichnen. So ist der Index Kuwaits seit 1990 um rund 77 Prozent gesunken, was einer enormen Verbesserung entspricht - denn je niedriger der Index desto besser die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln. Ebenfalls zu den Gewinnern zählen Tunesien, Fidschi, Malaysia und die Türkei.

Die Entwicklung des Welthunger-Indexes gilt als einer der Maßstäbe dafür, ob politische Ansätze und internationale Hilfe erfolgreich waren. Eine Konsequenz sei, so Dieckmann, dass Entwicklungshilfe und -zusammenarbeit projektorientiert stärker an Kriterien gebunden werden, wie die Besserstellung von Frauen oder gute Regierungsführung. Hilfe zur Selbsthilfe müsse das Ziel jeder Entwicklungshilfe sein.

Von der neuen Bundesregierung forderte die Präsidentin der Welthungerhilfe, die Ausgaben für Entwicklungszusammenarbeit trotz Haushaltsprobleme nicht zu kürzen, da diese systemrelevant seien. Dabei müsse der Anteil, der in ländliche Entwicklung investiert werde, erhöht werden. "Es ist kontraproduktiv über Bankenrettung statt über Entwicklungshilfe zu diskutieren", sagte sie. Zudem sprach sie sich gegen die Zusammenlegung von Entwicklungs- und Außenministerium aus, wie es die FDP plane.

ffr/lhe/dpa/Reuters/AP

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