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12. Juni 2012, 10:14 Uhr

Uno-Bericht über Kinder im Krieg

Die Liste der Schande

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Jungen und Mädchen werden als menschliche Schutzschilde missbraucht oder als Selbstmordattentäter eingesetzt: In schockierenden Details schildert die Uno in ihrem Jahresbericht das Leid von Kindern in bewaffneten Konflikten. Scharf verurteilen die Vereinten Nationen das Regime in Syrien.

Hamburg - Es ist ein Dokument des Schreckens, 51 Seiten Anklage. In ihrem Jahresbericht fassen die Vereinten Nationen zusammen, was Kinder und Jugendliche in Kriegen und Krisengebieten ertragen müssen. Und die Botschaft des aktuellen Papiers ist drastisch: Immer öfter sind Kinder nicht mehr "nur" zufällige Opfer von Kampfhandlungen - sondern werden ganz gezielt verletzt, getötet oder als menschliche Schutzschilde eingesetzt.

In erschütternden Details haben Beobachter der Uno zwischen Januar und Dezember 2011 unter der Leitung der Sonderbeauftragten Radhika Coomaraswamy ihre "Liste der Schande" zusammengetragen. Sie dokumentiert in 23 Ländern schwerste Verstöße gegen die Rechte von Kindern in Kriegen und bewaffneten Auseinandersetzungen. Insgesamt sind 52 Konfliktparteien registriert, von Terrornetzwerken wie al-Qaida im Irak bis zu Milizen wie der Lord's Resistance Army (LRA) in Uganda.

Eine besonders große Zahl von Verbrechen gegen Kinder mussten die Uno-Mitarbeiter dabei in Zentralafrika registrieren. In Ländern wie der Demokratischen Republik Kongo, dem Tschad oder dem Südsudan wurden Kinder zu Hunderten getötet oder verletzt. Zum ersten Mal auf der Liste sind Verstöße durch neue Konfliktparteien in Syrien, Libyen, dem Jemen und dem Sudan.

In ihrem Report listet die Uno sechs Verbrechen auf, denen Kinder in bewaffneten Konflikten immer wieder ausgesetzt sind.

Seit dem Jahr 2002 dokumentiert eine eigene Abteilung der Vereinten Nationen die Schicksale von Kindern in bewaffneten Konflikten. Mit ihrer Liste der Schande klagt sie jene Länder an, in denen besonders schwere Verstöße festgestellt werden. "Naming and Shaming" heißt dabei die Devise: Die Länder beim Namen nennen und damit bloßstellen.

Ein besonders beunruhigender Trend der aktuellen Liste: Die Zahl der Länder, die wiederholt die Rechte von Kindern und Jugendlichen verletzen, hat sich im Vergleich zu 2010 nahezu verdoppelt. Auf dieser speziellen Watch List werden besonders schwere Verstöße in fünf aufeinanderfolgenden Jahren dokumentiert. 32 Staaten, Milizen und Armeen erfüllen derzeit dieses Negativ-Kriterium.

Große Sorge bereitet den Beobachtern der Uno das Vorgehen der Lord's Resistance Army in Zentralafrika. Seit Jahren jagen internationale Truppen die Armee des mutmaßlichen Massenmörders Joseph Kony. Trotzdem gelingt es den Einheiten der LRA bei ihrer Flucht durch den Dschungel immer wieder, Kinder und Jugendliche zu entführen. Die Uno hat in den vergangenen drei Jahren fast 600 Kidnappings registriert, die Dunkelziffer dürfte noch deutlich höher liegen. Die Übergriffe ereigneten sich in der Demokratischen Republik Kongo, der Zentralafrikanischen Republik und dem Süden des Sudans.

Laut Uno werden die Entführungsopfer als Kindersoldaten, Spione, Wächter, Träger und Köche eingesetzt. Häufig würden sie gezwungen, enge Angehörige und Freunde umzubringen.

Nach aktuellen Erkenntnissen verfügt Kony noch über 300 bis 500 bewaffnete Kräfte, rund die Hälfte davon seien Kindersoldaten, so die Uno. Die Hälfte der entführten Kinder sind Mädchen. Sie werden in der Regel zwangsverheiratet, häufig vergewaltigt oder sexuell missbraucht. Es sei nicht davon auszugehen, so die Vereinten Nationen, dass Konys Truppen zukünftig an diesen Praktiken etwas ändern werden.

Menschliche Schutzschilde in Syrien

Ein neuer Krisenherd beschäftigt die Uno-Mitarbeiter in Syrien. Seit März 2011 tobt in dem Land ein Bürgerkrieg - und immer wieder geraten Kinder zwischen die Fronten. Allein seit der Aufkündigung des Waffenstillstands zwischen Rebellen und staatlichen Truppen Ende Mai sind nach Uno-Informationen mehr als 50 Kinder ums Leben gekommen, die Gesamtopferzahl liegt deutlich über 400.

Entsprechend alarmiert sind die Vereinten Nationen. "Wir haben ein Team in die Region entsandt. Unsere Leute befragen Zeugen, unter anderem in Flüchtlingslagern. Es kommt systematisch zu Verbrechen gegen Kinder in Syrien", sagte Uno-Mitarbeiterin Coomaraswamy. Diese würden gefoltert und getötet. "Außerdem werden immer wieder Schulen gezielt angegriffen", so Coomaraswamy.

Ihr liegen verlässliche Berichte vor, laut denen Kinder in staatlichen Gefängnissen misshandelt und von den Konfliktparteien als menschliche Schutzschilde missbraucht werden. Deshalb landet das Land nun zum ersten Mal auf der Liste der Schande. Konkret klagen die Vereinten Nationen die Assad-Armee, den staatlichen Geheimdienst und die gefürchtete Schabiha-Miliz an.

Immer mehr Sprengsätze werden an Kindern versteckt

In scharfen Worten geißelt der Report die steigende Zahl von Kindern, die als Selbstmordattentäter eingesetzt werden. Allein in Afghanistan und Pakistan konnten die Uno-Ermittler im vergangenen Jahr jeweils elf solcher Fälle dokumentieren. Mindestens einer der "Täter" sei erst acht Jahre alt gewesen, so der Bericht. "Die Welt muss entschieden gegen diese perverse Art der Kriegsführung vorgehen", so die Uno-Gesandte Radhika Coomaraswamy.

Bei allen Schreckensmeldungen: Das Papier belegt auch positive Entwicklungen. Um von der Liste der Schande gestrichen zu werden, müssen die angeklagten Armeen und Milizen ein fest vorgeschriebenes Uno-Programm durchlaufen. 2011 gelang dies insgesamt sechs Konfliktparteien in Afghanistan, Sri Lanka, Nepal, dem Tschad, im Südsudan und in der Zentralafrikanischen Republik. "Wir machen Fortschritte", sagt Coomaraswamy. "Doch die Liste der Schande wird immer zu lang sein."

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