Uno-Delegation in Dschenin Geruch des Todes liegt über vielen Plätzen

Eine Delegation des Uno-Hilfwerks für Palästina-Flüchtlinge (UNRWA) hat das palästinensische Flüchtlingslager Dschenin inspiziert. Deren Sprecher bezeichnete die Situation als "schreckliche humanitäre Katastrophe". Von Hunderten Toten ist die Rede, von Tausenden Vermissten.


Dschenin: Ein Palästinenser weint vor Ruinen im Flüchtlingslager
AFP

Dschenin: Ein Palästinenser weint vor Ruinen im Flüchtlingslager

Jerusalem - Zum ersten Mal hatte eine internationale Organisation Zutritt zum gesamten Lager Dschenin. Was sich den Inspektoren zeigte war "schrecklicher als alle Vorstellung", so der Uno-Gesandte Terje Roed-Larsen, "ich glaube, ich kann für die gesamte Delegation sprechen, wenn ich sage, wir waren geschockt".

Das Camp, das tagelang Angriffsziel der israelischen Armee war, ist in manchen Teilen dem Erdboden gleichgemacht. Es sehe aus wie nach einem schweren Erdbeben, berichtete Roed-Larsen. Bulldozer der Israelis hätten weite Teile des Zentrums in ein Feld voller Trümmerhügel verwandelt. An vielen Stellen liege ein Todesgeruch über dem Abraum. Sie hätten viele Leichen gesehen, berichtet der Uno-Beauftragte, "wir stießen auf den Körper eines ungefähr zwölfjährigen Jungen, der verbrannt ist." Roed-Larsen berichtete ferner, er habe zwei Jungs gesehen, die in dem Schutt die Leiche ihres Vaters ausgegraben hätten.

Offizielle Verlautbarungen der Uno-Hilfswerks bestätigen die Eindrücke Roed-Larsens. UNRWA-Sprecher Réné Aquarone teilte mit, die Mitarbeiter des Inspektionsteams gingen nach ersten Schätzungen von 150 bis 200 getöteten Palästinensern aus. Wie viele Menschen in dem Lager wirklich getötet wurden, ist jedoch noch völlig ungewiss. Tschader Schkirat von der Palästinensischen Gesellschaft zum Schutz der Menschenrechte und Umwelt sprach von mindestens 300 Toten. Andere Menschenrechtler gehen davon aus, dass bis zu 1000 Menschen ums Leben kamen. Israels Verteidigungsminister Benjamin Ben-Elieser hatte die Zahl der in Dschenin getöteten Palästinenser mit 45 angegeben.

Laut Aquarone haben Helfer des Internationalen Roten Kreuzes bisher 35 Leichen geborgen. Israels "Wo sind all die Leichen? Wo sind all die Verwundeten?", fragte Javier Zuniga von Amnesty International. Die Helfer haben es offenbar nicht leicht, ihre Arbeit zu tun. Zuniga forderte Israel auf, sich an der Suche nach Vermissten und Überlebenden zu beteiligen, statt Helfer zu behindern.

Die Organisation Rechtsanwälte für Menschenrechte teilte mit, dass zwischen 8000 und 15.000 Menschen vermisst würden. 800 der zwei- bis dreitausend Unterkünfte im Camp seien zerstört. Von den 14.000 Flüchtlingen seien nur noch rund 8000 im Lager, teilte Aquaron mit. Viele der Bewohner trauten sich nicht auf die Straße oder sind in ihren zerbombten Häusern eingesperrt. Etliche Menschen harrten seit 15 Tagen in ihren Kellern aus, hieß es. Von rund 2000 Obdachlosen ist die Rede.

Ein britischer Pathologe, der sich für Amnesty International in Dschenin aufhält, teilte der Zeitung "Independent" mit, er habe bei einer Autopsie Verletzungen festgestellt, die "sehr verdächtig" seien. Er habe einen 38-jährigen Toten untersucht, der zwei Schusswunden aufwies. "Entweder wurde er zuerst in den Fuss geschossen und dann in den Rücken, oder er wurde zuerst in den Rücken geschossen - was ihn tötete - und seine Leiche wurde anschließend in den Fuss geschossen", sagte der Arzt, "in welcher Reihenfolge auch immer, es ist sehr verdächtig".

Der Professor für Forensik an der Universität von Dundee sagte dem "Independent" weiter: "Behauptungen, dass eine große Zahl an Zivilisten getötet wurden und in den Trümmern verschüttet sind, sind sehr glaubwürdig. Es ist nicht zu glauben, dass nur wenige Menschen getötet worden sein sollen. Wir haben Berichte, dass eine hohe Anzahl von Menschen in den drei- und vierstöckigen Gebäuden waren, als diese zerstört wurden."



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.