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Uno-Gedenktag: "Das Schweigen der Mehrheit ermöglichte Auschwitz"

Erstmals hat die Uno in New York in einer Gedenkveranstaltung an die Millionen Juden erinnert, die von den Nazis in Vernichtungslagern ermordet wurden. Uno-Generalsekretär Kofi Annan warnte anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung des Todeslagers Auschwitz vor Schweigen und Wegschauen bei Untaten menschenverachtender Regime. Außenminister Fischer bezeichnete Auschwitz als "absoluten moralischen Tiefpunkt" der deutschen Geschichte.

Kofi Annan: "Das Böse benötigt nur das Schweigen der Mehrheit"
AFP

Kofi Annan: "Das Böse benötigt nur das Schweigen der Mehrheit"

New York - "Alles was das Böse benötigt, um zu triumphieren, ist das Schweigen der Mehrheit", sagte Annan am Montag bei einer Sondersitzung der Vollversammlung der Vereinten Nationen (Uno). Er appellierte an die Weltgemeinschaft, ein Wiederaufleben des Antisemitismus sowie jedweder neuen Formen von Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu bekämpfen. "Seit dem Holocaust hat die Welt zu ihrer Schande mehr als einmal versagt, als es darum ging, Völkermord zu verhindern oder zu beenden." Dies sei zum Beispiel in Kambodscha, in Ruanda und im früheren Jugoslawien der Fall gewesen. Derzeit würden in der sudanesischen Provinz Darfur schwere Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt, möglicherweise habe es gar auch dort Völkermord gegeben. "Doch die Tragödie des jüdischen Volkes war einzigartig", betonte Annan.

Bundesaußenminister Joschka Fischer sagte, die Geschichte verpflichte Deutschland, "jede Form von Antisemitismus, aber auch Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz zu ächten und zu bekämpfen". Am 27. Januar, dem eigentlichen Jahrestag der Auschwitz-Befreiung, gedenkt der Bundestag der NS-Opfer, in Auschwitz selbst nimmt Bundespräsident Horst Köhler an der Zeremonie teil.

Die Bundesrepublik sei von der historisch-moralischen Verantwortung für Auschwitz tief geprägt. Die barbarischen Verbrechen des Nazi-Regimes seien für immer Teil der deutschen Geschichte, sagte Joschka Fischer in New York bei der Uno-Sondersitzung. "Das neue, das demokratische Deutschland hat die Lehren daraus gezogen."

Es sei auch nach 60 Jahren noch schwer, den Schmerz und die Erniedrigung der Opfer in Worte zu fassen. "Wir verneigen uns heute vor allen Opfern des nationalsozialistischen Terrorregimes und gedenken ihrer in tiefer Trauer."

Joschka Fischer vor der Uno-Generalversammlung: "Wir verneigen uns heute vor allen Opfern"
AP

Joschka Fischer vor der Uno-Generalversammlung: "Wir verneigen uns heute vor allen Opfern"

Fischer wies den Vereinten Nationen eine zentrale Rolle bei der Verhinderung künftiger Völkermorde zu. "Denn keine andere Organisation verfügt über so viel Erfahrung in der Konfliktprävention und im Menschenrechtsschutz wie sie." Die Stärkung der Uno bleibe daher eine Priorität deutscher Außenpolitik.

Fischer betonte, dass Deutschland durch seine Verantwortung für den Holocaust besonders gegenüber Israel verpflichtet sei. "Das Existenzrecht des Staates Israel und die Sicherheit seiner Bürgerinnen und Bürger wird immer unverhandelbare Grundposition deutscher Außenpolitik sein."

Der israelische Außenminister Silvan Shalom sagte, für sechs Millionen vom NS-Regime ermordete Juden seien die Gründung des Staates Israel sowie der Organisation der Vereinten Nationen zu spät gekommen. Es sei aber nicht zu spät, für eine internationale Gemeinschaft zu wirken, die sich zu den Werten der Uno bekennt. "Das bedeutet, kompromisslos gegen jedwede Intoleranz gegenüber Menschen aller Glaubensrichtungen und aller Volkszugehörigkeiten zu kämpfen."

Schalom warnte vor einem Erstarken des Antisemitismus und einem Leugnen des Holocausts. Es gebe etwas noch Schlimmeres als die Vernichtung einer ganzen Rasse, nämlich dieses erst zu tun und dann zu verleugnen.

Der Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel sagte, es sei bis heute unfassbar, wie so viele gebildete Deutsche sich schuldig machen konnten. "Wie konnten intelligente und gebildete Menschen tagsüber mit Maschinengewehren auf Hunderte Kinder schießen und sich am Abend an den Versen Schillers oder einer Partitur von Bach erfreuen?" Es sei aber auch zu fragen, ob die damaligen Westmächte nicht viel mehr hätten tun können, "um die Tragödie des jüdischen Volkes zu verhindern oder wenigstens ihr Ausmaß zu verringern".

Die Sondersitzung hatte vor halbleeren Rängen begonnen. Große Teile der arabischen Welt wollten sich nicht beteiligen. Aus dem Nahen Osten hatte nur ein Vertreter Jordaniens eine Wortmeldung in Aussicht gestellt.

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