Streit um Uno-Hilfen für Palästinenser Sparen, bis der Arzt fehlt

Die USA halten Gelder für palästinensische Flüchtlinge in Gaza und Israels Nachbarländern zurück. Die Betroffenen spüren die Folgen sofort. Ein Besuch im jordanischen Lager Wehdat.

Thore Schrder

Aus Amman berichtet Thore Schröder


Noch am Wochenende türmte sich der Abfall in der Gasse neben Nasser Mansours Werkstatt. "Seit Tagen lag der hier", sagt der Mann, der im Winter mit öligen Händen Kerosinheizungen repariert. Die Müllabfuhr war einfach nicht mehr gekommen.

57.000 Menschen leben in Wehdat, einem Lager für palästinensische Flüchtlinge südöstlich der jordanischen Hauptstadt Amman. Ihre provisorischen Häuser drängen sich auf einem halben Quadratkilometer, an den Wänden fehlt meist der Putz.

Aber so etwas, sagt Mansour, der auch im Lager lebt, "so etwas habe ich lange nicht erlebt". Die Müllabfuhr hat nicht mehr genug Personal. Wer als Tagelöhner für die Müllabfuhr arbeitete, wurde vergangene Woche freigestellt.

Nasser Mansour in seiner Werkstatt
Thore Schröder

Nasser Mansour in seiner Werkstatt

Der Fall zeigt, was passiert, wenn in Wehdat das Geld ausgeht. "Wir haben Pick-ups gemietet und Hilfe von der Stadtverwaltung angefordert, um hier aufzuräumen", sagt Moayad Ahmad. "Sonst hätte es bald Demonstrationen gegeben. Ganz sicher."

Schulen, Ärzte, Müllabfuhr: angewiesen aufs Geld der Uno

Ahmad ist Gebietsleiter bei UNRWA, der "United Nations Relief and Works Agency für Palestine Refugees in the Near East". Die Uno-Behörde wurde 1949 gegründet, um sich um geflohene und vertriebene Palästinenser zu kümmern. Fünf Millionen Menschen sind das mittlerweile. Sie leben in den Palästinensergebieten und in Israels Nachbarländern. Allein in Jordanien sind über zwei Millionen Flüchtlinge registriert.

Ahmad sitzt an seinem Schreibtisch, über ihm das Porträt des jordanischen Königs, die Klimaanlage bläst heiße Luft in den Raum. Der weißgetünchte Verwaltungsbau wirkt wie eine Insel der Ordnung im Chaos des Lagers.

Die UNRWA hilft, indem sie Geld in Einrichtungen wie in Wehdat steckt, in die Infrastruktur, in die Gesundheitsversorgung, in die Sozialhilfe, in die Schulen - und eben in die Müllabfuhr.

Doch wie lange geht das noch so?

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Palästinenser im Lager Wehdat: Warten auf die Zukunft

Die Organisation befindet sich mittlerweile in großer Finanznot. Schuld sind die USA, die bisher 30 Prozent zum UNRWA-Budget beisteuerten - so viel wie kein anderes Land. Vergangene Woche aber gab die US-Regierung bekannt, dass sie nur noch 60 Millionen US-Dollar an die Behörde überweisen will, umgerechnet knapp 50 Millionen Euro. 65 Millionen Dollar werde man zurückhalten und mögliche Reformen abwarten, hieß es aus dem Außenministerium.

Politisches Manöver?

Beobachter vermuten ein politisches Manöver. Die Trump-Regierung wolle durch die Kürzungen Druck auf die Palästinensische Autonomiebehörde ausüben, damit diese wieder mit Israel verhandelt.

So oder so: Für die Flüchtlingshelfer ist das ein harter Schlag.

"Es geht um regionale Stabilität", sagt Pierre Krähenbühl, Schweizer und Generalkommissar der UNRWA. Wenn die Unterstützung der Weltgemeinschaft ausbleibe, könnten sich die betroffenen Menschen radikalisieren - oder gar nach Norden aufmachen. "Das hat man bei der Flüchtlingsbewegung nach Europa 2015 ja gesehen", sagt Krähenbühl. Und damals seien unter den Menschen nur 40.000 bis 50.000 Palästinenser gewesen. "Es kann nicht im Interesse von irgendjemandem sein, dass es hier keine Zukunftsperspektive gibt."

Krähenbühl warnt vor allem vor Einschnitten im Schulsystem. 500.000 Kinder und Jugendliche werden in den rund 700 UNRWA-Schulen unterrichtet. Etwa 70 Prozent des Budgets der Organisation fließen in die Bildung.

"Zum Glück sind gerade Ferien"

UNRWA-Gebietsleiter Moayad Ahmad
Thore Schröder

UNRWA-Gebietsleiter Moayad Ahmad

Im Lager in Wehdat spüren sie die Folgen der jüngsten Sparmaßnahmen schon deutlich. Allein hier gibt es 8400 Schüler. Doch zuletzt wurden nicht nur Mitarbeiter der Müllabfuhr vorerst entlassen, sondern auch Ärzte und Lehrer. "Zum Glück sind gerade Ferien", sagt Gebietsleiter Ahmad. "Stand jetzt weiß ich nämlich nicht, wie wir so unterrichten sollen."

Dabei war die Lage in Wehdat ohnehin schon angespannt. In manchen Häuschen, die einst für eine Flüchtlingsfamilie gedacht waren, leben jetzt fünf oder sechs. Etwa ein Viertel der Bewohner hat keine Arbeit.

Im Gegensatz zu ihren Landsleuten in anderen arabischen Ländern erhalten Palästinenser in Jordanien zumindest die Staatsbürgerschaft. Dennoch werden sie systematisch ausgegrenzt, auf dem Arbeitsmarkt, an den Universitäten. Dazu kommt: Das Königreich steckt in einer tiefen Wirtschaftskrise - und hat Mühe, die großen Flüchtlingszahlen aus Syrien zu bewältigen.

Netanyahu fordert Auflösung

Doch es gibt auch Unterstützer für die Entscheidung der Amerikaner: Israels Premierminister Benjamin Netanyahu fordert, die UNRWA gleich ganz aufzulösen und die Flüchtlinge unter Verwaltung des allgemeinen Flüchtlingshilfswerks UNHCR zu stellen. Der israelische Politikwissenschaftler Efraim Karsh sieht es ähnlich. Er sagt: "UNRWA sorgt dafür, dass das Flüchtlingsproblem fortbesteht."

Khamis Hamed
Thore Schröder

Khamis Hamed

Statt den Palästinensern mit einem System von 30.000 Mitarbeitern zu assistieren, hätten sie längst die Staatsbürgerschaft in allen Aufnahmeländern und gleiche Rechte bekommen sollen. Stattdessen bediene die UNRWA unrealistische Hoffnungen: das Recht auf Rückkehr in das Gebiet, in dem längst der Staat Israel entstanden ist, sagte Karsh.

Hoffnungen wie die von Khamis Hamed. Der 52-Jährige wurde in Amman geboren, seit 25 Jahren gehört ihm eine Schneiderwerkstatt in Wehdat. Doch auf die Frage, woher er kommt, antwortet er: Ramla. In der Ortschaft im Herzen Israels war er noch nie - doch dorthin zu gehen wäre für ihn wie eine Heimkehr. "Wenn Gott will, dann werden wir wieder dort leben", sagt er. Wir dürfen nicht aufgeben. Dass die Juden dort sind, ist nur eine vorübergehende Situation."

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