Uno-Millenniumsgipfel Masterplan gegen Armut vor dem Aus

Die Vereinten Nationen beteuern, das Elend von der Erde zu tilgen. So ist es festgeschrieben in ihren Millenniumszielen aus dem Jahr 2000. Doch der nun startende Gipfel zeigt, wie weit die Welt von diesem Ideal noch entfernt ist.

Von , New York


Prominente aus aller Welt pilgern dieser Tage zum United Nations Plaza in New York: Der Schauspieler Antonio Banderas hat sich angekündigt, auch der Sänger Craig David und Fußballstars wie Ronaldo und Michael Ballack wollen kommen. Die Stars sind allerdings in der Minderheit. Nach New York werden ab Montag mehr als hundert Staats- und Regierungschefs reisen, auch Kanzlerin Angela Merkel ist bereits eingetroffen.

Drei Tage werden sie darüber beraten, wie weit die Bekämpfung des Elends in der Welt fortgeschritten ist - und was als nächstes zu tun ist. Zehn Jahre ist es her, dass sich die Vereinten Nationen acht "Millenniumsziele" gesetzt haben, um die Herausforderungen des neuen Jahrtausends anzupacken.

Es war ein großer Gipfel, der einen großartigen Wandel bewirken sollte: Staats- und Regierungschefs aus fast 200 Ländern trafen sich am 8. September 2000, um die "Millenniumsziele" zu bestimmen. Globalisierung, erklärte der damalige Uno-Generalsekretär Kofi Annan, müsse zu einer positiven Kraft für alle werden. Und nicht Milliarden von Menschen im Elend lassen.

Mit einem Bericht hatte Annan die Grundlage für den Gipfel gelegt. "Wir, die Völker" stand in dem Dokument. Damit war klar: Es soll ums große Ganze gehen. Darum, bis 2015 extreme Armut und Hunger zu bekämpfen, Grundschulbildung für alle Kinder zu sichern. Darum, die Gesundheitsversorgung von Müttern zu verbessern und gegen Krankheiten wie Aids und Malaria vorzugehen. Dies sind nur einige der acht Millenniumsziele, die sowohl Entwicklungs- als auch Industrieländer in die Pflicht nehmen. Fünf Jahre bleiben noch, sie umzusetzen - höchste Zeit, Zwischenbilanz zu ziehen.

Das vorläufige Fazit, das die Uno vorweisen kann, liest sich zunächst positiv:

  • Der Anteil der Menschen, die unter extremer Armut leiden und von weniger als 1,25 Dollar pro Tag leben, ist nach Angaben der Welthungerhilfe zwischen 1990 und 2005 von 46 auf 27 Prozent gesunken.
  • Rund 84 Prozent aller Menschen weltweit hätten mittlerweile Zugang zu sauberem Trinkwasser.

Die Millenniumsziele haben damit schon jetzt mehr bewirkt als andere Strategien der Entwicklungspolitik. Mehr als die Spendenprogramme der achtziger Jahre, die die Schuldenkrisen taumelnder Staaten letztlich nur noch verschärften. Mehr als die neoliberalen Strukturanpassungsprogramme der Neunziger, durch die Entwicklungsländer Großkredite gegen Souveränitätsrechte tauschten und eine von außen verordnete Politik betrieben, die ihnen oft mehr schadete als nützte.

Auch sind die Millenniumsziele im zehnten Jahr nach der Jahrtausendwende allgegenwärtig. Noch in den entlegensten Dörfern Afrikas oder Lateinamerikas sind die acht Gebote der Uno an Grundschulen an die Wand geschlagen.

Fragwürdige Erfolgsmeldungen

Eine Erfolgsstory sind die Uno-Ziele dennoch nicht. Noch immer lebt mehr als eine Milliarde Menschen in extremer Armut. Noch immer leidet laut Unicef jedes vierte Kind unter fünf Jahren an Untergewicht. Noch immer stirbt nach Angaben der Welthungerhilfe jede Minute eine Frau bei der Geburt ihres Kindes.

Die Erfolgsmeldungen bei der Armutsbekämpfung basieren zudem zum Teil auf einem Statistik-Trick: Ausgangspunkt der sinkenden Quote ist das Jahr 1990. Doch gerade in den neunziger Jahren machten China und Indien bei der Reduzierung des Armenanteils gewaltige Sprünge. Entsprechend gut fällt die Statistik aus, obwohl sich die Lage in Ländern wie Kongo, Simbabwe oder Afghanistan kaum gebessert hat.

Andere Zahlen sind nur bedingt aussagekräftig. So verkündete die Uno vergangene Woche in einer Presseerklärung, 2008 seien rund ein Drittel weniger Mütter gestorben als 1990. Doch für die frühen neunziger Jahre gebe es gar keine aussagekräftigen Daten zur Müttersterblichkeit, sagte William Easterly, Ökonom an der New York University, der "Financial Times".

Oft kommt die Hilfe gerade dort nicht an, wo sie am nötigsten gebraucht wird: bei den Ärmsten der Armen. So hat laut einer aktuellen Unicef-Studie zwar im globalen Durchschnitt die Kindersterblichkeit abgenommen. Doch noch immer leidet gut eine halbe Milliarde Kinder unter extremer Armut - und ihre Aufstiegschancen seien weit weniger gut, als die Statistik vorgaukle. Die Ärmsten müssten stärker im Mittelpunkt aller Anstrengungen stehen, sagte Unicef-Deutschland-Chef Jürgen Heraeus zur Veröffentlichung der Studie. "Sonst scheitern die Millenniumsziele."

Bereits heute ist zudem klar: Die Zahl der Hungernden bis 2015 zu halbieren, wird nicht funktionieren, trotz geringer Fortschritte im vergangenen Jahr. Das belegen Zahlen der Welternährungsorganisation FAO.

Entwicklungspolitik mit vielen Schwächen

Tatsächlich könnte die westliche Welt ihre Entwicklungspolitik deutlich verbessern. Wie, das ist seit Jahren bekannt: Die meisten Geberländer planen ihre Hilfsetats ständig neu - Entwicklungsländer haben so keine Planungssicherheit. Viele reiche Staaten stecken ihr Geld zudem in einzelne Projekte, die sie selbst bestimmen. Unbürokratischer und kosteneffizienter wäre es, wenn Geberländer ihre Hilfen gebündelt zahlten - und Pläne finanzierten, die die Empfängerländer selbst entwerfen.

Vor allem aber kommt der Abbau der Handelshemmnisse kaum voran. Noch immer führen Entwicklungsländer meist billige Rohstoffe aus. Eine zugkräftige Exportindustrie können sie nicht aufbauen. Schuld sind hohe Einfuhrzölle und diskriminierende Welthandelsregeln in der westlichen Welt.

Neue Versprechen statt Aktionsplan

Der Ausschluss ärmerer Länder von der Globalisierung widerspricht nicht nur dem Grundsatz, den Kofi Annan im September 2000 fürs neue Millennium definierte - er macht auch alle Bemühungen der Entwicklungshilfe zunichte. Nach Schätzungen der Uno gehen den Entwicklungsländern jährlich gut 700 Milliarden Dollar durch ungerechte Welthandelsregeln verloren - sechsmal so viel Geld, wie Entwicklungshilfe gezahlt wird.

"Globale Mega-Versprechen" nannte David Hulme von der Manchester University die Millenniumsziele gegenüber der "Financial Times". Behält die Welt ihre bisherige Entwicklungspolitik bei, werden die meisten weder 2015 eingelöst noch auf absehbare Zeit danach.

Entsprechend wollen manche Staatschefs auf dem nun startenden Millenniumsgipfel Druck machen. Kanzlerin Merkel mahnte in ihrer wöchentlichen Videobotschaft, das Tempo zu erhöhen. Und sie will Hilfszahlungen künftig stärker von den Fortschritten abhängig machen, die Empfängerländer beim Aufbau der eigenen Wirtschaft machen. Zum Ende des Gipfels am Mittwoch soll außerdem ein Aktionsplan verabschiedet werden - mit konkreten Handlungsempfehlungen und Verantwortlichkeiten, wie die Millenniumsziele doch noch erreicht werden können.

Doch kann das gelingen? Ein Entwurf des Abschlussdokuments liegt schon vor - und nach Angaben aus dem Umfeld der Uno steht bislang wenig drin, das Hoffnung macht, dass die Welt ihre Jahrtausendziele bald erreicht.

Forum - Milleniumsziele - was haben die Vereinten Nationen erreicht?
insgesamt 318 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
SaT 20.09.2010
1. Zwischenbilanz gar nicht so schlecht
Die Menschheit wächst rapide – die Zahl der in absoluten Armut lebenden ist dagegen stabil oder sinkt – so schlecht sieht es also gar nicht aus. Ansonsten finde ich es absurd wenn die „Welt“ (gemeint ist hier ja die so genannte erste Welt) beschließt Armut und Hunger bis irgendwann zu halbieren. Als hätten die, die dies beschlossen haben, in der Hand. Wenn die Bevölkerung in Entwicklungsländer weiterhin so wächst und die der Industrieländer so rapide abnimmt, werden wir die Karre gegen die Wand fahren – egal wie gut oder schlecht die Zwischenbilanzen aussehen.
Interessierter0815 20.09.2010
2.
Zitat von SaTDie Menschheit wächst rapide – die Zahl der in absoluten Armut lebenden ist dagegen stabil oder sinkt – so schlecht sieht es also gar nicht aus. Ansonsten finde ich es absurd wenn die „Welt“ (gemeint ist hier ja die so genannte erste Welt) beschließt Armut und Hunger bis irgendwann zu halbieren. Als hätten die, die dies beschlossen haben, in der Hand. Wenn die Bevölkerung in Entwicklungsländer weiterhin so wächst und die der Industrieländer so rapide abnimmt, werden wir die Karre gegen die Wand fahren – egal wie gut oder schlecht die Zwischenbilanzen aussehen.
Die Arbeitslosenstatistik sieht auch nicht so schlecht aus... Tagträumer!
elektro-ing 20.09.2010
3. ?
Vergleicht man die Summen für die Rüstung mit den Summen für die Armutsbekämpfung wird klar welche Ziele wirklich verfolgt werden. Das die Armut beseitigt werden soll ist doch nicht mehr als ein Lippenbekenntnis!
ein schäfchen 20.09.2010
4. Grafik verwirrend
Die zum Artikel gehörende Grafik mit dem tendenziösen Titel:"Lähmende Hilfe?" zeigt angeblich den Anteil von Entwicklungshilfe am BSP des jeweiligen Landes. In Liberia beträgt dieser Anteil 185%. Das ist wirklich sehr erstaunlich.
chirin 20.09.2010
5. Milleniumsziele - was haben die VereintenNationen erreicht?
Zitat von sysopVor zehn Jahren hat sich die Uno acht "Milleniumsziele" gesetzt: Armut und Hunger sollen unter anderem bis 2015 bekämpft, die Gleichstellung der Frau vorangetrieben und die Gesundheit von Kindern und Müttern verbessert werden. Auf einem Gipfel in New York ziehen mehr als 100 Staats- und Regierungschefs nun Bilanz. Was ist Ihre Meinung? Können diese Ziele erreicht werden? Haben die Industrieländer genug getan?
Übergenug haben die Industrieländer getan, allerdings kommt doch kaum etwas bei den Betroffenen an. Statt Geld sollte lieber Hilfe zur Selbsthilfe geleistet werden, wobei in den verschiednen moslemisch geprägten Länder wie Sudan, Soamlia etc., verheerende Zustände herrschen. Da kann man dann nichts tun!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.