Unruhe in Nord-Israel Angst vor dem nächsten großen Krieg

Aus Nazaret berichtet Ulrike Putz

2. Teil: Die einen fühlen sich wie im Ghetto, die anderen leben in einer Gartenstadt


Die Menschen in Alsaschur sind gefährdet, weil sie arm sind. Die Gemeinde ist verschuldet, seit zwei Monaten hat sie keine Löhne mehr ausgezahlt. Schlaglöcher machen die steilen, verwinkelten Gassen zu Hindernisparcours. In einem Tümpel nahe der Schnellstraße brüten mit dem West-Nil-Virus infizierte Mücken. Es ist kein Geld da, sie zu bekämpfen. Für Hassan Ali sind das Symptome der systematischen Diskriminierung der israelischen Araber. "Wir bekommen weniger Geld für Schulen, die Kinder eine schlechtere Ausbildung, also später auch schlechtere Jobs", sagt er. Nur 20 Prozent der arabischen Jugendlichen eines Jahrgangs machten Abitur, im Gegensatz zu 60 bis 70 Prozent auf jüdischer Seite. "Wir leben hier im Ghetto", sagt er. "Ich bin sehr traurig, das sagen zu müssen, aber es ist die Realität."

Karmiel - am besten auf den Krieg vorbereitet

Karmiel auf dem Hügel gegenüber ist eine Gartenstadt, wie man sie in den sechziger Jahren entwarf. Auf den Appartementblocks heizen Solarpanele das Wasser, Jugendliche sitzen vor McDonald's am Einkaufscenter, in den Wasserbecken an der Haupteinkaufsmeile blühen Seerosen. Vor dem Rathaus zeigt ein Schilderbaum, in welcher Himmelsrichtung die ehemaligen Heimatstädte der Einwohner liegen: Moskau, New York, Buenos Aires.

Über 300 Raketen gingen im letzten Sommer auf Karmiel nieder, drei Mal so viele wie aufs benachbarte Alsaschur. Getötet wurde hier niemand. "Weil wir 40 Prozent unserer Leute evakuieren konnten und für den Rest ausreichend Schutzraum zur Verfügung stand", sagt Levia Shalev Fischer, Sprecherin des Bürgermeisters. Das Problem in Karmiel: Die Bunker waren nur für kurze Aufenthalte gedacht und nicht dafür, dass die halbe Stadt vier Wochen lang in ihnen wohnt. "Die hygienischen Zustände waren unhaltbar", sagt Fischer.

Heute ist Karmiel nach Aussage Fischers die am besten auf einen Krieg vorbereitete Stadt im Norden. Von den 800 Bunkern sind 150 schon für längere Aufenthalte umgerüstet worden, mit Klimaanlagen, Bädern, Notstrom. 200 weitere stehen in den nächsten Wochen auf dem Sanierungsplan. Dabei hat auch Levia Fischer kein gutes Wort für die Regierung übrig. "Jerusalem hat nichts getan. Wenn hier etwas passiert ist, dann nur, weil wir uns in Eigenregie um andere Geldquellen gekümmert haben." Eine halbe Million Dollar kam allein von den jüdischen Gemeinden in der Partnerstadt Pittsburgh. Dass ihre Nachbarn in Alsaschur einem erneuten Beschuss wieder schutzlos ausgesetzt sein werden, ist für Fischer "im höchste Maße unfair". "Die Araber sind genauso Bürger Israels wie die Juden", sagt sie.

Auf jüdisch-israelischer Seite macht die Solidarität der jüdischen Gemeinden im Ausland das mangelnde staatliche Engagement wett. Die israelisch-palästinensischen Dörfer bleiben dagegen sich selbst überlassen. Es ist die Tragik der Palästinenser, dass sich arabische Staatschefs zwar gern für die Anliegen der Palästinenser stark machen, aber kaum etwas tun, um das Leben der Palästinenser zu verbessern. Es bleibt bei Lippenbekenntnissen und leeren Gesten, auch in Alsaschur. Dorthin hat der Scheich von Katar jüngst eine Millionen-Dollar-Spende überwiesen, jedoch nicht etwa für den Ausbau von Schutzräumen für Zivilisten. Von dem Geld soll nach dem Willen des Fürsten ein prestigeträchtiges Fußballstadion gebaut werden. Nach der Hauptstadt Katars soll es "Doha-Stadium" genannt werden.

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