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Unruhe in Nord-Israel: Angst vor dem nächsten großen Krieg

Aus Nazaret berichtet Ulrike Putz

Angriffe aus Syrien, von der Hamas und al-Qaida, dazu ein möglicher US-Militärschlag gegen Iran: Der Norden Israels muss sich auf Horrorszenarien einstellen. Vor allem die benachteiligten israelischen Araber fürchten sich vor einer neuen Tragödie.

Nazaret - Die Nachrichten, die der Oberst mitgebracht hatte, konnten schlechter kaum sein. Vor den versammelten Gemeindevorstehern und Bürgermeistern der 200 Kommunen Nordisraels malte der Offizier des israelischen Kommandos Nord die Zukunft in düsteren Farben. Sollten die USA versuchen, die iranischen Atom-Anlagen mit einem Militärschlag zu zerstören, müsste Israel mit einem Mehrfrontenkrieg als Vergeltung rechnen. Ein Angriff Syriens von Osten, der Hisbollah aus dem Norden, der Hamas vom Westjordanland aus und Terroranschläge der al-Qaida im Badeort Eilat an der ägyptischen Grenze – alle Szenarien seien denkbar, auch in Kombination. Die Botschaft an die in Nazaret versammelten Gemeindevertreter: Macht Euch bereit.

"Ein großer Krieg könnte bald beginnen, und dann seid ihr auf Euch allein gestellt", erinnert sich Hassan Ali an die Worte des Oberst. Hinter ihm an der Wand des Bürgermeisterbüros zeigt ein Luftbild drei Dörfer mit ineinander verkeilten Gassen: Die 30.000-Seelen-Gemeinde Alsaschur, deren Sprecher Ali ist. Die Linie, die das Bild von Ost nach West in zwei Hälften schneidet, ist eine Schnellstraße. Südlich davon sieht man eine Stadt in überlegt angelegten Straßenschleifen: Karmiel, mit 50.000 Einwohnern eine der großen Städte des israelischen Nordens.

Alsaschur und Karmiel sind zwei ungleiche Schwestern. Nur einen Steinwurf voneinander entfernt, aber Welten auseinander. Karmiel ist bewohnt von jüdischen Israelis, Alsaschur von sogenannten israelischen Arabern. Palästinensern, die nach der Staatsgründung Israels im Land geblieben sind und heute etwa 18 Prozent der israelischen Staatsangehörigen ausmachen.

Bürger zweiter Klasse

Dass die arabischen Israelis Bürger zweiter Klasse, ihre Siedlungen die Armenhäuser Israels sind, belegen unzählige Studien und Statistiken. Ins Bewusstsein vieler Israelis sickerte das erst während des Libanon-Krieges im vergangenen Sommer. Knapp die Hälfte der Zivilisten, die damals Opfer der Raketen der Hisbollah wurden, waren israelische Araber. Der Grund für die überproportional hohen Verluste: In jüdischen Städten und Dörfern konnten sich die Einheimischen in öffentliche Bunker und private Schutzräume flüchten. Arabisch-israelische Gemeinden waren den Raketen hingegen fast schutzlos ausgeliefert. Kaum ein Dorf, in dem die zuständigen Behörden mehr als ein paar Klassenzimmer in Schulen zu Bunkern umgebaut hatten.

"Daran hat sich bei uns im Dorf nichts geändert", sagt Hassan Ali, der in seiner Gemeinde sieben Schutzräume zählt. Die Warnungen, die bei der von Militär, Polizei und Feuerwehr organisierten Bürgermeister-Konferenz ausgesprochen wurden, erfüllen ihn deshalb mit mehr Zorn als Angst. Es sei Sache der Regierung, seinen Dörfern Geld für Schutzräume zu geben, sagt Ali. "Sie tun es einfach nicht und verdammen uns im nächsten Krieg zu einer Tragödie."

Vier Gemeindemitglieder starben während des letzten Krieges, als 100 Raketen auf die drei Dörfer niedergingen. In Deir al-Assad kamen eine Frau und ihr junger Sohn um, als ihre Küche von einer Katjuscha-Rakete getroffen wurden. In Maschd al-Kurum hängen Poster mit den Fotos von Baha Krahim und Mohammed Naha in den Straßen. Warum der Lehrer und der in Deutschland ausgebildete junge Krankengymnast sterben mussten, zeigen zwei Männer, die im Gemeindezentrum Kaffee trinken: Weil es keine Bunker gab, hätten die Menschen sich nur unter Tische und in Türrahmen flüchten können, wenn sie die Raketen kommen hörten.

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