Unruhen Ägyptens Regierung will Proteste ersticken

Ägypten drohen neue, blutige Proteste. Die Regierung hat angekündigt, hart gegen Demonstranten vorzugehen - weitere Kundgebungen würden nicht geduldet. Doch die Oppositionellen lassen sich nicht beirren: Sie rufen im Internet zu Massenprotesten auf.

REUTERS

Kairo/Istanbul - Sie stehen an Straßenkreuzungen, an Plätzen und Brücken. Tausende Polizisten patrouillieren in den Straßen der ägyptischen Hauptstadt Kairo - um neue Massenproteste zu verhindern. Die Opposition fordert ein Ende von Unterdrückung, Korruption und Armut. Die ägyptische Regierung beantwortet das mit Polizeipräsenz und Härte.

Sollte es neue Proteste geben, würden die Sicherheitskräfte gezielt dagegen vorgehen, erklärte ein Sprecher des Innenministeriums am Mittwoch. "Es wird niemandem erlaubt werden, Aufruhr zu schüren, Protestversammlungen abzuhalten oder Demonstrationen zu organisieren. Sollte sich jemand nicht daran halten, dann werden sofort die gesetzlichen Maßnahmen eingeleitet und Ermittlungen gegen die Teilnehmer aufgenommen."

Einen Tag nach den blutigen Zusammenstößen, bei denen vier Menschen starben, drohen somit neue Auseinandersetzungen. Dutzende Demonstranten sollen sich bereits im Zentrum von Kairo versammeln, meldet die Nachrichtenagentur Reuters.

Regierungskritiker hatten am Mittwochmorgen zu Versammlungen aufgerufen. "Geht nicht zur Arbeit, geht nicht in die Schule. Lasst uns alle Hand in Hand für unser Ägypten auf die Straße gehen", schrieb ein Aktivist auf Facebook. "Wir werden Millionen sein", hieß es. Das soziale Netzwerk spielte eine Schlüsselrolle bei der Organisation der Proteste.

Schon in den vergangenen Tagen hatten Menschenrechtsgruppen und Oppositionelle per Facebook zu Demonstrationen aufgerufen - es waren die heftigsten Proteste seit dem Amtsantritt des Präsidenten Husni Mubarak 1981. Immer mehr Stimmen fordern nun seinen Rücktritt. "Nieder mit Husni", verlangten Demonstranten.

Mit welcher Härte er die Proteste bekämpfen lässt, zeigte sich bereits Dienstagnacht: Sicherheitskräfte trieben die Demonstranten im Zentrum von Kairo gewaltsam auseinander. Die Polizei ging mit Tränengas und Wasserwerfen gegen sie vor. Augenzeugen schilderten, viele Menschen seien blutüberströmt durch die Straßen der ägyptischen Hauptstadt gelaufen, andere seien bewusstlos zusammengebrochen.

Vier Tote und Dutzende Festnahmen

Auch in zahlreichen anderen ägyptischen Städten war es zu Protesten gekommen. Drei Demonstranten und ein Polizist wurden getötet. In der Hafenstadt Suez eröffnete die Polizei bei Krawallen das Feuer auf Demonstranten und tötete zwei Menschen. Am Mittwoch erlag ein 45-jähriger Demonstrant aus Suez seinen Verletzungen. Nach Angaben seiner Ärzte starb der Mann an inneren Blutungen. Die Polizei habe ihm mit Gummigeschossen in den Bauch geschossen.

Zahlreiche weitere Menschen wurden verletzt. Dutzende Demonstranten wurden im ganzen Land festgenommen, berichteten die Organisatoren der Proteste.

Die USA riefen die Führung in Kairo zur Zurückhaltung auf. Die Regierung solle auf Proteste friedlich antworten und politische, wirtschaftliche und soziale Reformen fortsetzen, erklärte das Weiße Haus. Das ägyptische Volk habe das Recht auf freie Meinungsäußerung.

In Ägypten gilt seit 1981 der Ausnahmezustand. Großdemonstrationen werden von der Polizei normalerweise rasch beendet. Doch in den vergangenen Tagen ließen sich die Demonstranten nicht einschüchtern. Viele beklagen Armut, Arbeitslosigkeit und steigende Preise. Sie hoffen auf einen ähnlichen Umsturz wie in Tunesien: Vor knapp zwei Wochen war der tunesische Präsident Zine el-Abidine Ben Ali nach Massenprotesten gestürzt worden. Ben Ali lebt mittlerweile in Saudi-Arabien im Exil.

Wegen der Unruhen in Ägypten haben mehrere deutsche Reiseveranstalter am Mittwoch Tagesausflüge vom Roten Meer nach Kairo abgesagt. Diese Vorsichtsmaßnahme gelte zunächst für einen Tag, hieß es bei den Anbietern Thomas Cook/Neckermann und FTI. Die Rewe-Pauschaltouristik (ITS, Jahn Reisen, Tjaereborg) hatte bereits am Dienstag keine Urlauber mehr in Ägyptens Hauptstadt gebracht, so eine Sprecherin.

Die Proteste sorgten auch an den Finanzmärkten für Verunsicherung. Der wichtigste ägyptische Aktienindex brach um fast fünf Prozent ein. Das ägyptische Pfund sank zum Dollar auf den niedrigsten Stand seit Januar 2005.

kgp/dpa/Reuters



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insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
Matthias Hofmann 26.01.2011
1. ganz Nordafrika ein Pulverfaß
Zitat von sysopÄgypten drohen neue, blutige Proteste. Die Regierung hat angekündigt, hart gegen Demonstranten vorzugehen - weitere Kundgebungen würden nicht geduldet. Doch die Oppositionellen lassen sich nicht beirren: Sie rufen im Internet zu Massenprotesten auf. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,741712,00.html
Das kann ja heiter werden. - Die ganze Region scheint sich im Eiltempo zu destabilisieren. Gegen Demokratie ist ja nichts einzuwenden. Aber in Ägypten gibt es doch sehr viele Islamisten. - Das könnte dann der Beginn eines weiteren "Gottesstaates" werden... Davor kann nur gewarnt werden.
durchfluss 26.01.2011
2. Räusper
Zitat von Matthias HofmannDas kann ja heiter werden. - Die ganze Region scheint sich im Eiltempo zu destabilisieren. Gegen Demokratie ist ja nichts einzuwenden. Aber in Ägypten gibt es doch sehr viele Islamisten. - Das könnte dann der Beginn eines weiteren "Gottesstaates" werden... Davor kann nur gewarnt werden.
Religiöse Fundamentalisten regieren auch schon seit Jahrzehnten in Bayern ohne den Weltfrieden zu gefährden.
Mersinar 26.01.2011
3. Der Befehl kam von ganz "oben"...
Zitat von Matthias HofmannDas kann ja heiter werden. - Die ganze Region scheint sich im Eiltempo zu destabilisieren. Gegen Demokratie ist ja nichts einzuwenden. Aber in Ägypten gibt es doch sehr viele Islamisten. - Das könnte dann der Beginn eines weiteren "Gottesstaates" werden... Davor kann nur gewarnt werden.
Zitat AL Jazeera: "In Washington DC, Hillary Clinton, the secretary of state, said Egypt's government was "stable" and that Egyptians have the right to protest, though she urged all parties to avoid violence." Das heißt übersetzt: "Mubarak, du alter Teppichhändler, bleib stabil und sorg für Ordnung, versuche all zuviele Tote zu vermeiden" Die Proximität zu Israel und der Suez Kanal sind zu wichtig für Amerika. Das wird blutig.
egils 26.01.2011
4. Ein weiterer...
...Diktator den der Westen geduldet und unterstuetzt hat. Die gelegentlichen "Ratschlaege" und die "Kritik" hatte nie irgendwelche Konsequenzen fuer herrn Mubarak. In den 60'er und 70'er wurden alle Diktatoren unterstuetzt um die "kommunistische" gefahr im Zaun zu halten, also fuer ein "grösseres Ziel", und nun werden Diktatoren gestuetzt um die "islamistische Gefahr" zu bannen...Selbes Spiel, neuer Name, undn atuerlcih nicht, rein gar nichts aus der vergangenheit gelernt. Bravo!
Leto_II., 26.01.2011
5. einen Titel
Zitat von MersinarZitat AL Jazeera: "In Washington DC, Hillary Clinton, the secretary of state, said Egypt's government was "stable" and that Egyptians have the right to protest, though she urged all parties to avoid violence." Das heißt übersetzt: "Mubarak, du alter Teppichhändler, bleib stabil und sorg für Ordnung, versuche all zuviele Tote zu vermeiden" Die Proximität zu Israel und der Suez Kanal sind zu wichtig für Amerika. Das wird blutig.
Wenn dann die Touris ausbleiben, werden viele Ägypter auch hungrig werden.
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