Unruhen im Kosovo Provokationen um jeden Preis

Ein Toter, mehr als hundert Verletzte: Nach serbischen Attacken im Nordkosovo haben Kfor-Truppen das Kommando übernommen. Doch ein Ende der Eskalation ist nicht abzusehen - Provokationen um jeden Preis, lautet die Devise der Serben.

Von Renate Flottau, Belgrad


Mitrovica - In Mitrovica herrscht wieder Ruhe, doch sie ist trügerisch. Ein Ende der Eskalationen im Kosovo ist langfristig kaum in Sicht, das ist spätestens seit Montag klar. Mitrovica schien sich stundenlang im Kriegszustand zu befinden: Schockbomben ließen die Häuser erzittern, Tränengas sollte serbischen Demonstranten verjagen. Doch die revanchierten sich mit Steinwürfen, Molotow-Cocktails und Schüssen.

Was war geschehen? Der Schauplatz: Das Gerichtsgebäude im von Serben besiedelten Nord-Mitrovica. Nach einmonatigen Protesten hatten am Freitag vergangener Woche ein paar Dutzend ehemaliger Angestellter das von der Uno-Verwaltung geschlossene Gerichtsgebäude gestürmt, besetzten es, hissten zwei serbische Fahnen.

Sie waren nach der Unabhängigkeit des Kosovo von der Uno-Verwaltung entlassen worden. Jetzt drohten sie, bis zu ihrer Wiedereinstellung würden sie das Amtsgebäude nicht mehr verlassen.

Dann, als am Montag über Mitrovica noch tiefe Nacht lag, die Straßen menschenleer waren, rollten um 5.30 Uhr morgens Kampffahrzeuge der Unmik-Spezialpolizei an, unterstützt von Nato-Truppen der Kfor. Und das Chaos begann. Die aufgebrachte Menge schlug die Sicherheitskräfte in die Flucht. Die Uno ordnete den Rückzug mehrerer hundert Polizisten an. Stattdessen übernahm die Kfor das Kommando und drohte mit hartem Durchgreifen.

Der aufgebrachten Meute gelang es am Ende sogar, 21 von insgesamt 53 verhafteten ehemaligen Angestellten des Gerichts aus den Polizeifahrzeugen zu befreien. Die restlichen 32 wurden am Abend wieder auf freien Fuß gesetzt. Fazit der Schlacht: mehr als hundert Verletzte, einige darunter lebensgefährlich. Ein ukrainischer Polizist starb an seinen Verletzungen.

Provokationen um jeden Preis, so lautet die Devise der Serben. Denn nur so glauben sie, ihre Ziele erreichen zu können:

  • den überwiegend von Serben besiedelten Nordkosovo ausschließlich von Belgrad verwalten zu lassen;
  • sich der Integration in den seit 17. Februar unabhängigen Staat Kosovo mit allen Mitteln zu verweigern.

Eine faktische Teilung, so hatten die meisten Serben gehofft, ließe sich allein durch ihre ethnische Übermacht in dieser Region erzwingen. Doch die im Kroatien- und Bosnienkrieg erprobte Methode, die internationale Gemeinschaft durch Gewaltakte vor vollendete Tatsachen zu stellen, scheiterte hier bislang am Widerstand der internationalen Sicherheitskräfte.

Zwar wurden aus der im Norden des Landes stationierten Kosovo-Polizei albanischstämmige Beamte abgezogen und auch die EU-Mission wird ihr geplantes Quartier in Nord-Mitrovica vorerst nicht beziehen - doch für Unmik-Chef Joachim Rücker ist die "rote Linie" seit den Montag-Unruhen überschritten.

Erstmals sei auf Kfor-Soldaten geschossen worden, dies werde er kein weiteres Mal mehr dulden, verkündete Rückert empört. Unter den Verletzten befinden sich auch rund 25 internationale Kräfte. Wie dramatisch die Sicherheitslage tatsächlich von den Verantwortlichen beurteilt wird, zeigt der Rückzug von Unmik und Kosovo-Polizei aus Nord-Mitrovica. Künftig sollen dort allein die Soldaten der Kfor für Ruhe und Ordnung sorgen - notfalls unter Einsatz aller militärischen Mittel.

In Washington wie in Brüssel ist man sich bewusst, dass jedes Zugeständnis an Belgrad die Albaner nicht nur erzürnen, sondern vor allem ermuntern könnte, die Situation in Eigenregie zu bereinigen. Es mangelt nicht an Jugendlichen, deren größter Wunsch es ist, in die Fußstapfen der legendären einstigen UCK-Befreiungsarmee zu treten. Eine Horrorvision für die internationale Gemeinschaft, die die Unabhängigkeit des Kosovo mit blauäugigen Beteuerungen aus der Taufe hob, diese trage zur Stabilität des Balkan bei.

Belgrad sei auch diesmal der Hauptschuldige an den Unruhen, darin waren sich am Montag der EU-Spezialbeauftragte Peter Feith und die albanische Führung des Kosovo allerdings einig.

Tatsächlich scheint Serbien mit der Situation im Kosovo restlos überfordert zu sein. Die politische Führung - egal welcher Parteienzugehörigkeit - kann den rund 100.000 im Kosovo verbliebenen Landsleuten kein reales Konzept zur Lösung ihrer Probleme bieten. Die Durchhalteappelle enthalten mittlerweile den peinlichen Beigeschmack einer bereits begonnenen Wahlkampagne. Premier Vojislav Kostunica hatte aufgrund "unüberwindbarer Meinungsdifferenzen" die Regierungskoalition aufgelöst. Am 11. Mai sollen Neuwahlen stattfinden.

"Habt Vertrauen in Belgrad, wir werden den Internationalen heimzahlen, was sie uns angetan haben", heizte noch am Montag der für das Kosovo zuständige Minister Slobodan Samardzic die Stimmung an: "Nur Serbien ist für das Kosovo zuständig." Noch-Premier Kostunica will mit dem Rückhalt aus Moskau punkten. Er führe bereits mit dem Kreml Konsultationen über weitere gemeinsame Aktionen, sagte der 63-Jährige, um künftig alle Gewaltakte gegenüber den Serben zu stoppen.

Der internationalen Gemeinschaft warf Kostunica vor, absichtlich am 4. Jahrestag der albanischen Übergriffe auf serbische Klöster und Dörfer die Serben erneut bestrafen zu wollen.

Der Vizepräsident der Radikalen, Tomislav Nikolic, verlangte von dem als proeuropäisch eingestuften Präsidenten Boris Tadic, "seine Freunde im Westen" aufzufordern, ihren Vandalismus, die Tötung und Schikanen gegenüber den Serben im Kosovo einzustellen. Diesem Treiben dürfe man nicht mehr länger ruhig zusehen.

Genau das ist es, was die Serben in Mitrovica herbeisehnen. Doch bisher war es nur Bischof Artemije, der einen militärischen Angriff auf das Kosovo forderte und auch russische Freiwillige willkommen hieß.

In Belgrad sind sich dagegen immer noch alle Parteien einig, dass ein Armee-Einsatz - allein schon wegen seiner Ausweglosigkeit - nicht zur Diskussion steht. Das hindert die Hardliner in Geheimdienst, Armee und Politik allerdings nicht daran, die bedrohten Brüder im Kosovo mit Waffen und Munition auszurüsten und Extremisten in die einstige Provinz einzuschleusen.

Getreu der Milosevic-Philosophie: Die bedrohten Serben müssen sich verteidigen. Belgrad kämpft für den Frieden.

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