Unruhen in Ägypten Finanzminister tritt aus Protest gegen eigene Regierung zurück

Kairo sucht nach den Schuldigen am Blutbad: Die koptischen Christen machen die Armee für die Zusammenstöße vom Sonntag verantwortlich, Tausende demonstrierten gegen den Militärrat. Auch politisch verschärft sich die Krise - der angesehene Finanzminister al-Beblawi kündigte seinen Rücktritt an.

Ägyptens Finanzminister Beblawi: "Schwache Leistungen der Regierung"
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Ägyptens Finanzminister Beblawi: "Schwache Leistungen der Regierung"


Kairo/Berlin - Droht Ägyptens Militärrat die Zerreißprobe? Nach den blutigen Zusammenstößen zwischen Christen und dem Militär in Kairo zeigen sich erste Risse in der Übergangsregierung - der Finanzminister Hazem al-Beblawi ist zurückgetreten. Der Minister, der zugleich auch Vize-Ministerpräsident für die Wirtschaft war, begründete seinen Schritt mit der "schwachen Leistung der Regierung beim Umgang mit den Zusammenstößen". Der Politiker habe in seinem Rücktrittsschreiben an den Ministerpräsidenten erklärt, er könne "so nicht arbeiten", sagte ein Mitarbeiter Beblawis.

Damit verschärft sich die Krise in Ägypten auch auf politischer Ebene. Bei den bisher schlimmsten gewalttätigen Zusammenstößen seit dem Sturz des autoritären Präsidenten Husni Mubarak im Februar dieses Jahres seien 22 christliche Zivilisten, drei Soldaten und ein Polizist ums Leben gekommen, hieß es am Dienstag aus Sicherheitskreisen in Kairo. Die Armee äußerte sich offiziell nicht zur Zahl der getöteten Soldaten.

Den Ausschreitungen der Sicherheitskräfte war am Sonntagabend eine friedliche Demonstration der Kopten vorausgegangen. Die Religionsgruppe hatte dagegen protestiert, dass zehn Tage zuvor eine ihrer Kirchen in der südlichen Provinz Assuan von einem muslimischen Mob niedergebrannt worden war.

Die betroffene Kirche soll ohne Genehmigung erbaut worden sein - wobei die Christen in Ägypten selten die behördliche Erlaubnis für den Bau eines neuen Gotteshauses erhalten. Die Übergangsregierung will nun binnen zwei Wochen eine revidierte Version des Gesetzes vorlegen, das den Bau von Gotteshäusern regelt.

Kopten suchen Schuld beim Militär

Der Rücktritt von Finanzminister al-Beblawi stellt die Militärregierung vor Probleme. Der ausgewiesene Experte für Finanzen und Entwicklungspolitik war zugleich auch Vize-Ministerpräsident für die Wirtschaft und erst seit Juli dieses Jahres im Amt. Zuvor hatte er jahrelang für internationale Finanzorganisationen gearbeitet, zuletzt für den Arabischen Währungsfonds in Abu Dhabi.

Die Militär-Staatsanwaltschaft nahm 19 Christen und zwei Muslime in Untersuchungshaft, denen sie Zerstörung öffentlichen Eigentums und Angriffe auf die Armee vorwirft. Die Vereinigungen der koptischen Christen suchten die Schuld für die blutigen Zusammenstöße beim Militär. "Das gewalttätige Vorgehen (der Soldaten) war schlimmer als das, was die israelische Armee mit den Palästinensern macht, die Kassam-Raketen abfeuern", hieß es in ihrer gemeinsamen Erklärung, die am Dienstag von der christlichen Zeitung "Watani" veröffentlicht wurde.

Rund 20.000 Menschen demonstrierten zudem während einer Trauerfeier für die getöteten Christen gegen den herrschenden Militärrat. Die Teilnehmer warfen dem Rat vor, die Hauptverantwortung für das Blutbad zu tragen. Während der Feier unterbrachen die Trauernden ihre Gebete immer wieder mit Sprechchören wie "Nieder mit der Militärherrschaft". "Das Volk will den Sturz des Marschalls", riefen die Trauernden. Gemeint war Feldmarschall Hussein Tantawi, der den Militärrat leitet. Die Feierlichkeiten dauerten mehrere Stunden. Im Anschluss trug eine kleine Gruppe den Leichnam eines getöteten Aktivisten zum Tahrir-Platz.´

Obama ruft Ägypter zur Mäßigung auf

Ein Mitglied des an die Stelle Mubaraks getretenen Militärrates, General Ismail Etman, erklärte der BBC, dass die Militärpolizei bei den Zusammenstößen keine scharfe Munition eingesetzt habe. Dem widersprachen allerdings die ersten Obduktionsberichte, wonach zahlreiche Demonstranten an Schussverletzungen gestorben seien, berichtete die Webseite ahram.org. Aufklärungsbedürftig bleibe außerdem, warum zwei Radpanzer der Armee an jenem Abend in die Menge der Demonstranten gerast waren und mehrere Menschen praktisch zermalmt hatten, meinten Bürgerrechtsaktivisten in Kairo.

Die tragischen Ereignisse riefen weltweit bestürzte Reaktionen hervor. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon ermahnte die Ägypter zur Besinnung auf den historischen Wandel vom Jahresanfang. Von den Behörden der Übergangsregierung forderte Ban, die Menschen- und Bürgerrechte aller Ägypter zu schützen, gleich welchen Glaubens sie sind.

US-Präsident Barack Obama rief alle Seiten zur Mäßigung auf. "Diese tragischen Ereignisse sollten zeitnahen Wahlen und einem fortgesetzten Übergang in eine friedfertige, gerechte und umfassende Demokratie nicht im Wege stehen", teilte das Weiße Haus in Washington mit.

vme/dpa/dapd

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