Unruhen in Ägypten Gewalttätige Proteste erschüttern Suez

Ägyptens Polizei versucht mit Gewalt, die Demonstrationen im Land niederzuschlagen. Besonders brisant war die Lage am Mittwochabend in Suez. In der Hafenstadt trotzten die Menschen dem Protestverbot - und setzten laut Augenzeugenberichten öffentliche Gebäude in Brand.

REUTERS

Kairo/Suez - Die ägyptische Opposition trotzt dem Demonstrationsverbot und massivem Polizeieinsatz. Tausende Menschen gingen am Mittwoch in Kairo und anderen Städten erneut auf die Straße und forderten den Rücktritt des greisen, seit 1981 autoritär regierenden Präsidenten Husni Mubarak.

Bei Zusammenstößen zwischen den Demonstranten und der Polizei wurden in der Hauptstadt laut Agenturberichten Dutzende Personen verletzt. Reuters berichtete, dass zwei weitere Menschen dabei ums Leben kamen. Ägyptische Sicherheitskreise bestreiten, dass ihr Tod in Zusammenhang mit den Protesten steht. Die Umstände seien noch unklar. Möglicherweise seien sie in einen Autounfall verwickelt gewesen.

Besonders heikel war die Lage auch in der Hafenstadt Suez. Nach Angaben von Ärzten wurden dort 55 Demonstranten verletzt. Auch 15 Polizisten hätten durch Steinwürfe der Demonstranten Verletzungen erlitten. Protestler zündeten in der Stadt laut Augenzeugenberichten ein Gebäude der Stadtverwaltung an. Die Demonstranten hätten das Gebäude mit Molotowcocktails beworfen, berichteten die Augenzeugen.

Polizei geht mit Tränengas und Gummistöcken gegen Proteste vor

Auch die Parteizentrale von Mubaraks Partei in Suez sei mit Brandsätzen beworfen worden. Die Angreifer hätten sich gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei geliefert, die mit Tränengas und Gummigeschossen gegen die Menge vorgegangen sei. Der Konflikt war eskaliert, nachdem die Polizei eine große Trauerfeier für die vier Männer verboten hatte, die in der Nacht zuvor getötet worden waren.

Das Innenministerium verhängte in der Stadt eine nächtliche Ausgangssperre und ein Demonstrationsverbot. "Weder provozierende Protestversammlungen und Umzüge noch die Organisation von Märschen oder Demonstrationen sind erlaubt", erklärte das Innenministerium der staatlichen Nachrichtenagentur Mena zufolge. Wer demonstriere, werde sofort den Ermittlungsbehörden überstellt.

Westliche Regierungen appellierten an Mubarak, sich Reformen zu öffnen und von einer gewaltsamen Niederschlagung der Proteste abzusehen. Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) zeigte sich "sehr besorgt" über die Entwicklung. Die US-Regierung forderte die Regierung in Kairo auf, die Bevölkerung ernst zu nehmen und das Demonstrationsverbot aufzuheben. Frankreichs Außenministerin Michèle Alliot-Marie bedauerte die Todesfälle des Vortages.

"Menschenansammlungen und Demonstrationen weiträumig meiden"

Nach Ansicht der EU-Kommission zeigen die regierungskritischen Proteste den Wunsch der Bevölkerung nach einem "politischen Wandel". Israels Vize-Regierungschef Silvan Schalom erklärte, er hoffe, dass die Unruhen keine Auswirkungen auf die bilateralen Beziehungen hätten.

Das Auswärtige Amt empfahl Touristen in Ägypten dringend, "Menschenansammlungen und Demonstrationen weiträumig zu meiden". Deutsche Reiseveranstalter erhöhten ihre Sicherheitsvorkehrungen. Die Anbieter würden Ausflüge an Orte absagen, an denen Demonstrationen geplant seien, sagte eine Sprecherin des Deutschen Reiseverbands. Pläne für Rückholaktionen von Urlaubern gebe es derzeit jedoch nicht.

Die Proteste in Ägypten versetzen das Regime Mubaraks in Angst, denn die Demonstranten sind beflügelt vom Ausgang der Revolution in Tunesien Mitte Januar. Aber nicht nur politische Missstände spielen eine Rolle, viele führen gestiegene Lebensmittelpreise und die hohe Arbeitslosigkeit als Gründe für ihre Teilnahme an den Protesten an.

So zum Beispiel der 24-Jährige Rami. "Ich habe zwar einen Job als Ingenieur, aber wenn ich sehe, dass meine Kommilitonen als Fahrstuhlführer oder Pförtner arbeiten oder gar keinen Job haben, werde ich wütend", sagt er.

"Das hier wird weitergehen"

In Ägypten herrschen indes andere Voraussetzungen als in Tunesien. Ein Sturz des Regimes gilt immer noch nicht als besonders wahrscheinlich oder gar unmittelbar bevorstehend, das räumen auch Teilnehmer der Proteste ein. Aber sollten die Kundgebungen andauern, könnten sie eine Dynamik entfalten, die für Mubarak sehr wohl gefährlich wird. Bislang hat der Präsident sich selbst noch gar nicht zu den Protesten geäußert. Ministerpräsident Ahmed Nasif stellte dem Land jetzt Meinungsfreiheit in Aussicht: "Die Regierung hat die Absicht, die Freiheit der Meinungsäußerung mit legitimen Mitteln zu garantieren", sagte Nasif einer Meldung der amtlichen Nachrichtenagentur Mena zufolge.

Die Demonstranten bilden keine homogene Gruppe. Verschiedene Bündnisse und Oppositionspolitiker sowie unabhängige Intellektuelle unterstützen die Proteste, ebenso einige Gewerkschaften. Bei der Massendemonstration am Dienstag setzten sich jene Kräfte durch, die den Protest gewaltfrei halten wollen. Dennoch kamen ein Polizist und drei Demonstranten ums Leben. "Friedlich, friedlich", riefen viele Protestierende am Dienstag immer wieder in Sprechchören, wenn die Polizei auf sie losging oder einige Demonstranten Sachen beschädigen wollten, berichten Augenzeugen.

Diese Parole scheint auch am Mittwoch gegolten zu haben. "Das hier wird weitergehen", ist der 21-jährige Biologiestudent Mohammed überzeugt.

yas/luk/AFP/Reuters/dpa

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silenced 27.01.2011
1. <->
Was soll ein Protestverbot auch bringen, wenn die Menschen protestieren wollen halten die sich ganz sicher nicht an ein Protestverbot, welches sowieso nur existiert um der Polizei das gewaltsame eingreifen 'legal' zu ermöglichen. Auch verstehe ich den europäischen 'Jubel' über diese Welle der Proteste, welche sicher auf noch mehr Länder übergreifen wird, absolut nicht. Die Folgen für Europa werden mehr als schmerzhaft sein.
pudel_ohne_mütze 27.01.2011
2. Gibt es um Berlin herum eigentlich
Zitat von sysopÄgyptens Polizei versucht mit Gewalt, die Demonstrationen im Land niederzuschlagen. Besonders brisant*war die Lage am Mittwochabend in Suez.*In der Hafenstadt*trotzten die Menschen dem Protestverbot - und setzten*laut Augenzeugenberichten öffentliche Gebäude in Brand. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,741873,00.html
größere Bundeswehr-Standorte ?
marypastor 27.01.2011
3. Wie immer
Zitat von sysopÄgyptens Polizei versucht mit Gewalt, die Demonstrationen im Land niederzuschlagen. Besonders brisant*war die Lage am Mittwochabend in Suez.*In der Hafenstadt*trotzten die Menschen dem Protestverbot - und setzten*laut Augenzeugenberichten öffentliche Gebäude in Brand. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,741873,00.html
in diesen Situationen haben jetzt Randalierer, Vandalen, Brandstifter, Ladendiebe usw. Hochsaison. Die meisten wissen gar nicht, worum es geht.
dongerdo 27.01.2011
4. -
Auch wenn es traurig ist, das die Proteste sehr aggressiv verlaufen und die Toten und Verletzten zu beklagen sind - vielleicht erleben wir dieser Tage eine große Stunde. Nach all den Jahren, in denen der Westen selbstherrlich die Demokratie in den Nahen Osten tragen wollte, kommt die Veränderung diesmal von Innen. Hoffentlich ist es ein dauerhafter Umschwung - Ich würde es den Tunesiern genauso wie den Ägyptern von Herzen gönnen.
chagall1985 27.01.2011
5. Das nächste Land
Unglaublich spannendes Jahr 2011. Ich wünsche allen Demonstranten durchhaltevermögen und Erfolg. Dies ist der einzige Weg Diktaturen zu beseitigen. Ich warte auf den Iran und China und wenn es noch 5 Jahre dauert. Dann geht ein Erdbeben durch die Weltwirtschaft! grins
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