Unruhen in Ägypten: Mehr als 20 Tote bei Christen-Protesten in Kairo

Es sind die schwersten Ausschreitungen seit dem Sturz Mubaraks: Christliche Kopten wollten in Kairo gegen Diskriminierung protestieren - dann flogen Molotow-Cocktails und Steine. Bei den Auseinandersetzungen mit dem Militär wurden zahlreiche Menschen getötet, mehr als 150 verletzt.

Ägypten: Blutige Nacht in Kairo Fotos
AP

Hamburg - Bei einer Demonstration von koptischen Christen sind in Kairo nach Angaben des Gesundheitsministeriums mindestens 24 Menschen getötet worden. Insgesamt sollen bei den Auseinandersetzungen zwischen Kopten, Muslimen und ägyptischen Streitkräften 174 Menschen verletzt worden sein. Es waren die schwersten Ausschreitungen seit dem Sturz von Präsident Mubarak im Februar.

Während einer Demonstration vor dem Fernsehgebäude waren mehrere hundert koptische Christen mit Bewohnern der umliegenden Wohnviertel und mit dem Militär aneinandergeraten, das den Fernsehsitz sichert. Die Ursache für den Gewaltausbruch ist bisher unklar. Die Kopten demonstrierten gegen konfessionelle Gewalt - muslimische Extremisten hatten vor anderthalb Wochen in der südlichen Provinz Assuan eine Kirche niedergebrannt. Sie verlangten außerdem, dass der Gouverneur seines Amtes enthoben, die Kirche repariert, die Christen, deren Häuser angezündet worden waren, entschädigt und die Verantwortlichen juristisch verfolgt werden.

Die Demonstration habe als friedlicher Versuch eines Sitzstreiks im Gebäude des staatlichen Fernsehsenders begonnen, sagten Teilnehmer. Doch dann seien sie von Männern in Zivilkleidung angegriffen worden, die sie mit Steinen beworfen und mit Schrotkugeln beschossen hätten. "Der Protest war friedlich. Wir wollten wie üblich einen Sitzstreik abhalten", sagte der Demonstrant Essam Chalili.

"Schlägertypen griffen uns an, und ein Militärfahrzeug sprang über den Bürgersteig und überfuhr mindestens zehn Menschen. Ich habe sie gesehen", sagte Chalili. Andere Teilnehmer bestätigten die Aussage. "Ich habe gesehen, wie ein Fahrzeug Demonstranten überfahren hat. Dann haben sie auf uns geschossen", sagte Wael Rufail. Daraufhin hätten Demonstranten Militärfahrzeuge angezündet, berichtete Chalili.

Augenzeugen zufolge haben die Demonstranten den Soldaten Waffen abnehmen können und diese schließlich gegen das Militär gerichtet. Mehr als tausend Polizisten und Soldaten waren mit gepanzerten Fahrzeugen im Einsatz, um die Lage in den Griff zu bekommen.

Gewalt in den Straßen Kairos

Die Kämpfe breiteten sich auch auf den nahe gelegenen Tahrir-Platz sowie in die umliegenden Straßen aus. Tausende Menschen bewarfen sich gegenseitig mit Steinen und Brandsätzen. Fernsehbilder zeigten, wie einige koptische Demonstranten einen Soldaten angriffen, während ein Geistlicher versuchte, diesen zu beschützen.

Im Anschluss an die Auseinandersetzungen waren die Straßen mit Glasscherben, Steinen sowie Asche und Ruß der verbrannten Fahrzeuge übersät. Hunderte Schaulustige versammelten sich auf einer nahe gelegenen Brücke über den Nil. Nach Stunden heftiger Auseinandersetzungen erklang der Ruf nach Waffenstillstand: "Muslime, Christen eine Hand, eine Hand." Und tatsächlich: Im Anschluss hörte das Steinewerfen auf.

Die regierende ägyptische Militärführung hat eine fünfstündige Ausgangssperre über Teile Kairos verhängt: Wie das staatliche Fernsehen berichtete, sind davon die Innenstadtbezirke von Maspero, wo das Gebäude des staatlichen Rundfunks liegt, bis Abbassia weiter östlich betroffen, ebenso der Tahrir-Platz.

Bereits vor einer Woche hatten Hunderte koptische Christen nach der Brandstiftung an der Kirche in der Region Assuan demonstriert. Sie war von jungen Muslimen in Brand gesetzt worden, nachdem der örtliche Gouverneur die Stimmung angeheizt und erklärt hatte, das Gotteshaus sei wohl ohne behördliche Zustimmung errichtet worden.

Seit Monaten mehren sich in Ägypten die Angriffe auf die Kopten, die bis zu zehn Prozent der Bevölkerung stellen. Sie klagen seit langem über Diskriminierung und warnen, dass seit Mubaraks Sturz im Februar der Einfluss der Islamisten gestiegen sei.

han/aar/AFP/AP/Reuters/dpa/dapd

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insgesamt 90 Beiträge
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1. Arabischer Winter.....
Shaun das Schaf 09.10.2011
Beinahe jeden Tag werden Kirchen in Brand gesteckt und Christen werden in islamischen Ländern getötet. In einem Bericht über die Verfolgung von Christen auf der Welt schrieb Erzbischof Twal von Jerusalem kürzlich – ich zitiere: “Christ zu sein im Mittleren Osten bedeutet, dass man akzeptiert, dass man Opfer bringen muss. Viel zu oft und an viel zu vielen Orten müssen die Christen unter verschiedenen Bedrohungen leiden. Manchmal werden ihre Häuser und Kirchen verbrannt und Menschen werden getötet. Wie viele Gräueltaten müssen wir durchstehen bevor irgendjemand irgendwann uns zur Hilfe kommt?” Eine kürzlich erfolgte Umfrage in Ägypten nach der Revolution fand heraus, dass 85 Prozent der Ägypter davon überzeugt sind, dass der Einfluss des Islams auf die Politik gut ist, 82 Prozent glauben, dass Ehebrecher gesteinigt werden sollen, 84 Prozent wollen die Todesstrafe für Apostaten. Die Presse bezieht sich auf die Ereignisse in der arabischen Welt heute und nennt sie arabischer Frühling. Ich nenne es arabischen Winter. Wir können sehen, was der Islam für uns auf Lager hat, wenn wir das Schicksal der Christen in der islamischen Welt betrachten, wie zum Beispiel die Kopten in Ägypten, die Maroniten im Libanon, die Assyrer im Irak und die Christen in anderen Ländern.
2. Und wie immer...
BMayerL 09.10.2011
Nun wird man wohl versuchen, wie folgt zu argumentieren: "Huch, die Ägypter machen nun in ihrem eigenen Land Ärger und verhalten sich nicht so wies uns passt. Wäre doch besser für alle, wenns dort wieder eine vom Westen kontrollierte Diktatur gäbe. Lasst uns hin gehen, Krieg gegen die Bevölkerung führen und ein korruptes Regime unterstützen!" Das aber ist hahnebüchener Unfug. Man sollte vielleicht mal folgendes realisieren: der religiöse Extremismus baut sich mit der Zeit von ganz alleine ab wenn das Volk a) einen gewissen Wohlstand und b) frei ist. Religion mag Opium fürs Volk sein. Wenn man das Volk in Frieden lässt, gibts auch keinen Opiummißbrauch mehr. Man sehe sich Saudi-Arabien an. Davon abgesehen dass es nie irgendwen wirklich interessiert wenn DORT Menschenrechte verletzt werden auf Grundlage des Islam, findet nun mit der Zeit ein Abbau dieses Problems statt. Es gibt freie Wahlen und in 4 Jahren auch das Frauenwahlrecht. Der Islam verliert seinen Einfluss - vermutlich in einem Ähnlichen Tempo, wie die katholische Kirche ihren Einfluss in Deutschland verloren hat. Also langsam.
3. ...
Rodri 09.10.2011
Wie auch in Libyen und Jemen: die Diktatoren in diesen Ländern haben die Islamistan in der Bevölkerung zurückhalten können und durch die Revolutionen kommen dort überall die Hardliner an die Macht, die auch vor massiver Gewalt gegen Minderheiten (in Libyen vor allem Schwarze, in Ägypten sind es Christen) zurückschreckt !
4. Ade schoene Illusionen...
Common_sense 09.10.2011
Zitat von sysopIn Kairo ist es bei einer Demonstration koptischer Christen zu schweren Auseinandersetzungen mit dem Militär gekommen. Mehrere Menschen wurden getötet, Dutzende verletzt. Junge Muslime hatten eine Kirche in Brand gesetzt, die ohne behördliche Zustimmung gebaut worden war. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,790817,00.html
...dass Aegypten nach dem Sturz eines Diktators nun Anschluss an die moderne globale fortschrittliche Welt bekommt. Die koptische Gemeinde in Aegypten existierte schon lange bevor der Islam als Religion die Buehne der Weltgeschichte betraegt. Die Kopten sind Teil Aegyptens und seiner Geschichte. Es ist einfach traurig, dass manche islamische Wirrkoepfe und aufgehetzte Fanatiker dies nicht begreifen wollen. Die Welt geht schoenen Zeiten entgegen!
5. Unzivilisiert ist es
Tottiso 09.10.2011
im Namen einer Religion Gewalt zu erfahren oder auszuüben. Alles was ein Feindbild kreiert ist hoffnungslos veraltet. Ein Planet mit einer Menschheit: Das ist die Zukunft. Wer das nicht will ist unfähig zu teilen. Also teilt bis er sieht und versteht er kann sich anschließen anstatt zu erschießen. Dazu benötigt man keinen Gott. Dazu benötigt man die Courage zum freien Willen Gutes zu tun und human zu handeln.
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Fotostrecke
Ägypten im Umbruch: Die Revolutionäre vom Tahrir-Platz

Der Mubarak-Prozess
Die Angeklagten
In Kairo sind neben Mubarak, der 30 Jahre an der Macht war, seine Söhne Alaa und Gamal, sein früherer Innenminister Habib al-Adli, sechs hohe Polizeioffiziere und der Mubarak-Vertraute Hussein Salem angeklagt. Der Geschäftsmann Salem ist aus dem Land geflohen und liegt in Spanien im Krankenhaus.
Die Söhne
Während Mubarak am Tag des Prozessbeginns von Scharm al-Scheich nach Kairo gebracht wurde, warteten seine Söhne Alaa und Gamal in einem Gefängnis in einem Vorort der Hauptstadt auf ihren Prozess. Der jüngere Sohn Gamal, 47, galt lange als Kronprinz Mubaraks. Er hatte eine hohe Funktion in der Regierungspartei inne. In der Bevölkerung stieß das auf Kritik: Viele verlangten, dass die Macht nicht vererbt werden dürfe. Mubarak und sein Sohn hatten stets bestritten, Pläne für eine Machtübergabe innerhalb der Familie zu hegen. Alaa und Gamal werden Vergehen in Zusammenhang mit denen ihres Vaters vorgehalten. Der Vorwurf der Bestechung wird noch ermittelt, er könnte als Anklagepunkt noch hinzukommen.
Der Ex-Innenminister
Der frühere Innenminister Habib al-Adli war eine der verhasstesten Figuren in Mubaraks Kabinett. Er wird für das brutale Vorgehen der Polizei gegen die Demonstranten in den ersten Tagen des Aufstands verantwortlich gemacht, der am 25. Januar begann. Damals setzte die Polizei scharfe Munition, Gummigeschosse und Tränengas ein. Auch die jahrelange brutale Unterdrückung jeglicher Opposition wird Adli zur Last gelegt. In einem getrennten Verfahren wurde er bereits zu zwölf Jahren Haft wegen Bereicherung und Geldwäsche verurteilt.
Der Geschäftsmann
Der Geschäftsmann Salem wurde aufgrund eines internationalen Haftbefehls festgenommen. Der frühere Geheimdienstchef ist ein enger Vertrauter Mubaraks. Auch ihm wird unter anderem die Verschleuderung öffentlicher Mittel in Zusammenhang mit dem Erdgas-Geschäft vorgeworfen.
Die Vorwürfe
Die Staatsanwaltschaft wirft Mubarak vor, sich mit Innenminister Adli und einigen Polizeioffizieren zum vorsätzlichen Mord verschworen zu haben. Sie hätten versucht, einige der Teilnehmer der friedlichen Proteste im ganzen Land zu töten. Rund 850 Menschen wurden während des Volksaufstands getötet und mehr als 6000 verletzt. Mubarak soll einige Offiziere angestiftet haben, scharfe Munition gegen die Demonstranten einzusetzen und weglaufende Demonstranten mit Fahrzeugen zu überfahren. Damit habe er versucht, an der Macht zu bleiben. Dem früheren Präsidenten wird zudem vorgeworfen, seine Machtposition missbraucht zu haben, um sich selbst und seinen beiden Söhnen Reichtum und Privilegien zu sichern. Dazu gehören ein Palast inmitten eines großen Grundstücks und vier Villen im Badeort Scharm al-Scheich am Roten Meer. Die Staatsanwaltschaft schätzt den Wert der Immobilien auf 4,7 Millionen Euro. Außerdem wird Mubarak vorgeworfen, dem Geschäftsmann Salem große Grundstücke aus staatlichem Besitz in einem Feriengebiet auf der Halbinsel Sinai zugeschanzt zu haben. Zusammen mit dem früheren Ölminister Sameh Fahmy und Salem soll Mubarak im Zuge eines Erdgasgeschäfts mit Israel öffentliche Gelder verschleudert haben.
Fotostrecke
Husni Mubarak: Karriere eines Despoten

Fläche: 1.002.000 km²

Bevölkerung: 81,121 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Abd al-Fattah al-Sisi

Regierungschef: Ibrahim Mahlab

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