Unruhen in Ägypten Polizei nimmt Hunderte Mubarak-Gegner fest

Schlagstöcke, Tränengas, flüchtende Menschen: Die ägyptische Hauptstadt kommt auch am Tag nach den größten Massendemonstrationen seit Jahrzehnten nicht zur Ruhe. Die Polizei löste mehrere Proteste auf - seit Beginn der Unruhen nahm sie Hunderte Regimegegner fest.

Aus Kairo berichtet Yassin Musharbash

REUTERS

Um kurz nach 16 Uhr an diesem Mittwoch wagten sich die Regimegegner wieder auf Kairos Straßen: Nachdem potentielle Demonstranten aus Sorge wegen der massenhaften Polizeipräsenz zunächst gezögert hatten, fanden sie sich am Nachmittag spontan zu mehreren Protestkundgebungen zusammen. Mit Sprechchören demonstrierten sie gegen gestiegene Lebensmittelpreise, aber auch für Reformen und gegen die Regierung des greisen Präsidenten Husni Mubarak.

Die Sicherheitskräfte griffen, wie angekündigt und befürchtet, sofort ein. Nicht weit vom Gebäude des Journalistensyndikats trieben sie einige hundert Demonstranten mit Schlagstöcken auseinander. In den benachbarten Straßenzügen, inmitten Unbeteiligter, kam es zu weiteren Auseinandersetzungen, bei denen die Polizei Tränengas einsetzte. Ersten Angaben zufolge wurden mindestens drei Personen verletzt. Landesweit seien seit Beginn der Unruhen rund 500 Demonstranten festgenommen worden, hieß es in den Kreisen des Innenministeriums.

Schon den ganzen Tag war die Anspannung in der ägyptischen Hauptstadt zu spüren. Nachdem am Dienstag Zehntausende auf dem zentralen "Platz der Befreiung" demonstriert hatten, bevor sie gegen Mitternacht gewaltsam auseinandergetrieben wurden, bildete die gesamte Kairoer Innenstadt am Mittwoch ein Meer aus Polizisten. Viele Straßen waren gesperrt, Mannschaftswagen der Sicherheitskräfte standen an jeder Ecke.

Das Regime ist nervös

Die Regierung hatte angekündigt, dass sie keine weiteren Protestkundgebungen dulden werde. Die Opposition hingegen hatte genau dazu aufgerufen. Am "Platz der Freiheit" verhinderten die Sicherheitsbehörden frühzeitig, dass eine Demonstration überhaupt zustande kam - Stehenbleiben wurde verboten, das Gehen in Gruppen ebenfalls.

Die Spannung entlud sich dann einige Blocks entfernt. Während es am späten Nachmittag so aussah, als habe die Polizei die Demonstrationen aufgelöst, war zugleich völlig offen, wie die Protestierenden sich am Abend verhalten werden.

Die Proteste in Ägypten versetzen das Regime Mubaraks in Angst, denn die Demonstranten sind beflügelt vom Ausgang der Revolution in Tunesien Mitte Januar. Aber nicht nur politische Missstände spielen eine Rolle, viele führen gestiegene Lebensmittelpreise und die hohe Arbeitslosigkeit als Gründe für ihre Teilnahme an den Protesten an.

So zum Beispiel der 24-Jährige Rami. "Ich habe zwar einen Job als Ingenieur, aber wenn ich sehe, dass meine Kommilitonen als Fahrstuhlführer oder Pförtner arbeiten oder gar keinen Job haben, werde ich wütend", sagt er.

"Das hier wird weitergehen"

In Ägypten herrschen andere Voraussetzungen als in Tunesien. Ein Sturz des Regimes gilt immer noch nicht als besonders wahrscheinlich oder gar unmittelbar bevorstehend, das räumen auch Teilnehmer der Proteste ein. Aber sollten die Kundgebungen andauern, könnten sie eine Dynamik entfalten, die für Mubarak sehr wohl gefährlich wird. Bislang hat der Präsident, der seit 1981 regiert, sich selbst noch gar nicht zu den Protesten geäußert. Ministerpräsident Ahmed Nasif stellte dem Land jetzt Meinungsfreiheit in Aussicht: "Die Regierung hat die Absicht, die Freiheit der Meinungsäußerung mit legitimen Mitteln zu garantieren", sagte Nasif einer Meldung der amtlichen Nachrichtenagentur Mena zufolge.

Die Demonstranten bilden derweil keine homogene Gruppe. Verschiedene Bündnisse und Oppositionspolitiker sowie unabhängige Intellektuelle unterstützen die Proteste, ebenso einige Gewerkschaften. Bei der Massendemonstration am Dienstag setzten sich jene Kräfte durch, die den Protest gewaltfrei halten wollen. Dennoch kamen ein Polizist und drei Demonstranten ums Leben. "Friedlich, friedlich", riefen viele Protestierende am Dienstag immer wieder in Sprechchören, wenn die Polizei auf sie losging oder einige Demonstranten Sachen beschädigen wollten, berichten Augenzeugen.

Diese Parole scheint auch am Mittwoch gegolten zu haben. Allerdings waren die Demonstrationen mit der vom Vortag von der Größe her nicht vergleichbar. Das aber, sagen einige Teilnehmer, sei auch nicht das Entscheidende - sondern eher, dass sie sich fortsetzten und der Elan erhalten bleibe.

"Das hier wird weitergehen", ist der 21-jährige Biologiestudent Mohammed überzeugt.

Mit Material von Reuters



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insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
coitusveritatis 26.01.2011
1. und wayne?
Zitat von sysopSchlagstöcke, Tränengas, flüchtende Menschen: Die ägyptische Hauptstadt kommt auch am Tag nach den größten Massendemonstrationen seit Jahrzehnten nicht zur Ruhe. Die Polizei löste mehrere Proteste auf - seit Beginn der Unruhen nahm sie Hunderte Regime-Gegner fest. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,741829,00.html
Marschieren die USA / GB / NATO jetzt ein von wegen mangelnder Demokratie und Redefreiheit etc. pp?
ratxi 26.01.2011
2. Schlecht vorstellbar,...
Zitat von sysopSchlagstöcke, Tränengas, flüchtende Menschen: Die ägyptische Hauptstadt kommt auch am Tag nach den größten Massendemonstrationen seit Jahrzehnten nicht zur Ruhe. Die Polizei löste mehrere Proteste auf - seit Beginn der Unruhen nahm sie Hunderte Regime-Gegner fest. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,741829,00.html
...das diese Protestwellen wieder im Sande verlaufen werden, macht der Blick nach Tunesien den Menschen doch Mut. Auch wenn die Zustände "nicht vergleichbar sind", sind sie es doch.
hilall 26.01.2011
3. natürlich nicht
Zitat von coitusveritatisMarschieren die USA / GB / NATO jetzt ein von wegen mangelnder Demokratie und Redefreiheit etc. pp?
Es geht nicht um erte sondern um interessen, intervenieren ?? wo-- noch nich mal ein wort der solidarität. Doppelmoral in perfektion
maximilianeberl 26.01.2011
4. Unsere Medien merken mal wieder gar nichts!!
Was zeigen die Bilder der Fotostrecke? Die Demonstranten sind alle Männer, nur ganz wenige Kopftuchfrauen darunter. Nicht eine säkulare Frau darunter!! Und was heißt das? Die Islamisten setzen sich auf die Protestbewegung drauf, weil sie darin eine Chance erkennen, die nichtislamistischen Regierungen zu stürzen. Keine Demos dagegen in Libanon, Sudan, Saudi-Arabien, Iran, Jemen ... Und die westlichen Medien merken mal wieder gar nichts, nur weil irgendjemand "korrupt" oder "Diktator" schreit.
LeisureSuitLenny 26.01.2011
5. Erinnerung
Da gehts ja zu wie bei Stuttgart 21. Sieht so aus als müsste ein deutscher Politiker das in einen Debattierclub verwandeln bevor noch was passiert. ;)
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