Unruhen in Bolivien Chávez schürt den Kampf gegen die Yankees

Flughäfen besetzt, Pipelines gesprengt, Regierungsgebäude gestürmt: In Bolivien herrschen Zustände wie im Bürgerkrieg. Elf Tote forderte der Kampf zwischen "Collas" und "Cambas", den Bewohnern von Hoch- und Flachland bislang. Und Venezuelas Präsident Chávez nutzt das Chaos für seine eigenen Zwecke.

Von , Buenos Aires


Buenos Aires - Branco Marinkovich, 41, Sohn eines Kroaten und einer Montenegrinerin, ist ein typischer Camba, wie die Einwohner der größten bolivianischen Stadt Santa Cruz genannt werden. Er ist in Santa Cruz geboren, hat sich hier hochgearbeitet, jetzt besitzt er eine Fabrik für Speiseöl. Er ist weiß, er zählt zur wirtschaftlichen Elite des Landes, er hat Arbeitsplätze geschaffen und mitgeholfen, die von der Zentralregierung in La Paz lange vernachlässigte Provinzstadt in eine blühende Metropole zu verwandeln.

Heute ist das tropische, heiße Santa Cruz der wirtschaftliche Motor Boliviens. Das fruchtbare Department im Osten hat mehr gemeinsam mit der nahen, aufstrebenden Agrarmacht Brasilien als mit dem melancholischen, kalten, armen, mehrheitlich von Indianern bewohnten Hochland und dem Regierungssitz La Paz im Westen. Marinkovich zügelt seine Verachtung für die "Collas" kaum, wie die Indios aus dem Hochland genannt werden. "Ich bin Bolivianer", sagt er, aber er meint das weiße, reiche, europäisch geprägte Bolivien von Santa Cruz. Er hat sich zum Präsidenten des "Bürgerkomitees" von Santa Cruz wählen lassen, das sich für die Autonomie des Departments einsetzt.

Die "Cambas" wollen sich nicht länger maßregeln lassen von den "Collas", die La Paz kontrollieren und damit das Steueraufkommen, das die Regierung nach Gutdünken an die Provinzen verteilt. Sie haben sich schon im Mai in einer Abstimmung mehrheitlich für Autonomie ausgesprochen. Santa Cruz, Tarija, Beni und Pando, die rebellischen Departments im Osten Boliviens, verfügen über die meisten Rohstoffvorkommen und die wichtigsten Industrien. Aber Präsident Evo Morales hat den Finanzfluss an die aufständischen Departments gekürzt. Er will Bolivien eine neue Verfassung aufzwingen, die die jahrhundertelang unterdrückte indianische Bevölkerungsmehrheit endlich gleichstellt mit den Weißen, den "Krawattenträgern", wie Morales sie verächtlich nennt.

Porträt von Che Guevara aus Kokablättern

Der Indio-Präsident ist ein "Colla", ein Sohn von armen Aymara-Indianern aus dem Hochland. Er war Lamahirte und Kokabauer, seinen Aufstieg zum Staatschef hat er vor allem den Gewerkschaften und sozialen Organisationen zu verdanken, die Bolivien mit Demonstrationen und Streiks jederzeit lahmlegen können. Er spricht schlecht und ungern Spanisch, er nennt sich Sozialist, in seinem Büro hängt ein riesiges Porträt von Che Guevara aus Kokablättern. Im August ließ er sich per Volksabstimmung im Amt bestätigen, jetzt will er die neue Magna Carta per Referendum absegnen lassen. Er fühlt sich im Recht, weil er mit großer Mehrheit bestätigt wurde, aber er spaltet das Land.

Nach Santa Cruz, Tarija und Pando traut er sich nicht mehr, die Autonomie-Anhänger haben Flughäfen besetzt und Regierungsgebäude gestürmt. Marinkovich und Morales führen Krieg gegeneinander, aber keiner kann gewinnen. Der Präsident sitzt isoliert in seinem Palast in La Paz, er kontrolliert nur die bevölkerungsreichsten Departments im Hochland. Marinkovich und die Anführer der Bürgerkomitees in den anderen aufständischen Departments halten die Macht in den wirtschaftlich wichtigsten Regionen, sie könnten La Paz mühelos von der Versorgung mit Lebensmitteln und anderen Gütern abschneiden.

Morales selbst heizte den Konflikt unnötig an

Elf Menschen starben bei den Unruhen, die seit Mittwoch das Land erschüttern. Der Konflikt zwischen Cambas und Collas, die trotz aller Differenzen jahrzehntelang friedlich miteinander ausgekommen waren, droht in einen Bürgerkrieg zu münden, der ganz Lateinamerika in seinen Strudel ziehen könnte. Es geht nicht mehr um Gas und Steuern, Morales und Marinkovich ist die Kontrolle über den Konflikt entglitten.

Der Präsident selbst hatte den Streit unnötig angeheizt, als er den US-Botschafter des Landes verwies. Zweifellos sind die Amerikaner keine Freunde des "Indio-Präsidenten", zweifellos war es unklug von US-Botschafter Philipp Goldberg, dass er sich vergangene Woche mit dem Gouverneur des aufständischen Santa Cruz getroffen hat. Aber Washington ist nicht der Urheber des bolivianischen Konflikts, der ist hausgemacht.

Viel stärker als die USA mischt sich Venezuelas Präsident Hugo Chávez in die Angelegenheiten Boliviens ein. Er finanziert seinen Schützling Morales, er hat den unbedarften Indio-Präsidenten mit seiner Umarmungsstrategie in eine unnötige Konfrontation mit den "Scheiß-Yankees" getrieben, wie er die Amerikaner am Donnerstag nannte. Als "Akt der Solidarität" mit Morales verwies er den US-Botschafter in Caracas außer Landes. Bei einem Sturz seines Schützlings werde er einen bewaffneten Aufstand gegen die neuen Machthaber in Bolivien unterstützen, tobte er vor jubelnden Anhängern in Venezuela.

Nur einer kann Chávez jetzt Paroli bieten

Chávez schürt einen neuen Kalten Krieg in Lateinamerika. Er hat ausgerechnet das "kranke Herz" Südamerikas, wie Bolivien gern genannt wird, zum Schauplatz für seinen Showdown mit dem "Imperium" auserkoren. Letzte Woche ließ er zwei ultramoderne russische Kampfjets in Venezuela landen, für November hat er gemeinsame Manöver mit den Russen in der Karibik anberaumt.

Nur einer kann Chávez jetzt Paroli bieten und die Gemüter in Bolivien besänftigen: Brasiliens Präsident Lula. Brasilien ist direkt von dem Konflikt im Nachbarland betroffen: Die Wirtschaftsmetropole São Paulo hängt von den Gaslieferungen aus Bolivien ab. Evo Morales verehrt Lula wie einen großen Bruder, auch im rebellischen Santa Cruz verfügen die Brasilianer über erheblichen wirtschaftlichen und politischen Einfluss. Bei Chávez hat Lula immer ein offenes Ohr, in Washington ist der Brasilianer hoch angesehen.

Jetzt ist die Bewährungsprobe für die aufstrebende Großmacht Brasilien gekommen: Wenn es Lula nicht gelingt, das Pulverfass Bolivien zu entschärfen, werden andere den Konflikt für sich ausschlachten. Dann ist Lulas Traum von einem geeinten Südamerika endgültig gestorben.



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