Massenproteste in Burkina Faso Parlament in Flammen, Schüsse auf den Straßen

Der Widerstand gegen Präsident Compaoré wächst: Demonstranten setzen in Burkina Faso das Parlament in Brand. In einem Brief an SPIEGEL ONLINE beschreibt eine deutsche Entwicklungshelferin die verzweifelte Lage.

Von Bartholomäus Grill und


Seit Tagen gehen im westafrikanischen Burkina Faso Hunderttausende Menschen auf die Straße. Sie demonstrieren gegen eine Verfassungsänderung, die Präsident Blaise Compaoré bis zu drei weitere Amtszeiten garantieren soll. Am Vormittag wollte das Parlament in Ouagadougou über die Reformvorschläge abstimmen. Kurz vor der Sitzung stürmten Demonstranten das Parlament und setzten es in Brand. Die Polizei schießt mit scharfer Munition. Die Abstimmung wurde inzwischen vertagt. Internet, Fernsehen und SMS-Dienste wurden abgestellt. Die Lage ist extrem brenzlig.

SPIEGEL ONLINE erreichte ein Brief von Kristina Rauland-Yambré, 36, einer deutschen Entwicklungshelferin. Sie arbeitet seit neun Jahren für eine humanitäre Organisation in Burkina Faso und koordiniert Projekte zur kostenlosen Gesundheitsversorgung für Mütter und Kinder.

Lesen Sie Auszüge:

Liebe Freunde,

das burkinische Volk schreibt Geschichte. Es erhebt sich gegen das, was es als Willkür empfindet.

Wenn die Bewegung Erfolg hat, wäre das ein Signal für alle Machthaber in Afrika, die ähnliche Projekte zum verfassungswidrigen Machterhalt haben. Sogar die eher regierungstreuen Zeitungen stellten fest, dass es sich beim Widerstand gegen die Verfassungsänderung nicht um eine Bewegung einiger Oppositioneller, sondern um den Willen eines ganzen Volkes handelt.

Die Burkiner sind weiterhin sehr besorgt über den Ausgang dieses Kampfes. Aber sie sind auch unglaublich stolz. Wir sind eben doch das "Land der aufrechten Menschen" (Bedeutung von Burkina Faso in der Landessprache).

Ich persönlich war nicht demonstrieren. Wir waren zuhause und hingen am Internet. Am Montag habe ich die Bedeutung der sozialen Netzwerke wirklich schätzen gelernt. Bilder der Menschenmassen verbreiteten sich rasend schnell, auch das Bild von dem Denkmal des Präsidenten, das von seinem Sockel gestoßen wurde. Das hat auch dazu beigetragen, dass die Bewegung nicht mehr klein geredet werden konnte.

Heute ist der Tag der Abstimmung im Parlament. Die Abgeordneten befinden sich seit Montagnachmittag "interniert" in einem Hotel direkt neben der Nationalversammlung. Gerüchten zufolge werden sie unter Druck gesetzt und sollen auch Unsummen von Geld erhalten haben.

Leider ist davon auszugehen, dass es heute nicht bei friedlichen Demonstrationen bleibt. Der Oppositionsführer hat die Bevölkerung dazu aufgerufen, von ihrem Recht auf Teilnahme an der öffentlichen Sitzung Gebrauch zu machen. Seit gestern Nachmittag ist allerdings das Viertel um die Nationalversammlung militärisch abgeriegelt. Die Menschen sind entschlossen, trotzdem die Abgeordneten an der Abstimmung zu hindern. Denn dass die Mehrheit gegen die Verfassungsänderung stimmt, gilt als unwahrscheinlich.

Die Zeichen stehen also heute nicht mehr auf friedlichem Widerstand. Besonders nach der Bekanntgabe des Ergebnisses wird mit schweren Ausschreitungen gerechnet.

Auch heute werde ich sicher zuhause bleiben. Wir haben Vorräte für ein paar Tage. Hunderttausende andere Menschen, die wie ich Kinder haben, werden auf der Straße sein. Mein Mann will auch demonstrieren. Ich bin jetzt schon stolz auf sie alle, habe jedoch auch Angst. Alle, die auf die Straße gehen, sehen das als ihre Pflicht an. Mein Kollege sagte mir, dass sein Sohn ihn gefragt habe, warum er auf die Straße gehe, das sei doch gefährlich. Seine Antwort: 'Weil du mich sonst in ein paar Jahren fragen würdest, Papa, warum bist du damals nicht auf die Straße gegangen?'

Heute kann ich die Geschehnisse nicht im Internet verfolgen. Es ist allem Anschein nach abgeschaltet. Auch SMS können nicht gesendet werden. Ich hoffe, dieser Brief erreicht euch trotzdem.

Kristina

Compaoré, 63, regiert das "Land der aufrechten Menschen" seit nahezu drei Jahrzehnten. Der Armeehauptmann kam 1987 durch einen Staatsstreich an die Macht und soll an der Ermordung seines Vorgängers und langjährigen Weggefährten Thomas Sankara beteiligt gewesen sein. Nun will er wie so viele seiner Amtskollegen in Afrika ad infinitum weiterregieren: Die geplante Verfassungsreform würde ihm bei der nächsten Präsidentschaftswahl 2015 eine erneute Kandidatur ermöglichen.

Fotostrecke

11  Bilder
Proteste in Burkina Faso: Chaos in Ouagadougou
Doch sein Volk will den Dauerherrscher nicht mehr. Es beteiligt sich massenhaft an der Protestwoche, die die Opposition ausgerufen hat. Die Demonstranten bezichtigen den Staatschef der Selbstbereicherung, Korruption und Misswirtschaft. Sie nennen ihn jetzt abschätzig "Ebolaise Compaoré" - eine Anspielung auf die in Westafrika grassierende Ebola-Epidemie.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
arrache-coeur 30.10.2014
1.
Oh, hat BF etwa Bodenschätze, oder ist eine Pipeline geplant? Heutzutage muss man ja aufgrund der schlechten Erfahrungen der letzten Jahre leider immer davon ausgehen, dass ein derartiger Protest in Wirklichkeit von interessierter ausländischer Seite angeschoben wurde, in diesem Fall möglicherweise die frühere Kolonialmacht Frankreich.
butzibart13 30.10.2014
2. Auf ewig im Amt
In Afrika sind leider solche meist abgewirtschafteten Dauerbrenner nicht unmöglich, unabhängig davon, ob diese oberen Staatsdiener eine mehr volksnahe oder volksferne Politik betreiben, wie z. B. Santos (Angola), Biya (Kamerun) oder Museveni (Uganda). Getoppt werden sie alle immer noch von der Diktatorlegende Mugabe aus Zimbabwe.
Monsterwelle 30.10.2014
3. Na und was kommt jetzt?
20 Jahre Bürgerkrieg? Also ob so ein Land einfach, mal die Regierung wechselt, ohne das dann drum jahrelang gekämpft wird.
el-gato-lopez 30.10.2014
4. Realität
Zitat von arrache-coeurOh, hat BF etwa Bodenschätze, oder ist eine Pipeline geplant? Heutzutage muss man ja aufgrund der schlechten Erfahrungen der letzten Jahre leider immer davon ausgehen, dass ein derartiger Protest in Wirklichkeit von interessierter ausländischer Seite angeschoben wurde, in diesem Fall möglicherweise die frühere Kolonialmacht Frankreich.
Die fleissigsten Neo-Kolonialisten in Afrika (Agrarland + Rohstoffe) sind übrigends die guten Bannerträger der internationalen Solidarität aus Peking. Manch wackerem Genossen im Westen dürfte sowas aber nicht ins hübsche Weltbild passen. Abgesehen davon kann man davon ausgehen, dass ein Kleptokrat, der schon seit Jahren im Amt ist, recht "flexibel" auf ausländische Interessenten zugeht. So eine Figur zu stürzen, stört nur das Geschäft. Nein, schon mal daran gedacht - vielleicht haben manche Afrikaner ja auch Bürgersinn? Ich weiss, für "kritische" und "politisch engagierte" Kreise im Westen eine geradzu groteske Vorstellung. Immerhin hat man sich ja selber darauf kondizioniert, einen ganzen Kontinent für seine "Rückständigkeit" zu bemitleiden und im Grunde nicht für voll zu nehmen.
fatherted98 30.10.2014
5. In Afrika...
...wird es in 100 Jahren keinen Frieden geben. Wer mal da war und sich die auf relativ engen Raum lebenden verschiedenen Stammesgruppen angeschaut hat, die manchmal nur 20km von einander weg leben und noch nicht mal die gleiche Sprache sprechen (können), der weiß das ein harmonisches Zusammenleben dort nur Uthopie ist...für uns sehen dort alle Menschen nur schwarz aus...vor Ort aber sind die Rivalitäten untereinander so groß dass es immer wider zu solchen Ausbrüchen kommen wird.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.