Unruhen in Frankreich Randalierer fackeln 900 Autos ab

Die Krawalle in den Pariser Vororten haben sich letzte Nacht noch verschärft. Rund 900 Autos brannten nieder, die Polizei nahm über 250 Randalierer fest. Brandenburgs Innenminister Schönbohm hält solche Jugendkrawalle auch in Deutschland für möglich.


Paris - Frankreich hat in der Nacht zum Samstag die schlimmsten Ausschreitungen seit Ausbruch der Krawalle am 27. Oktober erlebt. Auch in der neunten Nacht in Folge haben zumeist jugendliche Randalierer in Frankreich wieder hunderte Brandstiftungen verübt. Nach Bilanzen der Polizei und des Generalstaatsanwaltes der Hauptstadt wurden bis Samstagmorgen rund 900 ausgebrannte Autos gezählt. Etwa ein Viertel davon seien außerhalb der Region Paris angezündet worden. 250 Menschen seien festgenommen worden. In der Nacht zuvor seien es 78 Festnahmen gewesen. Als Jüngster sei ein Zehnjähriger mit einer Brandflasche in der Hand erwischt worden.

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Brennende Vorstädte: Paris im Alarmzustand

Zwischen Polizei und Randalierern sei es jedoch nicht zu direkten Konfrontationen gekommen. Damit trage die Strategie Polizei Früchte, solche Auseinandersetzungen zu vermeiden. Die Zahl der Brandstiftungen außerhalb der Region Paris habe jedoch zugenommen, hieß es. Nach Polizeiangaben war die Zahl der angezündeten Autos in dem bisher am härtesten betroffenen Département Seine-Saint-Denis stark rückläufig. Dort seien am Freitagabend 700 Feuerwehrleute und 1400 Polizisten im Einsatz gewesen.

Allerdings wurden nun selbst aus bisher ruhigen Départements in der Picardie nördlich von Paris Zwischenfälle gemeldet. In den Pariser Vororten wurden immer wieder öffentliche Gebäude wie Schulen, Rathäuser, Geschäften, Polizeistationen und Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr Ziel der Aggressionen der zumeist aus Nord- und Schwarzafrika stammenden Täter. Der Schaden geht in die Millionen. Neben Autos gingen Geschäfte und Lagerhallen in Flammen auf. In Pierrefitte bei Paris mussten zwei Wohnhäuser mit rund 100 Einwohnern geräumt werden, in deren Tiefgarage offenbar Feuer gelegt worden war. Auch gegen eine Synagoge wurde ein Brandsatz geworfen, ohne Schaden anzurichten.

Wie es hieß, feuerten Randalierer in Sarcelles nördlich von Paris mehrere Schüsse auf einen bereits zerstörten Bus ab. In Aubervilliers am nördlichen Stadtrand von Paris setzten Gewalttäter ein Lagerhaus in Brand. In Persan nordwestlich der Hauptstadt wurde Feuer in einem unterirdischen Parkhaus gelegt, auch in Suresnes wurde ein Parkdeck in Brand gesteckt. In Meaux östlich von Paris hinderten Randalierer Sanitäter daran, einen Kranken in ein Krankenhaus zu bringen. Nach Polizeiangaben schleuderten die Jugendlichen Steine auf die Sanitäter, der Krankenwagen wurde in Brand gesetzt. In Pierrefitte nordwestlich von Paris fiel der Strom aus, nachdem ein brennendes Auto einen Strommast beschädigt hatte.

Bürgermeister spricht von "Guerillakrieg"

In Lille gingen Autos in Flammen auf, in einem Vorort von Rouen schleuderten Jugendliche an einer Haltestelle einen Brandsatz auf einen Bus. Die Fahrgäste konnten den Bus verlassen, verletzt wurde nach Angaben der Präfektur niemand. Der Bus wurde zerstört. Die Krawalle gingen am Freitag in die zweite Woche und griffen auf weitere Städte in Frankreich über. Der Bruder eines der Jungen, deren Tod vor acht Tagen die schweren Krawalle ausgelöst hatte, rief seine Altersgenossen zur Mäßigung auf. 30 Bürgermeister aus dem besonders betroffenen Département Seine-Saint-Denis riefen gemeinsam zur Ruhe auf. Der Bürgermeister von Rosny-sous-Bois, Claude Pernes, erklärte, es handele sich um einen regelrechten Guerillakrieg, um einen urbanen Aufstand.

In den Nächten zuvor hatte die Polizei bereits 230 Festnahmen und 1260 ausgebrannte Fahrzeuge sowie Dutzende angezündete Gebäude gezählt. Der Nahverkehr im Norden von Paris war teilweise gestört, weil S-Bahn-Fahrer nach Angriffen von Jugendlichen den Einsatz verweigerten.

In den am schwersten betroffenen Vorstädten von Paris setzte die Polizei erstmals auch Hubschrauber ein, um den Überblick zu behalten. Innenminister Nicolas Sarkozy besuchte in dieser neunten Krawallnacht in Folge überraschend eine Polizeiwache und sicherte den Beamten die Unterstützung der Regierung zu. Sarkozy setzt weiter auf eine harte Linie: "Der Schlüssel zur Lösung liegt in den Festnahmen", sagte er. "Wir brauchen mehr Erkenntnisse, um ihre Organisation besser zu verstehen", denn es gebe eine Organisation der Unruhen. Die linke Opposition forderte Sarkozys Rücktritt, weil er mit scharfen Sprüchen die Unruhen geschürt habe.

Aufrufe der Regierung und muslimischer Würdenträger hatten die Lage nicht beruhigen können. Premierminister Dominique de Villepin empfing am Freitag 16 junge Erwachsene aus den Problemvierteln zu einem Gespräch. Einige der Männer und Frauen zwischen 18 und 25 Jahren seien Schüler und Studenten, andere arbeitslos oder in Billigjobs beschäftigt, teilte Villepins Büro in Paris mit. Die Gespräche gehörten zu einer Reihe von Konsultationen, die Villepin mit Blick auf einen neuen Aktionsplan für die Krisensiedlungen begonnen hat.

Schönbohm warnt vor Krawallen wie in Frankreich

Der Fraktionschef der Sozialisten in der französischen Nationalversammlung und Oberbürgermeister von Nantes, Jean-Marc Ayrault, hat der Regierung unter Präsident Jacques Chirac eine Mitschuld an den Krawallen in den Pariser Vororten gegeben. Die französische Regierung habe in den vergangenen drei Jahren die Problemviertel vernachlässigt, sagte Ayrault am Samstag im Deutschlandradio Kultur. Einen möglichen Rücktritt von Innenminister Nicolas Sarkozy als Reaktion auf die Krawalle bezeichnete er jedoch als "zu einfach".

"2002 hat Chirac die Wahl mit den Themen Gewalt und Sicherheit gewonnen. Aber er hat das Problem nicht gelöst", kritisierte der Oppositionspolitiker. Allerdings lasse sich das Problem nicht allein mit Polizei und Justiz bewältigen. Vielmehr seien Schule, Arbeit, Ausbildung und Wohnsituation die dringendsten Probleme in den Vororten großer Städte. Hier lebten vor allem Menschen mit Migrations-Hintergrund zu dicht gedrängt.

Der brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm hat davor gewarnt, dass auch in Deutschland Jugendkrawalle wie in Frankreich ausbrechen könnten. Der "Neuen Osnabrücker Zeitung" sagte das CDU-Präsidiumsmitglied, glücklicherweise seien Ausschreitungen wie in der Umgebung von Paris hierzulande nicht akut. Solche Verhältnisse drohten aber, wenn es nicht gelinge, zugewanderte Bevölkerungsgruppen stärker zu integrieren und vor allem Jugendlichen eine Perspektive zu bieten.

"Es ist unübersehbar: Es gibt auch in Deutschland Entwicklungen in Richtung Ghettoisierung, weil wir die Integration lange Zeit nicht ernst genug genommen haben", sagte Schönbohm. Er beklagte, dass es gerade in Großstädten zum Beispiel eine hohe Zahl von Türkischstämmigen gebe, die auch in zweiter und dritter Generation in Deutschland nicht integriert seien. Als besonders problematisch wertete er Sprachdefizite und mangelnde Schulabschlüsse bei Jugendlichen. Sie seien dadurch oft nicht ausbildungsfähig und hätten entsprechend kaum Chancen auf einen Arbeitsplatz. "Das muss unbedingt geändert werden", forderte der CDU-Politiker.

Heftige Kritik daran äußerte der Parlamentarische Grünen-Geschäftsführer Volker Beck. Schönbohm und andere Unionspolitiker hätten maßgeblichen Anteil an einer Integrationsdebatte, die "jahrelang den falschen Focus" gehabt habe. "Weder mit einer Leitkultur-Debatte noch mit ausländerrechtlichen Sanktionen wird man das Integrationsproblem lösen", kritisierte Beck. Schlüssel zur Eingliederung sei die Bildung. Hierfür müssten "gleiche Bildungs- und Berufschancen für Migrantenkinder" geschaffen werden. Zudem müsse ihnen stärker beim Erlernen der deutschen Sprache geholfen werden.

Ebenso wie Schönbohm hält auch Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky hält Ausschreitungen wie in Paris in Zukunft auch in Berlin für möglich. "Es kann ein Hinweis auf das sein, was uns in zehn bis fünfzehn Jahren droht", sagte er dem "Tagesspiegel". Momentan gebe es für derartige Aggressionen zwar noch keinen Nährboden. Die von ihm prognostizierte Zunahme des Migrantenanteils in Neukölln und anderen Zuwandererhochburgen könne das Problem jedoch verschärfen. Buschkowsky forderte stärkere Integrationsbemühungen.



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