Unruhen in Iran Revolte der Frauen

Sie demonstrieren für einen Regimewechsel, sie attackieren schwerbewaffnete Polizisten - und sie werden brutal geschlagen. Iranerinnen stehen bei den Unruhen an vorderster Front. Ihr Einsatz beweist, dass das westliche Bild der Frau im Gottesstaat längst überholt ist.

Von


Hamburg - Eines von etlichen Internet-Videos der vergangenen Wochen aus Iran zeigt einen jungen Mann, der an einer Bushaltestelle in der Hauptstadt Teheran sitzt. Anscheinend grundlos wird er von einem Polizisten mit Sturmmaske attackiert. Plötzlich springt eine Frau ins Bild. Noch bevor sie auf den Polizisten losgeht, rückt sie ihre schwarze Handtasche und ihr Kopftuch zurecht. Doch dann tritt sie zu: einmal, zweimal. Sie setzt noch einen dritten Treffer, bevor sie von einer Gruppe Milizionären mit Schlagstöcken umzingelt, geprügelt und zurückdrängt wird.

Die Frau in dem verwackelten Amateurfilm ist eine von Tausenden in Iran, die in den vergangenen zwei Wochen die Nachrichtenbilder bestimmten. Beobachter sind sich einig, dass der Protest zu wesentlichen Teilen von Frauen getragen wird. "New York Times"-Kolumnist Roger Cohen berichtete in einer Reportage aus der iranischen Hauptstadt darüber, wie Frauen "die weniger tapferen Männer anstacheln". Er habe gesehen, wie Frauen von Sicherheitskräften geschlagen wurden, nur um sich wenig später wieder den Protesten anzuschließen. "Warum sitzt ihr noch da?", habe eine der Demonstrantinnen einer Gruppe Männer zugerufen. "Steht auf! Steht auf!"

Die vor laufender Kamera gestorbene junge Neda Agha-Soltan gab den Protesten ein Gesicht. Und zahllose Frauen, gehüllt in die grünen Tücher der Regimegegner, stehen bei den Demonstrationen in vorderster Reihe. "Sie leiden mehr als die jungen Männer in Iran, deshalb sind sie mutiger", erklärt die Exil-Iranerin Awa Bidar SPIEGEL ONLINE.

Auch dass der Reformer Hossein Mussawi zur Galionsfigur der Reformbewegung wurde, lag wohl nicht zuletzt an seiner Gattin Sahra Rahnaward. Die populäre Hochschullehrerin, Politologin und Bildhauerin galt als Geheimwaffe Mussawis und schaffte es, die von anderen Kandidaten vernachlässigten Frauen zu mobilisieren. Während des Wahlkampfs war die 64-Jährige immer präsent. Öffentlich prangerte sie alltägliche Tschadorkontrollen durch patrouillierende Sittenwächter als "grob und abscheulich" an. Sie hielt vor laufender Kamera Händchen mit ihrem Ehemann - für iranische Verhältnisse ein Tabubruch.

"Wirtschaftlich und akademisch aktiv"

Doch die weibliche Revolte zeigt auch, dass das westliche Bild über iranische Frauen, die eingezwängt im Tschador ihrer Rolle als unmündige Ehefrau gerecht werden, längst nicht mehr stimmt. Sie sind überdurchschnittlich gut gebildet, über zwei Drittel der Studenten an den Universitäten sind weiblich. Während des Kriegs mit dem Irak in den Achtzigern noch verklärt als "Mutter der Märtyrer" oder "heroische Witwe", habe sich das Image der Frau in der Aufbauphase danach zu dem der "wirtschaftlich und akademisch aktiven Frau" gewandelt, sagt die österreichische Islamwissenschaftlerin und Publizistin Lise J. Abid.

Ausgerechnet durch den staatlich verordneten Kopftuchzwang wurde es möglich, dass eine breite Masse der jungen Frauen Zugang zu den Hochschulen bekam - da nach dem religiösen Verständnis ihrer Familienoberhäupter die Einhaltung der Sittlichkeit sozusagen von Staats wegen gewährleistet ist. Das Resultat: Noch zu Schah-Zeiten konnten nur 35 Prozent aller Frauen lesen. 1991, zwölf Jahre nach Ajatollah Chomeinis Revolution, waren es schon fast 70 Prozent. "Wir sind Mutter, Beschützerin, Trösterin, Ehefrau - und immer öfter auch Brotbringerin", sagt Bidar.

Gleichzeitig aber behandelt das Regime Frauen äußerst brutal, so wurden sie etwa für Ehebruch vor kurzem noch gesteinigt. Die Rechtssprechung ist extrem diskriminierend. Möchte sich eine Frau in Iran scheiden lassen, muss sie nachweisen, dass ihr Mann süchtig, impotent, geisteskrank oder vom Glauben abtrünnig ist. Polygamie ist legal. Arbeiten und reisen dürfen Frauen nur mit Zustimmung ihres Mannes. Im Sommer 2008 wurde eine 21-jährige Studentin zu fünf Jahren Haft verurteilt, weil sie an einer landesweiten Unterschriftenkampagne zur Gleichstellung der Frau beteiligt war.

Verrutschte Schleier, lackierte Fingernägel

Diese Mischung aus Einschränkung und Selbstbewusstsein ist es wohl, die die Frauen durch ihren Protest trägt. Denn iranische Frauen sind - verglichen mit Geschlechtsgenossinnen in Saudi-Arabien - verhältnismäßig emanzipiert. Die deutsch-iranische Schauspielerin Jasmin Tabatabai sieht den Widerstandswillen der iranischen Frauen in "diesem immerwährenden Kampf, gegen Mauern zu rennen", begründet.

Dabei ist die Rebellion kein neues Phänomen. Schon früher wurden Iranerinnen politisch aktiv; zahlreich zeigten sie 1979 Unterstützung für die Islamische Revolution. Doch diesmal sind sie sogar mitten im Getümmel, Seite an Seite mit den Männern, werden sie genauso verprügelt und bedroht. Ihren Frust über jahrzehntelange Unterdrückung verbinden sie mit optischen Aufmüpfigkeiten wie demonstrativ verrutschten Kopftüchern, schillernd lackierten Fingernägeln und auffälligen Designersonnenbrillen.

Den 35 Millionen Iranerinnen graut es vor einer zweiten Amtszeit des Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, der schon 2005 mit dem Versprechen angetreten war, "islamischen Werten" wieder Geltung zu verschaffen. "Die Wurzel der derzeitigen Unruhen ist die Unzufriedenheit und Enttäuschung der Leute über ihre Misere, die bereits vor der Wahl herrschte", glaubt Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi. Unter Ahmadinedschad wurden Vorschriften verschärft, die es Frauen erschweren, länger zu arbeiten oder Überstunden zu machen, und die viele in Teilzeitjobs drängten. Voriges Jahr präsentierte seine Regierung zudem einen Gesetzentwurf mit dem Ziel, Männern die Vielehe zu erleichtern.

"Die Frauen haben schon vor den Protesten für ihre Rechte gekämpft, obwohl sie inhaftiert und gefoltert wurden", sagt die Exil-Iranerin Nazanin Afshin-Jam im Interview mit SPIEGEL ONLINE. "Jetzt wehren sie sich gegen die Milizen. Das ist wirklich sehr eindrucksvoll. Die Frauen sind eine der stärksten Kräfte in Iran, die große Veränderungen bringen werden."

Republik Iran
Land
REUTERS
Die Islamische Republik Iran ist mit einer Fläche von rund 1,7 Millionen Quadratkilometern fünfmal so groß wie Deutschland. Das Land besitzt nach Russland die zweitgrößten Erdgasreserven der Welt, beim Erdöl steht Iran auf Platz drei und ist derzeit nach Saudi-Arabien der größte Produzent innerhalb der Opec.
Politik
dpa
Seit der Islamischen Revolution von 1979 haben der Revolutionsführer, aktuell Ajatollah Ali Chamenei (Bild), und der Wächterrat die größte Macht im Staat. Der Wächterrat kontrolliert die Kandidaten für Wahlen. Der Regierungschef ist der gewählte Präsident - seit August 2013 Hassan Rohani.
Leute
Corbis
Iran hat rund 75 Millionen Einwohner. Auf dem Uno-Index menschlicher Entwicklung (HDI) für 179 Staaten belegt Iran Platz 76 (Deutschland ist auf Platz 5). Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 73 Jahren (zum Vergleich: Die Lebenserwartung in Deutschland liegt bei 80 Jahren).
Wirtschaft
REUTERS
Die Wirtschaftsleistung pro Kopf betrug 2008 laut einer Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) rund 5200 Dollar. Begünstigt vom hohen Ölpreis wuchs die Wirtschaft zuletzt um etwa sechs Prozent. Neben der Arbeitslosenquote, die laut inoffiziellen Schätzungen bei etwa 30 Prozent liegt, ist die Inflation eines der größten wirtschaftlichen Probleme. 2008 soll sie bei fast 30 Prozent gelegen haben, für 2009 rechnet der IWF mit 25 Prozent. Im Jahr 2005 machten Teherans Ausgaben für das Militär laut Uno-Statistiken 5,8 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung aus (Deutschland: 1,4 Prozent).
Menschenrechte
REUTERS
Nach China ist Iran das Land, in dem die meisten Todesurteile vollstreckt werden. Laut Amnesty International wurden 2009 mindestens 388 Menschen hingerichtet, das waren 42 Hinrichtungen mehr als im Vorjahr. Der Uno zufolge saßen 2007 pro 100.000 Einwohner 214 Menschen im Gefängnis (in Deutschland sind es 95). Korruption ist in Iran weit verbreitet. Auf dem weltweiten Index von Transparency International nimmt Iran 2009 bei 180 beobachteten Staaten den 168. Rang ein (Deutschland: 14).

mit AP, dpa



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.