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Unruhen in Osttimor: Mit dem Attentat endet der Traum vom Tropenparadies

Von Jürgen Kremb, Singapur

Osttimors Präsident José Ramos-Horta wurde durch zwei Schüsse schwer verletzt. Mit dem Angriff auf den Friedensnobelpreisträger stirbt ein Hoffnungsmodell der Uno: Sechs Jahre nach der Gründung des Ministaates herrschen dort Chaos und Gewalt.

Singapur - Die Bewaffneten hatten sich bei den ersten Strahlen der Tropensonne im Gestrüpp am Straßenrand versteckt, ihr Anschlagsziel war ein Friedensnobelpreisträger. Als um 7 Uhr gestern Morgen der Präsident von Osttimor José Ramos-Horta, 58, von seinem morgendlichen Spaziergang am Strand östlich der Hauptstadt Dili zurückkam, wurde er durch zwei Schüsse niedergestreckt. Nur wenige Straßen weiter scheiterte Minuten später das Mordkomplott gegen Premier Xanana Gusmao, 61.

Uno-Einsatzkräfte in Osttimor: "Man hat das Gefühl, wir hätten versagt"
REUTERS

Uno-Einsatzkräfte in Osttimor: "Man hat das Gefühl, wir hätten versagt"

"Es war ein Anschlag gegen unseren Staat", sagte Gusmao Stunden später auf einer Pressekonferenz. Der ehemalige Guerillaführer, der von sich behauptet, dass er lieber Gedichte schreibt und fotografiere, als Politik zu betreiben, sprach im ruhigen, fast schüchternen Ton, der zu seinem Markenzeichen geworden ist.

Derweilen war Ramos-Horta an Bord einer Flugambulanz schon in der nordwestaustralischen Stadt Darwin gelandet. An Bord hatten ihn die Ärzte in ein künstliches Koma versetzt. "Die Verletzungen sind sehr schwer", sagte ein Sprecher des behandelnden Royal Darwin Hospitals. "Aber es bestehen gute Aussichten, dass er wieder vollständig hergestellt wird."

Die Schüsse von Dili waren der vorläufige Höhepunkt einer fortdauernden Krise in dem Land, das einst als Modellfall für die Uno gegolten hatte. Doch davon war in letzter Zeit nicht mehr viel zu spüren. Gerade sechs Jahre nachdem die internationale Gemeinschaft dem Kleinstaat zur Unabhängigkeit von Indonesien verholfen hatte, herrscht in den Straßen der Hauptstadt Dili nur noch Anarchie und Chaos, nach Einbruch der Dämmerung regieren Verbrechen und Gewalt.

Inselparadiese driften ins Chaos ab

Die tropische Inselhälfte, auf der eine Million Melanesier leben, ist zum "Failed State" verkommen. Auf eine Ebene gesunken mit zahlreichen Inselparadiesen der Region, wie Papua-Neuguinea, die Fidji oder die Solomon-Inseln, die ebenfalls ins Chaos abdriften. So jedenfalls lautete das Fazit einer Konferenz von Ethnologen und Politikexperten, die sich unlängst zum Thema Osttimor in Darwin versammelt hatten.

Einziger Silberstreifen am Horizont gestern in Dili war, dass Alfredo Reinado, 40, bei dem Putschversuch ums Leben gekommen war. Der ehemalige Polizeioffizier, der einer Rebellenarmee von gut 600 ehemaligen Sicherheitskräften vorstand, hatte in den letzten Monaten immer wieder gedroht, einen Bürgerkrieg zu entfachen.

Gestern Nacht wurden denn auch keine weiteren Feuergefechte aus Dili gemeldet. Aber vorsichtshalber kündigte die australische Regierung an, sie werde weitere Soldaten und Polizeikräfte nach Osttimor schicken. Gegenwärtig hat Canberra 780 Elitekämpfer dort stationiert. Immer klarer wird es damit, dass Osttimor ohne den wohlhabenden Nachbarn nicht überleben kann.

Jeder fünfte starb im Bürgerkrieg

So war das immer seit 1999. Damals hatte sich die Mehrheit der Bevölkerung Osttimors in einer Volksabstimmung für die Unabhängigkeit von der Besatzungsmacht Indonesien ausgesprochen. In Folge kam es zu bürgerkriegsähnlichen Unruhen. 260.000 Menschen flüchteten in den indonesischen Westen der Insel. Pro-indonesische Milizen nahmen grausame Rache an der Zivilbevölkerung.

Seit Jakarta 1976 die ehemalige portugiesische Kolonie überrannt hatte, sollen dort durch Hunger und Bürgerkrieg mehr als 100.000 Menschen ums Leben gekommen sein - mehr als jeder fünfte Osttimorese. In den Wochen nach dem Referendum von 1999 verloren noch einmal gut 1000 Menschen ihr Leben.

Erst als australische Truppen an der Spitze des Uno-Kontingents Interfet in Dili einmarschierten, beruhigte sich die Lage. In den kommenden Jahren galt die kleine Insel als Feldversuch der Uno für modernes "Nation Building". Zum Ende des Kalten Krieges, sollte hier alles richtig gemacht werden, was in ähnlichen Missionen der Weltorganisation in der Vergangenheit für Fehlschläge gesorgt hatte. Gutmenschen aus aller Welt zog es in das Tropenparadies, um zu helfen. Osttimor wurde zum Nicaragua der Jahrtausendwende.

Mit Xanana Gusmao, dem Frauenschwarm und Guerillaführer war auch schnell eine Integrationsfigur gefunden, die das Land zunächst als Präsident führen sollte. Unterstützung erhielt er von José Ramos-Horta, einem quirligen Mann mit Nickelbrille, der immer einen Drei-Tagebart trägt, Jacketts mit Stehkragen bevorzugt und ein gescheiter Redner ist. Als Außenminister und Sprecher der Guerilla hatte er seine Heimat gleich nach dem Einmarsch der Indonesier verlassen und sorgte dafür, dass der Genozid, der sich in seiner Heimat abspielte, nicht in Vergessenheit geriet - ein Bemühen, für das er 1996 zusammen mit Carlos Belo, dem Bischof von Dili, mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.

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