Unruhen in Zentralasien: "Kirgisien ist an der Schwelle zum Staatszerfall"

Hunderte Tote, Hunderttausende Flüchtlinge: In Kirgisien wütet der Mob. Zentralasien-Expertin Andrea Schmitz erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview die Hintergründe der Angriffe auf die usbekische Minderheit - und die prekäre Lage der Übergangsregierung.

Kirgisien: Unruhen im Armenhaus
Fotos
AFP

SPIEGEL ONLINE: Die Nachrichten aus Kirgisien sind beunruhigend, offiziell gab es bei den seit knapp einer Woche wütenden Unruhen mindestens 170 Tote, andere Quellen sprechen davon, dass bereits mehr als 700 Menschen getötet wurden. Was ist Ihr aktueller Stand?

Schmitz: Die offiziellen Zahlen sind vermutlich untertrieben, die Zahl der Toten dürfte um einiges höher liegen. Aber genaue Zahlen kenne ich nicht. Aufgrund der chaotischen Lage ist derzeit auch niemand in der Lage, die Toten verlässlich zu zählen.

SPIEGEL ONLINE: Fast alle Toten, heißt es, sind Angehörige der usbekischen Minderheit.

Schmitz: Das scheint in der Tat so zu sein. Allerdings hört man auch, dass die Hintermänner der Unruhen versucht haben, Kirgisen wie Usbeken gegeneinander aufzuhetzen. Doch hat sich die Gewalt eindeutig einseitig auf die usbekische Minderheit konzentriert.

SPIEGEL ONLINE: Es wird spekuliert, dass der im April gestürzte Staatspräsident Kurmanbek Bakijew hinter den Unruhen steckt. Halten Sie das für plausibel?

Schmitz: Ich denke nicht, dass Bakijew persönlich aus dem fernen Minsker Exil in der Lage ist, die Strippen zu ziehen. Aber ich glaube sehr wohl, dass Teile seines Netzwerks und seiner Gefolgschaft - möglicherweise im Verbund mit Protagonisten aus dem Milieu der Organisierten Kriminalität - die Gewalt angezettelt haben. Denn es hat sich bereits im Vorfeld abgezeichnet, dass die Unterstützer des Ex-Präsidenten nicht bereit sind, sich die Ressourcen und die Macht, die daran hängt, einfach nehmen zu lassen. Zudem deutet einiges darauf hin, dass Rache eine Rolle spielt. Einige der usbekischen "strong men", denen Verbindungen zum Drogenhandel nachgesagt werden, haben den Fehler gemacht, sich im Machtkonflikt zwischen Bakijew und der Übergangsregierung zu positionieren - für die Interimsregierung und gegen die Anhänger Bakijews. Ich rechne damit, dass ihnen die Bakijew-Anhänger das nicht verziehen haben.

SPIEGEL ONLINE: Geht es außer um Rache also auch darum, die Übergangsregierung von Rosa Otunbajewa zu schwächen oder gar zu stürzen?

Schmitz: Auf jeden Fall. Es ging eindeutig darum, Chaos zu stiften und damit zu verhindern, dass das für Ende Juni geplante Referendum über eine neue Verfassung zustande kommt. Das Problem der Übergangsregierung ist nämlich, dass sie über keine Legitimität verfügt und kaum in der Lage ist, die Situation zu beruhigen.

SPIEGEL ONLINE: Im Moment sieht es nach einer leichten Beruhigung der Lage aus.

Schmitz: Aber die Gefahr ist noch nicht gebannt. Ich gehe davon aus, dass die Drahtzieher der Pogrome in ihren Rückzugsgebieten beraten, wie sie weiter vorgehen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Hilfsorganisationen gehen von Hunderttausenden geflüchteten Usbeken aus. Aber Usbekistan öffnet seine Grenzen nicht. Wieso?

Schmitz: Usbekistan hatte seine Grenzen zunächst sehr wohl geöffnet. Aber nachdem bis zu 80.000 Flüchtlinge ins Land gekommen sind, sieht sich Usbekistan offenbar außer Stande, weitere aufzunehmen. Das ist nicht unplausibel.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht die Rolle Russlands aus? Die Übergangsregierung hat Moskau um eine Intervention gebeten, wurde aber nicht erhört.

Schmitz: Russland spielt eine ausgesprochen klägliche Rolle in diesem Konflikt. Im Moment kann man jedenfalls den Eindruck haben, dass russisches Krisenmanagement zwar als Anspruch existiert, aber nicht in der Realität. Das zeigt auch die Diskussion in der einschlägigen regionalen Sicherheitsorganisation, dem Vertrag über kollektive Sicherheit, die von Russland dominiert wird und wo man sich nicht auf die Entsendung einer Friedensmission einigen konnte. Ich kann mir das nur damit erklären, dass es sowohl an einsatzfähigen Kräften als auch an politischem Willen und Verantwortungsgefühl mangelt. Eines wird immer augenfälliger: Wenn es darauf ankommt, fällt Russland als Krisenmanager aus. Moskau will Macht und Einfluss, ist aber außer Stande, Verantwortung zu übernehmen.

SPIEGEL ONLINE: Was sind mögliche Gründe für diese russische Zurückhaltung?

Schmitz: Der Widerstand gegen eine Intervention ist im Parlament, der Führung und der Öffentlichkeit gleichermaßen groß. Grund ist die Angst vor einem zweiten Afghanistan, aber auch die Unübersichtlichkeit der Lage in Kirgisien. Die Risiken gelten als unwägbar.

SPIEGEL ONLINE: Wer sonst kann helfen?

Schmitz: Wenn andere nicht könnten, spielen normalerweise die Vereinten Nationen die Feuerwehr. Wenn die Lage sich nicht beruhigt, wäre eine Friedensmission unter Uno-Mandat vermutlich das Klügste. Auch die EU ist sicherlich gefragt, mindestens bei der Bereitstellung humanitärer Hilfe.

SPIEGEL ONLINE: Wie schätzen Sie die Gefahr ein, dass der Konflikt benachbarte Republiken erfasst?

Schmitz: Das Risiko ist im Moment nicht sehr hoch, aber wegen der interethnischen Instabilität in Kirgisien grundsätzlich gegeben. Eine besorgniserregende Spekulation ist, dass die Drahtzieher der Eskalation eine Allianz mit islamistischen Terroristen in der Region eingehen könnten. Das wäre fatal.

SPIEGEL ONLINE: Was sind realistische Maßnahmen, die Ihrer Meinung nach jetzt geboten sind?

Schmitz: Zum einen humanitäre Hilfe für Flüchtlinge, Verletzte und Traumatisierte. Außerdem Lebensmittel und medizinische Hilfe und wirksamer Schutz der Bevölkerung. Die Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit hat immerhin zugesagt, Ausrüstung zu liefern, die zur Stabilisierung beitragen kann, zum Beispiel Treibstoff. Hoffen wir, dass das geschieht. Kirgisien kann jede Hilfe brauchen.

SPIEGEL ONLINE: Kann das Referendum wie geplant stattfinden?

Schmitz: Der Übergangsregierung fehlt es an Legitimität und an Kontrolle über wesentliche Teile des Verwaltungsapparats. Kirgisien hat derzeit nicht einmal ein Parlament. Das für Ende Juni geplante Referendum soll Abhilfe schaffen. Aber es unter solchen Umständen abzuhalten, könnte dazu führen, dass es nicht repräsentativ ausfällt, weil man fürchten muss, dass die Beteiligung vor allem im Süden viel zu gering sein wird, so dass das Referendum seinen Zweck verfehlen würde. Unter Umständen könnte es daher klüger sein, das Referendum zu vertagen und den Schwerpunkt zunächst auf das Wiederherstellen der Staatlichkeit zu legen, denn Kirgisien befindet sich derzeit an der Schwelle zum Staatszerfall.

Das Interview führte Yassin Musharbash

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
Auf anderen Social Networks teilen
  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
insgesamt 209 Beiträge
atipic 14.06.2010
Als in Jugoslawien die Serben angefangen haben die albanische Separatisten/ Terroristen aus Kosovo zu vertreiben, hat die NATO (und auch Deutschland) Belgrad angegriffen. Und jetzt? Warum gibt es keinen Krieg gegen die [...]
Als in Jugoslawien die Serben angefangen haben die albanische Separatisten/ Terroristen aus Kosovo zu vertreiben, hat die NATO (und auch Deutschland) Belgrad angegriffen. Und jetzt? Warum gibt es keinen Krieg gegen die Regierung in Bischkek? Was tut die NATO?
wird unser Gutmensch Talmi-Kanzlerin bald wieder auf sich aufmerksam machen, ein paar Millionen € dorthin zu verschenken.
Zitat von sysopMindestens 117 Tote, Zehntausende auf der Flucht - die Lage in Kirgisien spitzt sich zu. Die Sicherheitskräfte können die Gewalt nicht eindämmen. Menschenrechtler warnen eindringlich vor einer humanitären Katastrophe in der Region. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,700486,00.html
wird unser Gutmensch Talmi-Kanzlerin bald wieder auf sich aufmerksam machen, ein paar Millionen € dorthin zu verschenken.
S_L420 14.06.2010
Was denn nun? Kirgisien, Kirgistan oder Kirgisistan...man kennt sich ja gar nicht mehr aus!
Was denn nun? Kirgisien, Kirgistan oder Kirgisistan...man kennt sich ja gar nicht mehr aus!
Odde23 14.06.2010
Die NATO ist inzwischen in so vielen Krisengebieten aktiv, dass weitere Einsätze meiner Meinung nach gar nicht mehr möglich sind. Abgesehen davon gehört das Territorium zum ehemaligen Einflussbereich des Warschauer Pakts. [...]
Zitat von atipicWarum gibt es keinen Krieg gegen die Regierung in Bischkek? Was tut die NATO?
Die NATO ist inzwischen in so vielen Krisengebieten aktiv, dass weitere Einsätze meiner Meinung nach gar nicht mehr möglich sind. Abgesehen davon gehört das Territorium zum ehemaligen Einflussbereich des Warschauer Pakts. Regulativ wäre hier Russland eher zuständig als die NATO. Doch auch Russland hat militärisch schon so viele Baustellen, dass man sich hier wahrscheinlich nicht auch noch die Finger verbrennen will. Also bleiben nur UNO-Schutztruppen.
friedrichii 14.06.2010
Ich nehme mal an, daß Sie Ihren Beitrag sarkastische meinen. Möglicherweise wird ja derzeit an einem neuen "Hufeisenplan" gebastelt... Aber das Schröder, Fischer und Scharping ja nicht mehr im Amt sind und ihre [...]
Zitat von atipicAls in Jugoslawien die Serben angefangen haben die albanische Separatisten/ Terroristen aus Kosovo zu vertreiben, hat die NATO (und auch Deutschland) Belgrad angegriffen. Und jetzt? Warum gibt es keinen Krieg gegen die Regierung in Bischkek? Was tut die NATO?
Ich nehme mal an, daß Sie Ihren Beitrag sarkastische meinen. Möglicherweise wird ja derzeit an einem neuen "Hufeisenplan" gebastelt... Aber das Schröder, Fischer und Scharping ja nicht mehr im Amt sind und ihre mafiösen Albanerverbindungen verteidigen müssen, läuft das möglicherweise anders. http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/science/rez-hartmann.html Mal ernsthaft: Kirgisien ist eigentlich ein Vielvölkerstaat. Wenn es dort derzeit ausgerechnet in dieser Gegend zum Streit mit den Usbeken kommt, dürfte die Schuld zum großen Teil bei diesen liegen. Was immer auch der Grund dafür ist. Rußland wird sich da schon einmischen, es ist immerhin ein Teil der ehemaligen SU und in den letzten Jahren kam es zu immer mehr neuer Annäherung. Bishkek (Frunse) war in der SU ein bedeutendes Wissenschaftszentrum. Allerdings haben die Russen bei ihrem Abzug dort sehr viel demontiert. Auch die USA haben dort übrigens einen Stützpunkt, zur Versorgung Afghanistans.
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland
alles zum Thema Kirgisien

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Mittwoch, 16.06.2010 – 17:41 Uhr
  • Drucken Versenden Feedback
Zur Person
SWP
Andrea Schmitz ist Zentralasienexpertin bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Zuletzt schrieb sie unter anderem über die Auswirkungen der Nato-Strategie in Afghanistan auf die zentralasiatischen Staaten und die Zentralasienpolitik Russlands.

Fläche: 199.900 km²

Bevölkerung: 5,334 Mio.

Hauptstadt: Bischkek

Staatsoberhaupt:
Almasbek Atambajew

Regierungschef: Schantoro Satybaldijew

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon






TOP



TOP