Unruheprovinz Xinjiang Die Trümmer von Chinas Nationalitätenpolitik

Aus Ürümqi berichtet

2. Teil: Immer wieder Anschläge in Xinjiang


Tatsächlich kommt es in Xinjiang immer wieder zu Anschlägen. Kurz vor den Olympischen Spielen im vorigen Jahr wurden mitten in Kashgar, eine Oase im Westen Xinjiangs, zum Beispiel 16 Grenzsoldaten beim Frühsport von Angreifern getötet.

Unklar ist, wie viele Terrorgruppen es gibt und wie weit sie national und international vernetzt sind. Über zwölf islamistische Zellen seien gesprengt worden, berichteten die staatlichen Medien kurz vor Beginn der Olympischen Spiele im vergangenen Jahr. 83 Personen wurden damals festgenommen.

In den Jahren zwischen 1990 und 2004 seien 519 terroristische und separatistische Vereinigungen und Banden entlarvt worden, heißt es. Stärkste Organisation sei die "Islamische Bewegung Ost-Turkestan" (ETIM). Ihr sollen auch jene zwei Männer angehört haben, die am 9. April in Kashgar hingerichtet wurden. Sie waren, so heißt es, für den Anschlag auf die Grenzsoldaten verantwortlich.

Doch die Partei setzte in den letzten Jahren Terrorismus und Separatismus zu leichtfertig gleich mit Kritik an der Regierung, klagen Bürgerrechtler. Die KP verfolgt unerbittlich kritische Geister. Deren Ruf nach mehr Eigenständigkeit und mehr religiösen Freiheiten legt sie schnell als schweres Verbrechen aus.

Dies bekamen 2005 zum Beispiel Autor und Verleger der Fabel "Wilde Tauben" zu spüren, die Zensoren als Kritik an der chinesischen Präsenz in Xinjiang interpretierten. Beide wurden als "Spalter" zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt.

Die Reaktion der Sicherheitskräfte ist harsch und nach Ansicht vieler Uiguren überzogen: "Schon vor den Olympischen Spielen haben sie reihenweise Leute weggeschleppt, viele sind nicht wiedergekommen", berichten sie auf dem Markt an der Da-Wan-Südstraße, einem Quartier am Rande Ürümqis.

Nun ist die Kampagne gegen die "drei Kräfte" - Terrorismus, Separatismus und religiöser Extremismus - in vollem Gang. Vor allem in den Moscheen sieht die Partei eine Gefahr für die Einheit des Landes.

Männer mit langen Bärten verlieren ihren Job

Schon seit Beginn der neunziger Jahre dürfen Kinder nicht mehr Koran-Unterricht in den Schulen oder Moscheen erhalten. Wenn der Muezzin zum Gebet ruft, muss der Lautsprecher ausgeschaltet bleiben. Imame werden vom staatlichen Religionsamt auf politische Zuverlässigkeit überprüft, mit "ethnischen Separatisten" dürfen sie auf keinen Fall sympathisieren. Damit das so bleibt, müssen sie sich ab und an politisch schulen lassen.

Kurze Bärte werden in Ürümqi bei Studenten und Staatsdienern gerade noch geduldet, wer auf einen langen Bart besteht, verliert seinen Job. Muslimische Frauen, die ihr Gesicht verschleiern, müssen ebenfalls gehen.

Nach den Unruhen scheinen Han-Chinesen und Uiguren noch weiter auseinanderzurücken. Sogar staats- und parteitreue Muslime sind zornig, dass die staatliche Presse zunächst verschwieg, dass unter den Opfern 46 Uiguren waren und rachsüchtige Han-Chinesen sich auf die Jagd nach Uiguren aufgemacht hatten. "Das ist ungerecht. Wir sind alle Bürger Chinas", schimpft eine Uigurin.

Das passt in ein Phänomen, das Kritiker in Peking die "Palästinisierung" Xinjiangs nennen. Sie werfen den Funktionären vor, sich mehr und mehr wie Kolonialherren zu benehmen.

Obwohl Ürümqi vier Flugstunden von Peking entfernt liegt und die Sonne viel später aufgeht, gilt die Zeit der Hauptstadt. Ein militärisch organisiertes Produktionskorps - "Bingtuan" - beherrscht seit den fünfziger Jahren weite Teile der Landwirtschaft. Ihre Siedlungen haben traditionell keine Namen, nur Nummern. Vor ihrer gläsernen Zentrale im Herzen Ürümqis steht kein Schild, das auf die "Bingtuan" hinweist.

Viele Han-Chinesen halten die Uiguren für schlichtweg undankbar. Peking pumpt jedes Jahr Milliarden nach Xinjiang, modernisiert Oasen und Städte, baut Straßen, Schulen und Krankenhäuser. Uigurische Familien dürfen mehr Kinder in die Welt setzen als han-chinesische, uigurische Jugendliche bekommen bei der Hochschulprüfung Punkte geschenkt.

Gewalt und Separatismus, beteuern die Kader, werde überall in der Welt scharf bekämpft, China sei schließlich Teil der internationalen Koalition gegen den Terrorismus.

Derzeit rollt eine große Verhaftungswelle durch Ürümqi, viele Frauen fürchten, ihre Männer und Söhne nicht wiederzusehen. Schon haben die Behörden Hinrichtungen angekündigt. Staats- und Parteichef Hu Jintao werde sich für den Gesichtsverlust rächen, nachdem er wegen der Ereignisse in Xinjiang den G8-Gipfel verlassen musste, heißt es in den Straßen Ürümqis.

"Wir können nicht sprechen, wir riskieren, abgeholt zu werden", sagt ein Mann in der Nähe der Weißen Moschee in Ürümqi, gerade ist das Freitagsgebet "aus Gründen der sozialen Stabilität" abgesagt worden.

Aber hilft Härte, weitere Unruhen zu verhindern? Viele Uiguren fühlen sich immer mehr als Fremde im eigenen Land. "Große Entwicklung des Westens", hieß die Parole Pekings in den neunziger Jahren, die nicht nur Industrialisierung, sondern auch mehr Zuwanderer nach Xinjiang brachte.

Aus Oasen wurden Städte, auf Feldern entstanden Fabriken - und die Uiguren waren auf Chinas schnellen Sprung in die Moderne nicht vorbereitet. Han-Chinesen besetzten die Arbeitsplätze, weil viele Landleute nicht ausreichend ausgebildet waren und nur schlecht die chinesische Sprache beherrschten.

Nun ziehen immer mehr Menschen in die Slums am südlichen Rand von Ürümqi - und konkurrieren wieder mit Zuwanderern aus anderen Regionen Chinas. "Die Arbeitslosigkeit ist unser Hauptproblem", sagt ein künftiger Ingenieur an der Lehrer-Universität. "Aber es hilft nicht zu klagen, wir müssen hart arbeiten, viel lernen, besser sein."

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