Untersuchungsausschuss: Oberst Klein verteidigt Kunduz-Luftangriff
Oberst Klein bleibt bei seiner Linie: Der Bundeswehroffizier sieht sich bei dem fatalen Luftangriff auf zwei Tanklaster in Afghanistan im Recht. Er fühle sich vorverurteilt, ließ er vor seinem Auftritt im Untersuchungsausschuss mitteilen.
Berlin - Georg Klein steht im Fokus der Kunduz-Affäre, seine Aussage im Bundestagsuntersuchungsausschuss an diesem Donnerstag wurde seit Tagen mit Spannung erwartet. Doch der Oberst ließ sich vor seiner Vernehmung von der Presse und ihren kritischen Fragen abschirmen - stattdessen verlas sein Anwalt eine Erklärung. Darin verteidigt Klein erneut seinen Befehl zum Abwurf von zwei Bomben bei Kunduz am 4. September.
"Objektiv steht nach den maßgeblichen Kriterien des humanitären Völkerrechts fest, dass die Entscheidung für diesen Luftangriff auf Grundlage der verfügbaren Informationen und Ressourcen rechtlich nachvollziehbar und damit rechtmäßig war", sagte Bernd Müssig vor dem Eingang des Bundestags. Der Anwalt bezeichnete sich als Rechtsbeistand des Obersts für den Untersuchungsausschuss.
Georg Klein hatte in den frühen Morgenstunden des 4. Septembers zwei von den Taliban entführte Tanklaster bombardieren lassen. Dabei kamen rund hundert Menschen ums Leben, darunter viele Zivilisten. Der Oberst wird in einer Untersuchung der Nato schwer belastet, da er diverse Regeln zur Vermeidung von zivilen Opfern nicht einhielt, offenbar absichtlich falsche Angaben machte und die Aufklärung behinderte.
Auftritt in der Sperrzone
Geschützt von der Bundestagspolizei war Klein gegen 9.25 Uhr durch das Reichstaggebäude geschleust worden, nur einige Meter entfernt gab Außenminister Guido Westerwelle gerade im Plenum seine Regierungserklärung. Auf Kleins Wunsch hin schirmte ihn die Polizei komplett ab. Auf keinen Fall sollten Fotos von dem Oberst gemacht werden. Der Ausschuss tagt deshalb auch in einem gesperrten Bereich des Parlaments.
Sein Anwalt kündigte an, dass Klein vor dem Ausschuss umfassend aussagen wolle, obwohl ihm wegen strafrechtlicher Ermittlungen ein Schweigerecht zustehe. In einer dicken Mappe hatte Klein bei der Ankunft eine lange Erklärung mitgebracht, die er vor dem Ausschuss vortragen will. Fragen wird er vermutlich nicht beantworten.
Abstrakt entschuldigte sich Klein bei den Opfern des von ihm befohlenen Bombardements. Klein bedauere "unabhängig von der Rechtslage" alle Opfer dieses Konflikts, sagte sein Anwalt, insbesondere den Tod unschuldiger Zivilisten. Jedes Opfer sei eines zu viel.
In seiner öffentlichen Stellungnahme wiederholte Kleins Anwalt die Verteidigungslinie, die auch die Bundeswehr immer wieder ausgegeben hatte. Demnach habe Klein als Kommandeur für seine Soldaten, die afghanischen Sicherheitskräfte und die Zivilbevölkerung in einem bewaffneten Konflikt eine schwerwiegende militärische Entscheidung zu treffen.
"Ihm war dabei bewusst, dass jede Entscheidung - also auch Nicht-Handeln und Unterlassen - weitreichende Folgen haben musste", teilte Müssig mit.
Was Klein vor dem Ausschuss aussagt, bleibt für die Öffentlichkeit verborgen, darauf haben sich die Mitglieder des Gremiums verständigt. Ähnlich soll mit allen militärischen Entscheidungsträgern, die im September in Afghanistan Verantwortung trugen, verfahren werden. Einzig die Politiker sollen öffentlich vernommen werden.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Mittwoch, 10.02.2010 – 12:11 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
21.14 Uhr Uhr Auf Anforderung des deutschen Camps trifft ein B1-Bomber (Einsatzname "Bone 22") über der Region Kunduz ein, der zuvor eine andere Operation mit deutscher Beteiligung im Norden der Region unterstützt hat.
22.00 Uhr Der Informant der Bundeswehr meldet sich erneut und gibt an, die beiden Tanklaster steckten auf einer Sandbank fest.
22.30 Uhr Der B1-Bomber kann die beiden Laster nicht finden. Im Nachhinein stellt sich heraus, dass der afghanische Informant eine unklare Angabe des Orts durchgegeben hatte.
0.48 Uhr "Bone 22" meldet sich bei der Einsatzzentrale (Funkcode "Trinity") der Nato-Flotte. Der Bomber braucht neuen Treibstoff. Die Zentrale gibt Erlaubnis für die Rückkehr zur Basis ("RTB").
0.50 Uhr Aus dem deutschen Camp fragt "Roter Baron" erneut bei der Nato-Luftzentrale nach Unterstützung an. Von dort wird zurückgefunkt, dass eine direkte Feindberührung Voraussetzung für den Einsatz eines Kampfflugzeugs über Kunduz sei. Der deutsche Oberfeldwebel erklärt daraufhin per Funk, es bestehe Feindkontakt, im Nato-Jargon "troops in contact" oder TIC genannt, obwohl sich gar keine Nato-Soldaten oder afghanische Kräfte in der Nähe der beiden Tanker befinden.
1.08 Uhr Zwei F-15-Jagdbomber treffen über der Region ein. "Dude 15" und "Dude 16", so die Codenamen der Piloten, melden sich beim Kommandeur des deutschen Camps und liefern wieder Live-Bilder, welche die Deutschen auf dem "Rover"-Schirm verfolgen können. Einer der Piloten meldet: keine "friendly forces", also deutsche oder afghanische Truppen in der Nähe der Trucks. Nahe den Tankern sieht der Pilot rund 50 Aufständische, so seine Meldung. Der deutsche Oberfeldwebel bittet die US-Piloten, sechs Bomben fertigzumachen und in möglichst hoher Höhe über dem Tatort zu kreisen.
1.30 Uhr "Roter Baron" gibt Einsatzdetails zum Bombenabwurf weiter, erwähnt ausdrücklich, dass die Zeit dränge und keine alliierten Kräfte in der Nähe seien.
1.36 Uhr Der Pilot fragt per Funk an, ob er eine Schleife in niedriger Höhe über die Tanker fliegen soll, um "die Personen auseinanderzuscheuchen". "Roter Baron" lehnt dies ab.
1.46 Uhr Der Pilot fragt per Funk, ob die Personen um die Tanker eine "unmittelbare Bedrohung" darstellen. Der Zustand des "imminent threat" ist die Voraussetzung für einen Bombenabwurf durch die Nato. Obwohl zu diesem Zeitpunkt weder Nato-Soldaten in der Nähe der Tanker sind und diese fast 15 Kilometer vom deutschen Camp entfernt feststecken, bestätigt "Roter Baron" die Anfrage und legitimiert damit den Angriff.
1.50 Uhr Zwei Bomben vom Typ GBU-38 werden abgeworfen.
2.28 Uhr Die beiden F-15-Jets fliegen erneut über den Tatort und melden 56 Tote, ohne jedoch weitere Details zu nennen. 14 Personen würden in Richtung Norden fliehen.
7.00 Uhr Eine deutsche Drohne überfliegt das Gebiet. Außer den beiden Bombenkratern ist jedoch auf den Bildern nicht viel zu sehen.
1. Warum kam es überhaupt zu dem Bombardement?
2. Gab es eine Veränderung der Bundeswehrstrategie in Afghanistan - und wie wurde sie kommuniziert?
6. Wer kannte den Nato-/Isaf-Bericht zu welchem Zeitpunkt?
7. Was wusste Kanzlerin Merkel?
9. Was wusste der damalige Kanzleramtschef de Maizière?
10. Was wusste Außenminister und Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier?
- Afghanistan-Einsatz: Die dunklen Geheimnisse der KSK-Krieger (10.02.2010)
- Regierungserklärung: Westerwelle sucht die ganz große Afghanistan-Koalition (10.02.2010)
- Bundeswehreinsatz: Regierung will Afghanistan-Mandat im Eiltempo (09.02.2010)
- Themenseite: KSK - Kommando Spezialkräfte
- Demütigung bei der Bundeswehr: Soldaten mussten rohe Schweineleber essen (09.02.2010)
- Südafghanistan: Nato startet Großangriff auf Taliban (09.02.2010)
MEHR AUS DEM RESSORT POLITIK
-
Abgeordnete
Bundestagsradar: Alle Fakten, alle Abstimmungen, alles Wissenswerte -
Regierung
Schwarz-gelbe Koalition: Das ist Merkels Kabinett -
Umfragen
"Sonntagsfrage": Der aktuelle Trend anhand von Umfragen -
Nachgefragt
Abgeordnetenwatch auf SPIEGEL ONLINE: Ihr direkter Draht in die Politik -
Rundgang
Kanzleramt, Bundestag, Ministerien: Das ist das politische Berlin

