Untersuchungsbericht zu Jedwabne Polen begingen Massaker an Juden

Das Massaker, bei dem 1941 in Jedwabne 300 Juden ermordet wurden, war lange Zeit ein Tabu in der polnischen Gesellschaft. Jetzt hat ein offizieller Bericht festgestellt, dass nicht Deutsche, sondern Polen die jüdischen Einwohner umbrachten.


Kranzniederlegung in Jedwabne: Die Deutschen spielten "keine aktive Rolle"
DPA

Kranzniederlegung in Jedwabne: Die Deutschen spielten "keine aktive Rolle"

Warschau - Fast genau 61 Jahre nach der Ermordung der jüdischen Bevölkerung der ostpolnischen Kleinstadt Jedwabne hat die polnische Justiz am Dienstag die Ermittlungen zu dem Pogrom abgeschlossen. Bei der Tat habe es sich um ein "geplantes Verbrechen" von Polen aus der Umgebung gehandelt, teilten die Juristen im ostpolnischen Bialystok mit. Sie widerlegten damit die bisherige Darstellung der Ereignisse von Jedwabne.

Jahrzehntelang waren die deutschen Besatzer für die Morde am 10. Juli 1941 verantwortlich gemacht worden. Strafrechtliche Folgen wird es dem Abschlussbericht zufolge nicht geben. Weil keine noch lebenden Täter ermittelt werden konnten, soll das Verfahren eingestellt werden.

Mehrere hundert Opfer

Wahrscheinlich seien in Jedwabne mehr als 300 Menschen ermordet worden, schätzten die Ermittler. Um die Zahl der Opfer genauer bestimmen zu können, fehlten noch einige Aussagen von Zeugen aus Israel. Das Institut des Nationalen Gedenkens (IPN), das für die Aufarbeitung nationalsozialistischer und stalinistischer Verbrechen in Polen zuständig ist, hatte vor zwei Jahren die Ermittlungen aufgenommen.

Zuvor waren Zweifel an der bisherigen Darstellung der Ereignisse aufgekommen. Zuerst hatte der polnische Historiker Jan Tomasz Gross in seinem Buch "Nachbarn" die Schuld der Deutschen an dem Pogrom von Jedwabne bezweifelt. Gross berichtete unter Berufung auf einen Augenzeugen, Polen hätten ihre jüdischen Nachbarn grausam ermordet. Der Historiker war jedoch von rund 1600 Opfern ausgegangen. Diese Zahl sei stark überhöht, sagten die Juristen.

Polens Präsident entschuldigte sich

Das Buch hatte in Polen eine heftige Diskussion ausgelöst. Im vergangenen Jahr entschuldigte sich Staatspräsident Aleksander Kwasniewski vor Angehörigen der Opfer am 60. Jahrestag des Pogroms öffentlich für die Beteiligung von Polen.

Exhumierungarbeit in Jedwabne: Ein "geplantes Verbrechen" von Polen
AP

Exhumierungarbeit in Jedwabne: Ein "geplantes Verbrechen" von Polen

Die Aussagen der Zeugen, mit denen die IPN-Ermittler sprachen, unterschieden sich zum Teil beträchtlich, sagte der ermittelnde Staatsanwalt Radoslaw Ignatiew. Einige der polnischen Zeugen gaben an, eine Gruppe uniformierter Deutscher habe die Polen gezwungen, die jüdischen Einwohner auf dem Marktplatz zusammenzutreiben. Dagegen sagten andere, sie hätten mit Ausnahme einiger Gendarmen keine Deutschen gesehen. Die IPN-Staatsanwälte kamen zu dem Schluss, dass während des Pogroms nur wenige Deutsche vor Ort waren; diese hätten "keine aktive Rolle gespielt".



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