Untersuchungskommission Afghanische Ermittler rechtfertigen Luftangriff auf Tanklaster

Unterstützung für die Bundeswehr: Eine afghanische Untersuchungskommission hält den Luftangriff auf zwei entführte Tanklaster in Kunduz für legitim. Für die hohe Zahl der Todesfälle seien die Taliban verantwortlich - sie hätten Verbündete aus den Dörfern zu den LKW gelockt.

Zerstörter Tanklaster in Kunduz: Afghanisches Sicherheitspersonal am Ort des Angriffs
dpa

Zerstörter Tanklaster in Kunduz: Afghanisches Sicherheitspersonal am Ort des Angriffs


Kunduz - "Kein Dorf wurde bombardiert, sondern es wurden Kämpfer angegriffen": So rechtfertigen afghanische Ermittler den Luftschlag auf zwei entführte Tankwagen. Die von der afghanischen Regierung eingesetzte Kommission nannte das von der Bundeswehr angeordnete Bombardement "legitim".

Bei dem Angriff seien 45 bewaffnete Taliban getötet worden. Man habe verbrannte Waffen und Munition gefunden, sagte der afghanische Generalleutnant Mirsa Mohammad "Yarmand" am Dienstag in Kunduz. "Das ist der Beweis, dass dieses Ziel kein ziviles, sondern ein militärisches Ziel war." Den Bericht will er am Mittwoch Präsident Hamid Karzai übergeben. Der Gouverneur der afghanischen Provinz Kunduz hatte das Vorgehen der Deutschen am Montag als vorbildlichbezeichnet.

Der Leiter der afghanischen Untersuchungskommission sagte, auch wenn Zivilpersonen unter den Toten sein sollten, habe das allein der örtliche Taliban-Kommandeur Mullah Abdur Rahman zu verantworten, der auch hinter der Entführung des Tankwagens stehe. Die Isaf oder die Führung des Regionale Wiederaufbauteams (PRT) treffe keine Schuld.

Der Radikalislamist Rahman habe sechs bewaffnete Männer angewiesen, die Fahrzeuge zu entführen und die Fahrer zu töten. Als die Tanklastwagen am Ufer des Kunduz steckengeblieben seien, habe Rahman mit seinem Mobiltelefon aus mehreren Dörfern "Verbündete und wahrscheinlich auch Sympathisanten" angefordert. Nach Berichten von Augenzeugen seien dann mehr als 45 bewaffnete Taliban-Kämpfer und andere Personen aus den Dörfern zusammengekommen.

"Rollende Bombe gegen Regierungstruppen"

Das Dorf in der Nähe der feststeckenden Tankwagen sei Teil der sogenannten befreiten Zone der Taliban, sagte Yarmand weiter. Es stehe unter der Kontrolle von Rahman. "Dieser Ort ist bekannt. Wenn es dunkel wird, verkehren dort nur kriminelle Banden, nicht die normalen Menschen". Es sei schwer zu beweisen, dass zu dem Zeitpunkt des Angriffs in den frühen Morgenstunden Unbeteiligte vor Ort gewesen seien.

Ein Junge, der unter den Verletzten sei, habe vermutlich seinen Vater oder einen anderen Verwandten begleitet. Die Aufständischen hätten die entführten Tankwagen wohl als "rollende Bombe" gegen die Regierungstruppen oder deren Verbündete einsetzen wollen. Oder sie hätten das Benzin verkauft, um Ausrüstung und Munition zu finanzieren, sagte der Generalleutnant.

Nach Erkenntnissen der Ermittler wurde niemand unter 18 Jahren getötet. Insgesamt seien 82 Menschen ums Leben gekommen und 20 verletzt worden. Vier weitere würden vermisst.

Taliban veröffentlichen Liste mit Namen der Opfer

Die Darstellung der Taliban widerspricht diesen Angaben diametral. Die radikalen islamisten veröffentlichten eine Liste mit den Namen von 42 Zivilisten, die angeblich bei dem Nato-Angriff getötet wurden. Die Liste geht demnach auf eine eigene Untersuchung der Taliban zurück. Das Papier sei nicht vollständig, erklärten die Taliban, vielmehr seien darauf lediglich einige der Opfer aufgeführt. Dazu erklärten die Taliban: "Das Untersuchungsteam hat viele Beweise gesammelt und mit vielen Leuten in der Region des Angriffs gesprochen."

Zum Zeitpunkt des Luftangriffs - die zwei Bomben wurden nach Angaben des Verteidigungsministeriums am 4. September um 1.49 Uhr abgeworfen - hätten sich ausschließlich Zivilisten am Ort des Anschlags aufgehalten. Sämtliche Taliban hätten in einiger Entfernung zu den Tankfahrzeugen Gespräche geführt, als die Bomben einschlugen.

Die Taliban hatten den Zivilisten nach eigenen Angaben gestattet, aus den im Schlamm festgefahrenen Tanklastwagen Benzin abzuschöpfen. Die vielen Menschen seien wegen des Fastenmonat Ramadan so früh auf den Beinen gewesen, erklärten die Taliban. "Sie wollten alle Benzin haben."

Nato gibt Tod von Zivilisten zu

Die Nato hat am Dienstag erstmals zugegeben, dass bei dem von der Bundeswehr angeordneten Luftangriff in Afghanistan auch Zivilisten verletzt und getötet wurden. Zu dieser Schlussfolgerung sei der Oberbefehlshaber der US- und Nato-Truppen am Hindukusch, Stanley McChrystal, gelangt.

Die genaue Zahl der zivilen Opfer solle bei einer gründlichen Untersuchung des Vorfalls in der nordafghanischen Provinz Kunduz festgestellt werden. McChrystal beauftragte laut Isaf Offiziere aus Deutschland und den USA sowie einen kanadischen General mit der Untersuchung. Sie sollen sich mit der afghanischen Ermittlungskommission koordinieren.

Die Nato-Luftangriff am Freitag war von dem deutschen Oberst Georg Klein angefordert worden, nachdem mutmaßliche Taliban-Kämpfer zwei Tanklastwagen in ihre Gewalt gebracht hatten. Klein sei davon ausgegangen, dass sich keine Zivilisten in der Nähe der Lastwagen aufhielten, erklärte die Isaf. Laut Augenzeugen waren aber Dutzende Zivilisten vor Ort, um sich Treibstoff aus den Lastern zu nehmen.

Auch am Dienstag kam es in der Region zu Gewalt: Im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet überfielen Bewaffnete acht Tanklaster mit Treibstoff-Nachschub für die Nato-Truppen in Afghanistan. Wie ein Polizeioffizier in der Stadt Quetta sagte, feuerten die sechs Täter von Motorrädern aus auf die Lastwagen, die daraufhin Feuer fingen. Ein ranghoher Sicherheitsvertreter bestätigte die Zerstörung der Tanklaster. Neben dem Khyber-Pass im Nordwesten des Landes ist die Route über Balutschistan der wichtigste Versorgungsweg für die Nato-Truppen im benachbarten Afghanistan.

kgp/AFP/AP

Forum - Welche Zukunft hat die Bundeswehr in Afghanistan?
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fintenklecks 07.09.2009
1. Nein!
Zitat von sysopVerteidigungsminister Jung bleibt dabei: Die Entscheidung, zwei gekidnappte Tanklaster in Afghanistan zu bombardieren, sei richtig gewesen. Inzwischen werden immer mehr Details zu dem Luftschlag bekannt. Welche Zukunft hat die Bundeswehr am Hindukusch?
Wegen 2 Tanklastern ist m.E. kein Nato Einsatz gerechtfertigt. Wenn man 50 Panzer bombardiert wäre dies etwas anderes! Ich denke, es ging hier vielleicht um Kontrollverlust mit nicht kalkulierbaren Folgen.
Brand-Redner 07.09.2009
2. Folgen historischer Lernresistenz
Zitat von sysopVerteidigungsminister Jung bleibt dabei: Die Entscheidung, zwei gekidnappte Tanklaster in Afghanistan zu bombardieren, sei richtig gewesen. Inzwischen werden immer mehr Details zu dem Luftschlag bekannt. Welche Zukunft hat die Bundeswehr am Hindukusch?
Vermutlich die gleiche wie die Russen am selben Ort oder die Amerikaner damals in Indochina.
Rainer Daeschler, 07.09.2009
3. Welche Zukunft hat die Bundeswehr am Hindukusch?
Das ist eigentlich nicht die Frage. Um die Zukunft der Bundeswehr geht es nicht. Sie soll dort eine nach Möglichkeit verlust- und ereignisfreie Existenz ausüben, bis der Bundesregierung eine Erklärung eingefallen ist, warum sie überhaupt dort ist, die auch die Bundesbürger mehrheitlich überzeugt.
Chromlatte 07.09.2009
4.
Zitat von Rainer DaeschlerDas ist eigentlich nicht die Frage. Um die Zukunft der Bundeswehr geht es nicht. Sie soll dort eine nach Möglichkeit verlust- und ereignisfreie Existenz ausüben, bis der Bundesregierung eine Erklärung eingefallen ist, warum sie überhaupt dort ist, die auch die Bundesbürger mehrheitlich überzeugt.
Ich würde das von Frau Merkel mal gerne genau erklärt bekommen. Aber ich fürchte da mildes Grinsen da nicht ausreicht übersteigt das Angies Kapazitäten.
dieterschg, 07.09.2009
5.
Zitat von fintenklecksWegen 2 Tanklastern ist m.E. kein Nato Einsatz gerechtfertigt. Wenn man 50 Panzer bombardiert wäre dies etwas anderes! Ich denke, es ging hier vielleicht um Kontrollverlust mit nicht kalkulierbaren Folgen.
Glaube ich nicht, denn denken Sie bitte daran, dass die großen "Bombenanschläge" auch in Afghanistan oder dem Irak meist mit umgestrickten Tanklastwagen durchgeführt wurden. Nicht die Selbstmordkandidaten mit Sprenggürtel haben die größten Opferzahlen und Schäden verursacht. PS: Die Zeiten wo sie eine Panzertruppe bekäpfen konnten sind lange vorbei. Heute kämpfen sie meist gegen durch die Bevölkerung gedeckte Terroisten, war schon früher bei den Partisanen mehr als schwierig.
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