Von der Leyen wirbt im Irak für Bundeswehrmission Vermintes Gelände

Verteidigungsministerin von der Leyen besucht im Irak ein Pilotprojekt für die neue Mission der Bundeswehr. Sie will die drängende Frage des Koalitionspartners SPD anschaulich beantworten: Was sollen deutsche Soldaten hier?

Ursula von der Leyen (CDU) in Camp Tadschi
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Ursula von der Leyen (CDU) in Camp Tadschi

Aus Bagdad berichtet


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Für den hohen Besuch aus Deutschland hat die irakische Armee einiges aufgefahren. Dicht aneinandergedrängt sitzen am Sonntagnachmittag gleich ein halbes Dutzend hochdekorierte Generäle in großen Ledersesseln, sie tragen allesamt sandfarbene Uniformen und dunkle Sonnenbrillen.

Gegen die sengende Sonne im Camp Tadschi nahe Bagdad ist über ihnen eine Plane gespannt, ein riesiges Aggregat kämpft gegen die 43 Grad Hitze an.

Dann kommt Ursula von der Leyen mit ihrem Tross. Dutzende schwer gepanzerte Jeeps biegen um die Ecke. Bis an die Zähne bewaffnete Spezialkräfte springen heraus, schnell nehmen sie der Verteidigungsministerin die schwere schwarze Schutzweste ab. Danach sieht alles wieder halbwegs zivil aus. Von der Leyen setzt ihr Lächeln auf. "Schön, Sie zu sehen", sagt sie zu einem irakischen Militär. Dann setzt sie sich zu den anderen Generälen.

Ursula von der Leyen, irakischer General
DPA

Ursula von der Leyen, irakischer General

Das Camp Tadschi, eines der größten der irakischen Armee überhaupt, könnte eines der Zentren der neuen deutschen Irak-Mission werden.

Mit 15 Soldaten, allesamt ABC-Spezialisten aus Bruchsal, hat die Bundeswehr hier bereits ein Pilotprojekt zur Ausbildung der irakischen Armee gestartet. Wenn alles gut geht und der Bundestag im Oktober das Mandat für die Mission verlängert, soll Tadschi das Herzstück der neuen Mission werden.

Die Iraker freuen sich auf die Ministerin, auch wenn eine Frau auf so einem Posten für sie noch etwas ungewohnt ist. Leutnant Lathi steht schwitzend in der Sonne. Für den Termin war er extra beim Friseur. "Wir brauchen Hilfe", sagt der 26-Jährige, "überall im Irak gibt es noch Gegenden, die mit Chemiewaffen verseucht sind". Hinter dem Leutnant stehen die deutschen Ausbilder. "Die Iraker sind hochmotiviert", sagt einer, "dieser Einsatz hier macht wirklich Sinn".

Das Gift kann überall lauern, sagt Lathi. Erst kürzlich sei er mit seiner Truppe in Mossul gewesen, einer einstigen Hochburg der Terrormiliz IS. Überall dort sind Straßen und Gebäude mit aus herkömmlichen Chemikalien zusammengebrauten Giften kontaminiert. Bisher mussten Lathi und seine Männer versuchen, das Material ohne modernes Gerät zu beseitigen, auch besonders geschult sind sie nicht - ein lebensgefährlicher Job.

Lathi und sein Team starten ihre Vorführung. Angeleitet von den Bundeswehrsoldaten untersuchen sie in dicken Schutzanzügen Gegenstände auf Verseuchung, das technische Gerät haben sie von den Deutschen bekommen. Dann ziehen sie sich mühsam die Schutzanzüge vom Leib und laufen in eine Art Duschzelt. Im Fall des Falls sollen dort letzte Reste von chemischen oder biologischen Waffen abgewaschen werden.

ABC-Abwehrübung
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ABC-Abwehrübung

Die Bilder aus Tadschi dürften von der Leyen gut passen. Mit ihrem Kurztrip nach Bagdad wirbt sie für die neue Mission der Bundeswehr. Geht es nach ihr, soll die Bundeswehr gemeinsam mit vielen anderen Nationen langfristig im Zentralirak die dortige Armee ausbilden und unterstützen. Politisch will die Ministerin damit zeigen, dass Berlin seinem Versprechen nachkommt, weltweit mehr Verantwortung zu übernehmen.

Die Bilder von Soldaten, die vergiftete Straßenzüge kontrollieren und damit letztlich die Zivilbevölkerung schützen, sollen die Zweifler an der Mission überzeugen. Deswegen hat von der Leyen auch Verteidigungspolitiker aller Fraktionen auf diesen Kurztrip mitgenommen. Gerade beim Regierungspartner SPD gibt es noch erhebliche Zweifel an der Mission. Allein die Schlagzeile "Bundeswehr zieht in den Irak" lässt so manchen in der Fraktion schaudern.

Hinzu kommt die politische Instabilität im Irak. Seit der Wahl im Mai ringen die verschiedenen Fraktionen um eine Konsensregierung, dabei spielen auch Hardliner mit engen Verbindungen ins Nachbarland Iran eine Rolle. Außerdem blüht die Korruption am Euphrat, trotz Öleinnahmen von jährlich rund 90 Milliarden Dollar im Jahr ist Bagdad auf Geldspritzen aus dem Ausland angewiesen. Auch die Generäle betteln bei allen Partnern um Gerät und Ausbildung. Von Stabilität ist der Irak also noch weit entfernt.

Henning Otte (l.), CDU-Bundestagsabgeordneter, und Cyrill Nunn (2.v.l.), deutscher Botschafter im Irak
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Henning Otte (l.), CDU-Bundestagsabgeordneter, und Cyrill Nunn (2.v.l.), deutscher Botschafter im Irak

Von der Leyen muss also in den nächsten Wochen alles versuchen, die Zweifler beim eigenen Koalitionspartner zu überzeugen. "Der akute Kampf um das früher vom IS besetzte Territorium ist vorbei", sagt sie nach der Vorführung, "jetzt kommt es darauf an, mit einem neuen Mandat den Wiederaufbau zu gestalten und zu schützen". Damit will sie unterstreichen, dass es im Irak statt um eine gefährliche Kampfmission lediglich um eine Art bewaffnete Hilfsmission der Bundeswehr geht.

Schon in den kommenden Monaten würde die Bundeswehr ihre Mission dann ausweiten, bis Jahresende sollen gut 50 Soldaten im Irak stationiert werden, neben der ABC-Ausbildung sind Schulungen in sogenannten Schlüsselfähigkeiten wie Logistik oder dem Räumen von überall im Land versteckten Sprengfallen und Minen angedacht. International hat von der Leyen das deutsche Engagement bereits angekündigt, eine Schlappe beim Mandatsbeschluss wäre da ziemlich peinlich.

Ob die Werbetour nach Bagdad gewirkt hat, ist schwer zu sagen. SPD-Verteidigungspolitiker Fritz Felgentreu bezweifelt zwar im Camp Tadschi nicht, dass die Ausbildungsmission der Bundeswehr im Irak sinnvoll ist. Trotzdem gebe es in seiner Fraktion weiter Vorbehalte. Es gebe "keinen Automatismus" für das Mandat, sagt Felgentreu, obwohl die Mission eigentlich im Koalitionsvertrag festgeschrieben ist. Ein Versprechen hört sich anders an.

Zusammengefasst: Ursula von der Leyen hat das Camp Tadschi nahe Bagdad im Irak besucht. Die Ministerin hat die Verteidigungsexperten anderer Bundestagsfraktionen mitgebracht, sie will sie vor Ort von der Wichtigkeit der Bundeswehrmission in dem Land überzeugen. Der Verlängerung des Einsatzes muss der Bundestag erst noch zustimmen. Die deutschen Soldaten sollen irakische Einsatzkräfte vor allem in der Räumung von Kampfmitteln schulen.



insgesamt 75 Beiträge
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Seite 1
gertrud,dieleiter 16.09.2018
1. Liebe Frau Kriegsministerin,
bitte schnappen Sie sich ein G 36 und gehen Sie schon mal vor. Wir kommen dann gerne später nach, wenn es ungemütlich wird. Versprochen!
whitewisent 16.09.2018
2.
Ich gebe ehrlich zu, ich kenne die exakte Zahl nicht. Aber es wurde berichtet, dass jeder Soldat in Afghanistan, der eine Einsatzaufgabe erfüllt, soundsoviel Unterstützungseinheiten vor Ort hatte. Wieviele? 1:3, 1:5, 1:10? Egal wieviel, es blähte den Einsatz zu einer ungeheuren logistischen Mammutaufgabe auf, der Unsummen kostete, von denen vor Ort nur sehr wenig ankam. Die einzig logische Antwort ist doch wohl angesichts der ungeheuren militärischen Versorgung der Welt, daß IN Deutschland Schulungszentren entstehen, wo Einheiten fremder Staaten in den unterstützenden Aufgaben von Armeen ausgebildert werden, oder besser Ausbilder aus deren Armeen. Denn man sollte auch ehrlich sein, dort geht es nicht wirklich um bloße Soldaten, daß sind Spezialisten im Offiziersrang, also Teiler der zukünftigen Armeeführungen, wo etwas mehr Einfluss durch das demokratische Deutschland nicht schlecht wäre, und wenn diese aus Deutschland direkt erleben, wie eine Parlamentsarmee existieren kann. Und so lässt sich auch leichter der wichtige Proporz zwischen den Gruppen wahren, denn schon die Frage, ob man in Kurdistan, im schiitischen Süden oder im sunnitischen Zentrum deutsche Truppen einsetzt ist eine politische Aussage, welche der Bundestag zu entscheiden hat, nicht VDL und ohre Ministerialriege.
Thorkh@n 16.09.2018
3. Was wird das denn?
Das nächste Abenteuer mit ungewissem Ausgang pünktlich zu einer Zeit, in der es innenpolitisch bruzzelt und man etwas Ablenkung durch die Außenpolitik benötigt?
Rudra 16.09.2018
4. Wir haben im Irak nichts verloren
....dass der Irak in dieser Lage ist, verdankt er einem völkerechtswidrigen Angriffskrieg einer westlichichen Allianz. Gott sei Dank war unserer damaliger Kanzler Schröder klug genug, Deutschland da rauszuhalten. Wir haben auch jetzt dort nichts verloren, auch wenn das VDL und ihre Freunde vom Atlantic Council gern hätten. Stück für Stück soll Deutschlands in diesen Konflikt reingezogen werden...Wehrt euch!
herbert 16.09.2018
5. Die größte Fehlbesetzung diese Verteidigungsministerin
Sie träumt nun von Einsätzen und das mit einem Material, welches zur Hälfte Schrott ist. Was bitte haben deutsche Soldaten im Irak zu suchen? Und dann noch im Minenfeld ?
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