Pussy-Riot-Prozess: Der Fehler der unbarmherzigen Kirche

Von , Moskau

Die einen wollen sie "auf dem Scheiterhaufen" sehen, die anderen fordern "Freiheit für Pussy Riot". Kirchenvertretern dämmert langsam, dass das bizarre Verfahren gegen die dreiköpfige Protest-Guerilla ein Fehler war. Das Urteil wird Ende kommender Woche gefällt.

Moskauer Prozess: Solidaritätswelle für Pussy Riot Fotos
DPA

Der Prozess gegen die Moskauer Protest-Guerilla Pussy Riot neigt sich dem Ende zu. Am Dienstag forderte die Staatsanwaltschaft jeweils drei Jahre Haft in einer Strafkolonie für die drei angeklagten jungen Frauen. Sie folgte damit im Wesentlichen Stimmen aus den Reihen der orthodoxen Kirche, die harte Strafen für den umstrittenen Pussy-Riot-Auftritt in Moskaus Erlöser-Kathedrale forderten. Das Verfahren wurde in aller Eile abgehalten, mit Marathon-Sitzungen bis spät in den Abend.

Im Gerichtssaal war die Rede davon, die Angeklagten hätten Kleidung getragen, die "offensichtlich im Gegensatz stand zu allgemeinen Kirchen-Regeln". Die Frauen wurden von ihren Anklägern gar in die Nähe von Teufelsbesessenen gerückt, die "satanisch zuckten, herumsprangen, ihre Beine hoch warfen, Köpfe drehten und sehr beleidigende und blasphemische Worte riefen".

In der an Nachrichten armen Sommerzeit rückten Dutzende TV-Teams aus aller Welt an, um über den grotesken Prozess am Moskauer Chamowniki-Gericht zu berichten.

Langsam dämmert auch Kreisen der russischen Orthodoxie, dass sich Kreml und Kirche einen Bärendienst erwiesen haben könnten mit der gleichermaßen unbarmherzig und bizarr anmutenden Strafverfolgung der drei Frauen.

Ein hartes Urteil werde nicht die erhoffte abschreckende Wirkung haben, warnt der orthodoxe Intellektuelle und Geistliche Andrej Kurajew. Im Gegenteil: Die Kirche provoziere Nachahmungstäter und leiste einer Radikalisierung der Opposition Vorschub. In Russland habe es "noch nie einen Mangel an jungen Extremisten" gegeben, mahnt Kurajew.

Konstantin Sonin, Kolumnist der Wirtschaftszeitung "Wedomosti", sprach sogar vom "schlimmsten Fehler der Kirche seit 1901". Damals hatte die orthodoxe Kirche den betagten Schriftsteller Leo Tolstoi exkommuniziert.

Das Urteil wird Richterin Marina Syrowa am 17. August fällen, gab das Gericht am Mittwochmittag bekannt. Dann wissen Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch, ob sie eine Haftstrafe erhalten. Bei einem Interview in London verbat sich Premierminister Dmitrij Medwedew zum Zeitpunkt der Verhaftung der Pussy-Riot-Aktivistinnen jede Einmischung in den Prozess - zumindest, sofern sie aus dem Ausland kam.

Kreml-Chef Wladimir Putin dagegen schwang sich zum obersten Richter auf und verlangte öffentlich - ebenfalls bei einer Olympia-Stippvisite - die jungen Frauen "nicht zu hart" zu verurteilen.

Verstörende Nähe zwischen Kreml und Kirche

Ob der Wink des Präsidenten, der für gewöhnlich Druck von außen nicht nachgibt, eine Kehrtwende und Milde für Pussy Riot bedeuten, ist offen. Einen Freispruch dürfte der Kreml nicht riskieren. Die Opposition würde ihn als ersten großen Sieg interpretieren, und die Kirche, seit Jahren einer der engsten Verbündeten der Führung, als einen Schlag ins Gesicht. Auch mit einer hohen Geldstrafe dürfte die Kirche sich nicht zufriedengeben. Seit Tagen warnt sie, die große Unterstützerriege von Pussy Riot werde ohnehin jede Summe leicht aufbringen können.

Dass die Zahl der Unterstützer weltweit steigt, daran tragen Kreml und Kirche selbst die größte Schuld. Das skandalöse Verfahren gegen Pussy Riot hat aller Welt die verstörende Nähe zwischen Kirche und Staat vor Augen geführt. Zu Sowjetzeiten war es anders: Da ließen der Geheimdienst KGB und dessen Vorläufer, die Geheimpolizei NKWD, Gläubige und Geistliche verhaften, in Arbeitslager sperren oder erschießen. Tausende Kirchen wurden damals gesprengt, darunter auch die Erlöser-Kathedrale. Erst Präsident Boris Jelzin ließ sie wieder aufbauen. Geheimdienstler bilden seit Jahren das Rückgrat der Führungsriege um Wladimir Putin, selbst Ex-Oberst des KGB und in den neunziger Jahren Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB.

Berührungsängste gegenüber der Nachfolgerorganisation des KGB sucht man bei Patriarch Kirill vergeblich. Während in der vergangenen Woche im Chamowniki-Gericht Pussy Riot der Prozess gemacht wurde, legte das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche den Grundstein für das neue Gotteshaus der Moskauer FSB-Akademie.

Beispiellose Solidaritätswelle aus dem Westen

Mit der großen Nähe zwischen Kirche und Putin-Regime rechtfertigten denn auch Pussy Riot ihren Auftritt in der Erlöser-Kathedrale. Weil die Gegner, mit denen es die Mädchen aufnehmen wollten, so übermächtig wirken und konservative Kommentatoren wie der rechte Philosoph Alexander Dugin sie gar "auf dem Scheiterhaufen brennen" sehen wollten, hat eine Solidaritätswelle mit Pussy Riot den Westen erfasst, die selbst den inhaftierten Ex-Oligarchen Michail Chodorkowski neidisch machen könnte. Die Pop-Legende Madonna hat sich für ein mildes Urteil ebenso stark gemacht wie viele Abgeordnete des Bundestags. In München kam es zu Solidaritätsaktionen, in Berlin wurde ein Benefizkonzert organisiert. Selbst im beschaulichen Schweizer Städtchen Winterthur sprühte jemand "Free Pussy Riot" an Hauswände.

So bedenklich auch der Furor ist, mit dem Justiz und Kirchenmänner gegen die Gruppe in Moskau vorgehen, so überdreht sind auch die Reaktionen und Erwartungen im Westen. Medien stilisieren die drei inhaftierten Frauen zu "Putins größtem politischen Kopfschmerz" ("The Observer") und fragen: "Können diese Frauen Putin stürzen?" ("Der Freitag").

Die Antwort darauf lautet freilich: nein. Zwar missbilligt laut Umfragen ein Großteil der Russen die große Nähe der Kirche zu Politik. Laut Daten des angesehenen Lewada-Zentrums hielten allerdings fast 47 Prozent der Befragten die Höchststrafe von sieben Jahren Haft für "angemessen".

Pussy-Riot-Aktionen wären auch Deutschen befremdlich

So fragwürdig und unverhältnismäßig das Vorgehen gegen Pussy Riot auch ist: Zu Volkshelden taugen sie nicht. Die Mädchen entstammen einer Moskauer Avantgarde-Szene, deren Aktionen für viele in Deutschland befremdlich wären. Nadeschda Tolokonnikowa etwa war Teil von "Woina", auf deutsch Krieg. Die Gruppe von Protestkünstlern warf nicht nur Polizeiautos um oder ärgerte den FSB mit der Zeichnung eines riesigen Phallus vor dem Sankt Petersburger Hauptquartier der Geheimen, sondern hielt in einem Moskauer Museum auch eine Massensex-Orgie ab.

Dass Russlands eher konservativ denkende Massen im Falle einer Verurteilung von Pussy Riot den Kreml stürmen werden, ist auch deshalb eher unwahrscheinlich.

Ausgerechnet die sonst für ihre regierungstreue Linie berüchtigte Moskauer Tageszeitung "Iswestija" zog das vielleicht treffendste Fazit aus dem Verfahren. "Sicher ist", schrieb die Zeitung bereits in der vergangenen Woche, "dass im Fall Pussy Riot schon jetzt alle verloren haben - ob der Strafprozess nun mit einem Schuldspruch endet oder nicht."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 82 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. BB halt
Finnländer 08.08.2012
Zitat von sysopDie einen wollen sie "auf dem Scheiterhaufen" sehen, die anderen fordern "Freiheit für Pussy Riot". Im Moskauer Prozess gegen die dreiköpfige Protest-Guerilla wird das Urteil erwartet. Kirchenvertreter dämmert langsam, dass das bizarre Verfahren ein Fehler war. Urteil im Pussy-Riot-Prozess könnte Russlands Kirche schaden - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,848818,00.html)
Aus dem Artikel: Das ist wohl eher Wunschdenken des Verfassers (und wie realitätsnah dessen "Berichte" sind wissen die interessierten Leser mittlerweile). Weiterhin: Ganz im Gegenteil. Ohne diese Straftat zu ahnden würde es Nachahmungstäter geben (man hätte ja nichts zu befürchten). Nichts gegen eine Opposition in Russland (sofern diese denn den Namen verdient und nicht von Ausland bezahlt und gesteuert wird, oder wie im vorliegenden Fall als PR-Maske missbraucht wird), solange diese sich an geltende Regeln und Gesetze halten.
2. xxx
Dumpfmuff3000 08.08.2012
Zitat von sysopDie einen wollen sie "auf dem Scheiterhaufen" sehen, die anderen fordern "Freiheit für Pussy Riot". Im Moskauer Prozess gegen die dreiköpfige Protest-Guerilla wird das Urteil erwartet. Kirchenvertreter dämmert langsam, dass das bizarre Verfahren ein Fehler war. Urteil im Pussy-Riot-Prozess könnte Russlands Kirche schaden - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,848818,00.html)
Die russisch-orthodoxe Kirche biedert sich um bestimmter Privilegien willen seit Jahren dem mafiösen Machtapparat an und hat damit jeglichen Kontakt zu christlichen Werten und jegliche moralische Autorität verloren. Ich will nicht wissen, in was für dreckige Geschäfte diese Leute verwickelt sind. Die haben moralisch rein gar nichts zu melden.
3. Spalten, Spalten, Spalten...
maliperica 08.08.2012
Zitat von sysopDie einen wollen sie "auf dem Scheiterhaufen" sehen, die anderen fordern "Freiheit für Pussy Riot". Im Moskauer Prozess gegen die dreiköpfige Protest-Guerilla wird das Urteil erwartet. Kirchenvertreter dämmert langsam, dass das bizarre Verfahren ein Fehler war. Urteil im Pussy-Riot-Prozess könnte Russlands Kirche schaden - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,848818,00.html)
Alles tun zu dürfen, bedeutet noch lange nicht dass es im Namen der Freiheit geschehen wird.
4. Pussy Riot
nachdenk71 08.08.2012
So sympathisch die Mädchen wirken, aber ihre Aktionen finde ich nicht gerade vorbildlich. Auch wenn man die geistige Nähe von Kirche und Kreml anprangern will, ist diese Aktion vor dem Altar einer Kirche doch sehr geschmacklos und eine Beleidigung der Gläubigen.
5.
Dumpfmuff3000 08.08.2012
Zitat von FinnländerGanz im Gegenteil. Ohne diese Straftat zu ahnden würde es Nachahmungstäter geben (man hätte ja nichts zu befürchten).
Ja und das wär ja schrecklich, wenn auf einmal die Leute anfangen würden, sich öffentlich zu äußern. Ganz ehrlich, diese unglaubliche Überreaktion der Kirche, der mafiösen Herrscherclique und von Teilen der Öffentlichkeit ist doch der Indikator schlechthin für den miesen Zustand von Demokratie und Freiheit in Rußland. Die haben den Stalinismus geistig nie überwunden. Ein Land, das so reagiert, ist doch hochgradig autoritär. Ich glaube kaum, daß Pussy Riot das gemacht haben um der PR willen. Die werden schon gewußt haben, was für ein Risiko die eingehen. So was macht man in der Regel eher aus Überzeugung. Und vom Ausland bezahlt, naja viel kann das bei denen nicht gewesen sein. Oder glauben Sie, die CIA überschüttet neuerdings Punkbands mit Geld? Was Sie eigentlich sagen wollen, ist doch, jeder darf seine Meinung sagen, hauptsache er hält die Fresse und sagt sie nicht und schon mal gar nicht öffentlich und wenn dann gibts halt die volle Packung.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Pussy Riot
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 82 Kommentare
  • Zur Startseite

PDF-Download
PDF aufrufen... Pussy-Riot-Brief der Bundestagsabgeordneten - PDF-Größe 67 KByte

Bei Anzeigeproblemen rufen Sie das PDF-Dokument nicht direkt auf, sondern sichern Sie es zunächst auf Ihrem Rechner. Benutzen Sie hierzu die Mausfunktionen.

Fotostrecke
Pussy Riot: Punkerinnen vor Gericht

Bevölkerung: 142,958 Mio.

Fläche: 17.098.200 km²

Hauptstadt: Moskau

Staatsoberhaupt:
Wladimir Putin

Regierungschef: Dmitrij Medwedew

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Russland-Reiseseite