Urteil nach Roma-Morden in Ungarn "Sie haben unser Leben zerstört"

Mit harten Urteilen reagiert die ungarische Justiz auf die Mordserie an Roma. Erstmals räumt nun sogar die Regierung ein, dass die Behörden schlampig gearbeitet haben - und dass viele Fragen offen sind. Wie konnten die Rechtsradikalen über Jahre so ungehindert wüten?

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Manchmal, wenn Tibor Nagy und seine Kinder ein wenig Geld übrig haben, fahren sie zum Grab, rücken das Holzkreuz gerade, legen ein paar Blumen hin und stehend schweigend da. Das Grab ist ein Sandhaufen, das Holzkreuz verwittert langsam. Tibor Nagy und seine Kinder wünschen sich einen richtigen Grabstein für Éva Nagy, die Ehefrau und Mutter, sie wünschen sich etwas Würdiges. Aber sie haben kein Geld. Einmal wollte eine Nachbarin den Grabstein ihres exhumierten Mannes verkaufen. "Es hat dann doch nicht geklappt", sagt Krisztina Nagy, die älteste Tochter.

Éva Nagy wurde in der Nacht des 3. November 2008 im nordostungarischen Dorf Nagycsécs erschossen. Sie hatte vier Kinder und war 40 Jahre alt. Zuerst zündeten die Mörder das Haus der Familie Nagy mit Molotow-Cocktails an. Dann schossen sie mit Schrotflinten auf die Flüchtenden. Éva Nagy und ihr Schwager starben, Tibor Nagy, der Ehemann wurde schwer verletzt, nur die taubstumme Tochter blieb wie durch ein Wunder unversehrt. "Sie haben nicht nur unsere Mutter ermordet, sie haben auch unser Leben zerstört", sagt Krisztina Nagy, die älteste Tochter, mit gebrochener Stimme. "Und nur weil wir Zigeuner sind."

Nagycsécs war in der Nacht des 3. November 2008 der erste Ort einer grausamen Mordserie, die sich gegen Roma richtete: Ungarische Rechtsterroristen brachten 2008 und 2009 sechs Roma um, darunter einen vierjährigen Jungen, und verletzten 55 Menschen, ebenfalls fast alle Roma, zum Teil lebensgefährlich. Erst nach zahlreichen Ermittlungspannen ungarischer Behörden wurden die Täter im August 2009 gefasst.

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Roma-Morde in Ungarn: Die Trauer der Hinterbliebenen
Nach fast zweieinhalb Jahren Prozessdauer fiel jetzt das erstinstanzliche Gerichtsurteil gegen die "Roma-Mörder": Drei der Angeklagten, die Brüder Árpád und István Kiss sowie Zsolt Petö, erhielten lebenslängliche Freiheitsstrafen, wobei sie einer neuen ungarischen Strafrechtsbestimmung zufolge tatsächlich lebenslang im Gefängnis bleiben müssen. Das Urteil ist nicht rechtskräftig, die Anwälte der drei Verurteilten haben Berufung angekündigt. Der vierte Angeklagte, István Csontos, der bei zwei Morden Chauffeur gewesen war, bekam 13 Jahre Haft.

Frage nach der politischen Motivation weitgehend ausgeklammert

"Die Strafen sind sehr schwer, und das ist den Taten angemessen", bewertet der langjährige Prozessbeobachter und Roma-Bürgerrechtsaktivist Aladár Horváth die Urteile. "Leider wurden sie nur für schlichten Mord aus niederen Beweggründen verhängt. In der Anklageschrift stand, dass die Mörder einen Bürgerkrieg entfachen wollten. Sie hätten wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und wegen Terrorismus mit dem Ziel des Völkermords angeklagt werden müssen." Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE kritisiert Horváth außerdem, dass die Prozessinfrastruktur "drittrangig" gewesen sei und dass das Gericht die Frage nach der politischen Motivation der Anklagten wie auch der Mitverantwortung der Behörden durch Ermittlungspannen weitgehend ausgeklammert habe. Lesen Sie hier das ganze Interview.

Nachdem der Prozess in den vergangenen beiden Jahren nur wenig Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erregte und nur von wenigen Medien konstant begleitet worden war, herrschte anlässlich der Urteilsverkündung großer Andrang vor dem Gebäude des Gerichts im Budapester Stadtteil Zugló. Neben zahlreichen Journalisten waren auch viele Opfer der Anschläge und Angehörige der Ermordeten erschienen, außerdem Roma-Aktivisten und rechtsextreme Sympathisanten der Verurteilten. Teilweise kam es zwischen ihnen zu Rangeleien beim Einlass in den kleinen, völlig überfüllten Gerichtssaal. Die Angeklagten vernahmen die Verlesung des Urteils mit reglosen Gesichtern. Nachdem der Vorsitzende Richter László Miszori die Urteilsbegründung verlesen hatte, verließen die beiden verurteilten Brüder Árpád und István Kiss auf eigenen Wunsch den Gerichtssaal.

Nach Bekanntwerden des Urteils äußerte sich erstmals auch ein prominentes Mitglied der Regierung von Ministerpräsident Viktor Orbán zu dem Prozess und dem Urteil. In einer schriftlichen Stellungnahme schrieb der Minister für Personalfragen, Zoltán Balog, er hoffe, dass das Urteil gegen die Angeklagten in der zweiten Instanz bestätigt werde. Die Regierung werde es nicht dulden, wenn in Ungarn ethnische oder kulturelle gesellschaftliche Gruppen unter Druck gesetzt würden. Balog räumte in einem Nebensatz auch ein, dass es "leider nicht gelungen sei, die ganze Wahrheit aufzudecken".

"Die Ermittlungen waren auf allen Ebenen schlampig"

Es ist das erste derartige Eingeständnis eines ungarischen Regierungsmitglieds seit Beginn der Mordserie 2008. Damals amtierte eine sozialistisch-liberale Koalition, die zahlreiche Ermittlungspannen zu verantworten hat. Dabei gibt es zahlreiche Parallelen zum NSU und seinen Morden: So wurden etwa zwei der ungarischen Rechtsterroristen geheimdienstlich beobachtet, ihre Überwachung jedoch kurz vor Beginn der Mordserie eingestellt. Der vierte Angeklagte, István Csontos, war noch während der Mordserie Informant des Militärgeheimdiensts. Erst nach mehreren Anschlägen und nach den ersten beiden Morden wurden die Ermittlungen zentralisiert. Mehr noch: DNA-Spuren beweisen, dass bei einem Raubüberfall, bei dem Waffen erbeutet wurden, und bei einem Mord noch zwei weitere Täter anwesend waren - sie sind bis heute frei, und es wird aus Gründen der nationalen Sicherheit geheim gehalten, ob Ermittler nach ihnen fahnden.

Der ehemalige liberale Parlamentsabgeordnete József Gulyás, der 2009/2010 Mitglied einer parlamentarischen Untersuchungskommission zu den Morden war, erhebt deshalb schwere Vorwürfe gegen die ungarischen Behörden. "Die Ermittlungen waren auf allen Ebenen schlampig, von der Arbeit an den Tatorten bis hin zur Zusammenarbeit untereinander", sagt Gulyás. "Ich glaube allerdings nicht an eine Verschwörung des Staates. Die Roma und ihre Angelegenheiten werden von den Behörden einfach als zweitrangig behandelt, und jetzt möchte auch die Orbán-Regierung das Ganze schnell hinter sich bringen."

Tibor Nagy, dessen Frau die Mörder mit Schrotflinten erschossen, als sie aus dem brennenden Haus in Nagycsécs stürzte, findet das harte Urteil gegen die Täter gerecht. "Sie haben es verdient", sagt er. "Aber es hilft uns auch nicht mehr." Tibor Nagy ist krank geworden über den Kummer, er bekommt umgerechnet 90 Euro Invalidenrente im Monat.

Er fragt sich bis heute, was die Mörder für Menschen sind. Er hat seine Frau sehr geliebt. Er hofft, dass er ihr eines Tages einen Grabstein schenken kann.

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