Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

US-Abwehrsystem: Russland feiert Raketenschild-Stopp

Der Kreml triumphiert. In Moskau bejubeln Politiker den Stopp für den geplanten US-Raketenschild in Osteuropa. Der Kurswechsel der Regierung Obama sei eine "Folge der kompromisslosen Haltung Russlands".

Moskau/Washington - In Russland ist der Verzicht der USA auf das geplante US-Raketenabwehrsystem in Osteuropa mit Genugtuung aufgenommen worden. "Das ist eine logische Folge der kompromisslosen Haltung Russlands", sagte der außenpolitische Sprecher des Föderationsrates in Moskau, Michail Margelow, am Donnerstag nach Angaben der Agentur Interfax. Ähnlich äußerte sich der Vorsitzende des außenpolitischen Ausschusses der Staatsduma, Konstantin Kossatschow: "Das ist ein Hinweis, dass US-Präsident Barack Obama unsere Befürchtungen ernster nimmt als sein Vorgänger George W. Bush." Von Präsident Dmitrij Medwedew und Regierungschef Wladimir Putin gab es zunächst keinen Kommentar.

Ein ranghoher russischer Militärdiplomat, der namentlich nicht genannt werden wollte, sagte, ein Verzicht gebe Russland und den USA nun mehr Spielraum bei den aktuellen Abrüstungsverhandlungen. Der kremlnahe Politologe Sergej Markow erinnerte daran, dass das US- Raketenabwehrprojekt auch innerhalb der Nato umstritten sei. "Vermutlich wollen die USA mit einem Verzicht diese Spaltung der Allianz überwinden", sagte Markow. Alexander Pikajew vom Moskauer Institut für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen sagte der Staatsagentur Ria Nowosti, die Entscheidung trage "bedeutend zur Entspannung der russisch-amerikanischen Beziehungen" bei. "Das lässt auf eine Fortsetzung des Dialogs über europäische Sicherheit hoffen."

Russland hatte die geplante US-Radaranlage in Tschechien und die in Polen vorgesehenen Raketensilos stets als Provokation und Bedrohung seiner Sicherheit bezeichnet. Kremlchef Medwedew hatte angekündigt, im Gegenzug Kurzstreckenraketen im Raum Kaliningrad um die frühere Stadt Königsberg nahe der polnischen Grenze zu stationieren.

Pentagon spricht von Änderungen im Abwehrsystem

Das US-Verteidigungsministerium hat Berichte, wonach US-Präsident Obama das Raketenabwehrprojekt auf Eis legt, bestätigt. Das Pentagon kündigte eine "umfassende Anpassung" der Pläne für eine Raketenabwehr in Osteuropa an. Pentagon-Sprecher Geoff Morrell sagte wenig später, die ursprünglichen Pläne würden geändert, um die USA und die europäischen Verbündeten besser gegen iranische Raketenangriffe zu schützen. Der Sprecher bestätigte Medienberichte, wonach die Bedrohung durch iranische Langstreckenraketen nicht mehr als so hoch eingeschätzt werde wie zur Zeit, als Obama-Vorgänger George W. Bush die Pläne für den Raketenschild entwickelte. Präsident Obama will am Nachmittag in Washington vor die Presse treten. Zuvor hatte der tschechische Ministerpräsident Jan Fischer erklärt, US-Präsident Barack Obama habe ihn über ein Aus des geplanten Raketenschildes informiert.

Über den vorläufigen Stopp des geplanten Raketenabwehrschilds berichtete zuerst das "Wall Street Journal". Unter Berufung auf Vertrauensleute aus dem Obama-Umfeld und aus der Vorgängerregierung unter Präsident George W. Bush schrieb das Blatt, für den vorläufigen Stopp der Abwehrpläne sei eine Neubewertung der Bedrohung durch Iran ausschlaggebend. Teheran habe sein Programm zur Entwicklung von Langstreckenraketen "nicht so schnell wie angenommen" vorangetrieben, hieß es. Beobachter werten den neuen Ansatz Obamas auch als Versuch der USA, die Unterstützung Russlands für neue Sanktionen gegen Iran und im Afghanistan-Krieg zu gewinnen.

Wut auf USA in Polen

Unterdessen wächst in Osteuropa die Sorge, dass eine Annäherung von Amerika und Russland auf Kosten der US-Verbündeten im ehemaligen Ostblock gehen könnte. Das "Wall Street Journal" zitiert einen US-Militär mit den Worten: "Die Polen sind nervös."

SPIEGEL ONLINE zeigt das geplante US-Raketensystem für Osteuropa. Klicken Sie auf das Bild, um die interaktive Grafik zu starten:

Der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski hat für Zurückhaltung bei der Bewertung des US-Standpunktes zum Verzicht auf das Raketenabwehrsystem plädiert. Polen werde erst nach der offiziellen Verkündung durch Präsident Barack Obama die amerikanische Entscheidung kommentieren, sagte der Minister am Donnerstag vor Journalisten in Warschau. Das habe er mit der US-Seite vereinbart. Polen stehe im "intensiven Dialog" mit den USA über die Raketenabwehr. Das Treffen mit der US-Delegation am Vormittag sei ein "Element dieses Dialogs" gewesen.

Der ehemalige polnische Staatspräsident Lech Walesa äußerte sich tief enttäuscht über die neuen Pläne der amerikanischen Regierung. "Die Amerikaner haben sich immer nur um ihre Interessen gekümmert und alle anderen ausgenutzt", sagte Walesa dem Fernsehsender TVN24. Die Polen müssten nun ihre Sicht auf Amerika überprüfen und mehr an ihre Interessen denken. Er habe eine solche Entwicklung erwartet, betonte Walesa.

Diesen Artikel...
Forum - Bushs Erbe - wie soll Obama damit umgehen?
insgesamt 1397 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
geomik, 13.07.2009
Zitat von sysopVerborgene CIA-Programme, Folterpraktiken, Guantanamo - US-Präsident Obama hat schwer mit dem politischen Erbe seines Vorgängers Bush zu kämpfen. Wie soll er damit umgehen?
Wie es sich für einen ordentlichen demokratischen Rechtsstaat gehört, gehören alle Betroffenen vor ein ordentliches Gericht, egal ob Präsident oder Vize! Nur wird das nie geschehen.
2. Offenheit, oder was macht man mit seinem Vorgänger?
Hubert Rudnick, 13.07.2009
Zitat von sysopVerborgene CIA-Programme, Folterpraktiken, Guantanamo - US-Präsident Obama hat schwer mit dem politischen Erbe seines Vorgängers Bush zu kämpfen. Wie soll er damit umgehen?
--------------------------------------------------------- Wenn der Präsident Obama ein offerener und aufrichtiger Mann sein will, dann müßte er auch die Politik seines Vorgängers und all die widerlichen Dinge mal anpacken die die USA in einem so schlechtem Licht in der Welt gerückt haben. Aber kann er das wirklich, oder ist er nicht auch an vielen Beschlüssen gebunden, die immer die Politiker schützt? Da aber der Präsident auch die gegeneriche Partei für die Durchsetzung seiner Ziele benötigt, so glaube ich nicht, dass er alles aufdecken und die entsprechenden Leute zur Verantwortung ziehen könne. Und vielleicht denkt er ja auch dabei an all die Dinge die er vielleicht mal durchsetzen möchte und die auch nicht immer so ganz moralisch sauber sein könnten. Für die Bürger dser USA und der geamten Welt wäre es schon mal richtig, wenn sich auch Präsidenten und ihre Handlanger für ihre verfehlte Politik und Schandtaten zu verantworten hätten. Hubert Rudnick
3. Aufklärung täte Not, um Legendenbildung und Verschwörungstheorien entgegen zu wirken
dionysia 13.07.2009
Zitat von sysopVerborgene CIA-Programme, Folterpraktiken, Guantanamo - US-Präsident Obama hat schwer mit dem politischen Erbe seines Vorgängers Bush zu kämpfen. Wie soll er damit umgehen?
Es wäre vielleicht wirklich mal ganz vernünftig, eine unabhängige Kommission des Kongresses, Licht in all diese vermeintlichen Dinge bringen zu lassen. Die jüngsten Vorwürfe einschlägiger US-Zeitungen bzgl. eines geheimen Geheimauftrags des CIA scheinen ja eher einem Verschwörungstheorie-Hollywood-Schinken eines Oliver Stone entnommen als irgendwie fundiert. Ich denke aber nicht, dass Obama wirklich an Aufklärung interessiert ist, weil das sein selbstentworfenes Bild von sich als Retter von der pitter pösen Bush-Administration zerstören könnte, wenn sich alle diese Vorwürfe am Ende als völlig haltlos heraus stellen.
4. Menschenrechtsverachtung in höchstem Maße!
Der Forkenhändler 13.07.2009
Cheney und Busch gehören vor ein Militärtribunal.
5. ein Zeichen setzen
RogerT 13.07.2009
Er könnte ein Zeichen setzen und bei beweisbaren Vorwürfen, wo Bush gegen geltendes (Menschen)Recht verstoßen hat, den ehemaligen Präsidenten offiziell anklagen - falls so etwas überhaupt möglich ist.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Die US-Raketenabwehr
Das System
AP
Die geplante Raketenabwehr der USA (Ground-Based Missile Defense, kurz GMD) umfasst die Erfassung, Verfolgung und Zerstörung anfliegender Raketen. Die Wurzeln des Programms reichen zurück bis in die fünfziger und sechziger Jahre, als das US-Militär erste Abfangsysteme gegen anfliegende ballistische Raketen entwickelte. Die ersten Versionen ("Project Nike") besaßen eigene Nuklearsprengköpfe, da sie nicht in der Lage waren, eine feindliche Rakete zu rammen. Die Bemühungen während des Kalten Krieges gipfelten in der von Präsident Ronald Reagan initiierten "Strategic Defense Initiative" (SDI), die auch als "Krieg der Sterne" bekannt und verspottet wurde.

Ursprünglich hat sich die Raketenabwehr ausschließlich gegen nukleare Interkontinentalraketen gerichtet, umfasst aber inzwischen auch Abwehrmaßnahmen gegen Kurz- und Mittelstreckenraketen. Ballistische Raketen, das Hauptziel des Abwehrsystems, sollen entweder in der Startphase, im All oder kurz nach dem Wiedereintritt in die Atmosphäre abgefangen werden.
Raketen-Flugphasen
Boost-Phase: Während der Antrieb der Rakete feuert, bietet das Geschoss ein relativ leichtes Ziel, da es von Infrarotsensoren zu erkennen ist, noch relativ langsam fliegt und keine Täuschkörper einsetzen kann. Allerdings dauert die Boost-Phase normalerweise nur drei Minuten. Für einen Treffer müsste die Abfangrakete sich nahe des Startorts befinden. Eine weitere Variante ist der Abschuss mit dem "Airborne Laser", einem Hochenergie-Laser an Bord eines Flugzeugs, der sich allerdings ebenfalls nahe am Abschussort aufhalten müsste.

Mittlere Flugphase: Nachdem der Antrieb ausgebrannt ist, fliegt die Rakete mehrere Minuten lang antriebslos durchs All. "Kill Vehicles" sollen die Rakete rammen, was allerdings schwierig ist, da das feindliche Geschoss nun mit rund 25.000 km/h unterwegs ist. Außerdem setzen moderne Gefechtsköpfe in dieser Phase Köder ("Decoys") aus - etwa metallbeschichtete Ballons, die auch in ihrer Form dem echten Sprengkopf ähneln.

Endphase: Sie beginnt, wenn das Geschoss wieder in die Atmosphäre eintritt. Der Vorteil eines Abschusses in dieser Phase ist, dass die Abfangraketen kleiner und leichter sein können als in der mittleren Flugphase und die Köderballons verschwunden sind. Allerdings hat die Atomwaffe zu diesem Zeitpunkt ihr Ziel fast erreicht, zum Abschuss bleiben nur noch Sekunden. Zudem könnte das Zielgebiet von herabfallendem radioaktiven Material verseucht werden.
Kritik
Zahlreiche Experten glauben, dass eine sichere Abwehr ballistischer Raketen prinzipiell nicht möglich ist, da der potentielle Angreifer immer einen Schritt voraus ist: Schon technisch einfache Gegenmaßnahmen wie Täuschkörper, etwa in Form aluminiumbeschichteter Ballons, oder eine höhere Zahl angreifender Raketen können das Abwehrsystem überwinden. Und im Fall eines nuklearen Angriffs hätte schon ein einzelner nicht abgefangener Sprengkopf katastrophale Folgen. Eine ballistische Rakete im All abzufangen, wird auch als der Versuch bezeichnet, "eine Kugel mit einer Kugel zu treffen". Die technische Kontroverse gipfelt in einem Bericht der American Physical Society, der die Machbarkeit eines funktionieren Abwehrsystems in Frage stellt.

Ein weiteres Argument gegen die Raketenabwehr ist, dass sie das in Jahrzehnten austarierte atomare Gleichgewicht zwischen Russland und den USA aushebeln könnte. Zudem könnten Atombomben auch auf Wegen in die USA gelangen, die kein Raketenabwehrsystem blockieren könnte - etwa auf Schiffen oder auf dem Landweg.

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: