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US-Abzug aus dem Irak: "Die Tore zur Hölle stehen weit offen"

Von Ulrike Putz, Beirut

Die letzten US-Kampftruppen ziehen noch schneller aus dem Irak ab als geplant - und hinterlassen ein zerrüttetes Land: jeden Tag Anschläge, eine machtgierige politische Elite, aber keine Regierung. Beobachter rechnen mit dem Ausbruch eines neuen Bürgerkriegs.

Irak: Ein Land am Rande des Abgrunds Fotos
AP

Sieben Jahre und fünf Monate ist her. Damals fuhren die Panzer in die entgegengesetzte Richtung: Symbolträchtige Bilder zeigten 2003 die amerikanische Übermacht, wie sie von der kuwaitischen Grenze aus mit ihren Panzern in die irakische Wüste rollte und von da aus Richtung Bagdad. Nun also geht es raus aus dem Irak.

Radpanzer der 4. Stryker-Brigade der 2. Infanteriedivision passierten am Donnerstag im ersten Morgengrauen hupend den Grenzübergang Chabari und stellten ihre Panzer im Flutlicht der TV-Sender auf einem Parkplatz ab. Colonel Darron Wright gönnte sich eine Zigarre, nachdem er seine Brigade aus dem Irak gebracht hatte. Der Krieg ist für sie zu Ende. Begonnen hatte er am 20. März 2003. Seit damals war die Brigade an den schwersten Gefechten des Irak-Krieges beteiligt und in den gefährlichsten Regionen stationiert.

Die Soldaten, die am Morgen abgezogen sind, gehören zu den letzten US-Kampftruppen, die den Irak verlassen - 14 Tage früher als geplant. Offiziell will das so niemand sagen. Ein Regierungssprecher dementierte Meldungen über den Komplettabzug der Kampftruppen - 6000 Soldaten müssten das Land noch in den kommenden zwei Wochen verlassen. Aber eigentlich ist allen klar, dass der Einsatz vorbei ist. Aus dem Weißen Haus hieß es, diese Art des Abzugs habe mit Sicherheitsgründen zu tun.

50.000 Mann bleiben im Land

Von den zu Spitzenzeiten mehr als 160.000 im Zweistromland stationierten US-Amerikanern bleiben allerdings immer noch 50.000 Mann im Land - aber dabei handelt es sich nicht mehr um Kampftruppen, es sind Berater und Ausbilder. Bis Ende 2011 sollen auch sie abgezogen werden.

Im Irak selbst ist man sich längst nicht mehr sicher, ob man die wiedergewonnene Souveränität wirklich bejubeln soll. Es geht vielmehr die Angst um - darüber, was kommen wird, wenn die Besatzer komplett abgezogen sind. Noch vergangene Woche meldete sogar der ranghöchste General des Irak, Babakir Zebari, Zweifel an, dass seine Männer der ihnen nun zufallenden Aufgabe gewachsen sind. "Ich würde den Politikern sagen: Die US-Armee muss bleiben", sagte Zebari, "bis die irakische Armee im Jahr 2020 vollends bereit ist."

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18  Bilder
US-Abzug: Bye-bye Irak
Welche unkalkulierbaren Gefahren noch immer drohen, zeigte der verheerende Selbstmordanschlag vom Dienstag dieser Woche: Etwa tausend Männer hatten sich schon früh am Morgen vor dem Verwaltungsgebäude der Armee in Bagdad versammelt, um sich um einen der lukrativen Jobs beim irakischen Militär zu bewerben. 500 Dollar im Monat erhalten Uniformträger - für irakische Verhältnisse ein Spitzenverdienst.

Gegen 7 Uhr trat ein Brigadegeneral vor das Gebäude. Er begann, Antragsformulare einzusammeln, ein Mann drängte sich nach vorn. Als er die Spitze der Schlange erreicht hatte, zündete er die an seinem Körper befestigten Sprengladungen. Mehr als 60 Menschen wurden in den Tod gerissen, unter ihnen auch der General. Mehr als hundert Rekruten wurden verletzt. Der Platz am alten Busbahnhof sei mit abgerissenen Gliedmaßen übersät gewesen, berichteten Zeugen später.

Der tödliche Anschlag von Bagdad wirft eine Reihe Fragen auf:

  • Wie konnte es sein, dass der Attentäter in den schwerbewachten Eingangsbereich vordringen konnte?
  • Ist die irakische Armee nicht fähig, die Sicherheit ihrer eigenen Hauptquartiere zu garantieren?
  • Wie soll sie die Stadt schützen, wenn erst die US-Kampftruppen abgezogen sind?

Bill Burton, Sprecher des Weißen Hauses, wiederholte stoisch die Standardantwort auf solche Fragen: Der Irak werde sich auch durch Attentate nicht vom Weg zur Demokratie abbringen lassen.

Wirklich nicht?

Die Terroristen im Irak haben die vergangenen Wochen genutzt, den Abzug der Amerikaner mit einem Crescendo von Anschlägen zu begleiten. Fast täglich schlagen Selbstmordattentäter zu. Opfer sind oftmals die irakischen Sicherheitskräfte oder die Verkehrspolizei - Symbole der verhassten Staatsmacht.

Nach irakischen Angaben soll der Juli der blutigste Monat seit zwei Jahren gewesen sein. Nach Zählung der BBC starben im Juli 535 Iraker einen gewaltsamen Tod - eine Zahl, die US-Militärs allerdings bestreiten. Armeesprecher Stephen Lanza beschwerte sich jüngst bei dem britischen Sender, die Zahlen seien stark übertrieben. In Wahrheit seien nur 222 Menschen gestorben. Der Protest klingt eher nach einem PR-Gefecht: Was sagt es über einen Besatzer aus, wenn er ein Land in einem solchen Chaos hinterlässt?

Die USA ziehen ab aus einem Land ohne Regierung

Die Drahtzieher der jüngsten Bombenserie wollen den Irak in einem Moment der doppelten Schwäche treffen: Einerseits ziehen sich die USA weiter zurück, andererseits hat das Land fünf Monate nach den jüngsten Parlamentswahlen noch immer keine Regierung. Koalitionsverhandlungen sind ein ums andere Mal gescheitert. Zuletzt hatte das Bündnis "Irakija" des früheren Ministerpräsidenten Ijad Alawi am Montag die Koalitionsverhandlungen mit der Rechtsstaatsallianz des amtierenden Regierungschef Nuri al-Maliki abgebrochen.

Damit ist der Plan der Amerikaner gescheitert, den Irak in halbwegs geordneten Verhältnissen zurückzulassen: Washington hatte in den vergangenen Monaten zunehmend Druck auf die irakische Führung ausgeübt, noch vor dem Truppenabzug eine Regierung zu bilden. Danach sollte Maliki im Amt bleiben, Alawi für alle Sicherheitsfragen zuständig sein. Zuletzt war vergangene Woche Jeffrey Feltman, im US-Außenministerium zuständig für Nahost-Angelegenheiten, nach Bagdad gereist, um in Gesprächen mit den höchsten irakischen Politikern auf einen solchen Kompromiss zu drängen - vergeblich.

Das politische Vakuum stellt nach Ansicht von Experten die bislang größte Gefahr für den Frieden im Irak dar. "Ich war 2004 besorgt, 2005 besorgt, jedes Jahr bis 2009 habe ich mir Sorgen um den Irak gemacht", sagt Faleh Abdul-Jabbar, Direktor des Zentrums für Irak-Studien im libanesischen Beirut. "Aber noch nie habe ich so schwarz gesehen wie für das Jahr 2010. Die Tore zur Hölle stehen weit offen."

Marina Ottaway, Direktorin der Nahost-Abteilung des Carnegie Forschungszentrums, nannte das Ringen um eine politische Einigung im Irak jüngst die "wahrlich größte Herausforderung", der sich das Land je habe stellen müssen. "Die Gewalt ist auf dem Vormarsch", warnte Ottaway in einer Anfang August veröffentlichten Studie.

Steht der Irak vor einem neuen Bürgerkrieg?

Zentrales Hindernis für eine Regierungsbildung sei - vereinfacht gesagt - die Spaltung des Irak zwischen den Glaubensrichtungen der Schiiten und der Sunniten, sagt Abdul-Jabbar. Sollte der Schiit Maliki sich mit den anderen Schiiten-Parteien zusammentun, sei "Bürgerkrieg garantiert", weil die Sunniten eine rein schiitische Regierung nicht akzeptieren würden, so der irakische Analyst. Täte sich Maliki hingegen mit den säkularen und sunnitischen Gruppierungen zusammen, sei mit gewaltsamen Protesten der Schiiten zu rechnen. "In jedem Fall wird die Gewalt stark zunehmen", prophezeit Abdul-Jabbar.

Grund für die anhaltende Misere sei der irakische Politikstil, der sich seit der Diktatur nicht geändert habe, erklärt Abdul-Jabbar: "Die Elite versucht, so viel Macht an sich zu reißen, wie sie nur kann." Ministerpräsident Maliki zum Beispiel habe ein autokratisches Regime geschaffen, in dem selbst unwichtige Entscheidungen von ihm persönlich gefällt würden. "Mögliche Koalitionspartner werden dadurch abgeschreckt. Sie haben den Eindruck, nur auf dem Papier an der Macht beteiligt zu werden."

Einziger Ausweg sei eine grundlegende Reform, sagt Abdul-Jabbar. Die Macht müsse dezentralisiert werden, Ministerräte und Kabinettsausschüsse in Entscheidungsprozesse miteinbezogen werden. Vertreter aller wichtigen politische Parteien des Landes hätten sich seine Verbesserungsvorschläge interessiert angehört, sagt der Politikwissenschaftler. Dass sie umgesetzt werden, bezweifelt er stark. "Dazu müsste schon ein größeres Wunder geschehen", sagt Abdul-Jabbar. "Ich fürchte, wir sind auf dem Weg zurück in den Bürgerkrieg."

Wie um diese düstere Prognose zu bestätigen, folgte am Mittwoch der nächste Beweis, wie heikel die Lage in Bagdad ist: Wachmänner entdeckten vor dem Zivilgericht in Tikrit zwei Bomben. Das Gebäude wurde sofort evakuiert, doch einer der Sprengsätze explodierte, bevor sich alle Menschen in Sicherheit bringen konnten. Zwei Wachmänner starben.

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Fläche: 434.128 km²

Bevölkerung: 37,548 Mio.

Hauptstadt: Bagdad

Staatsoberhaupt: Fuad Masum

Regierungschef: Haidar al-Abadi

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