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US-Armee: Anzahl der Suizid-Versuche hat sich seit Irak-Krieg versechsfacht

Viele erschießen sich mit der eigenen Waffe: Gut fünf Jahre nach Beginn des Irak-Krieges hat das Suizid-Problem der amerikanischen Armee erschreckende Dimensionen erreicht. Die psychologische Betreuung demoralisierter Soldaten reicht nicht aus - Politiker wollen nun gegensteuern.

Hamburg - Elspeth Cameron-Ritchie, Psychiaterin bei der US-Armee, bringt das Problem auf den Punkt: "Die Zahl der Selbstmordversuche steigt und ist schon im Verlauf der vergangenen fünf Jahre gestiegen", sagte sie der Nachrichtenseite CNN.com.

US-Soldaten in Bagdad: "Sie brauchen Psychiater und Psychologen"
REUTERS

US-Soldaten in Bagdad: "Sie brauchen Psychiater und Psychologen"

Die traurige Statistik: Im Jahr 2007 versuchten offiziellen Daten zufolge 2100 US-Militärangehörige, sich das Leben zu nehmen - im Schnitt waren das rund fünf Suizid-Versuche pro Tag. Im Jahr 2002, dem letzten vollen Jahr vor Beginn des Irak-Krieges, lag die Vergleichszahl noch bei 350 versuchten Suiziden.

Armee-Statistiken zufolge sind es zumeist Angehörige der Infanterie, die versuchen, ihr eigenes Leben zu beenden - typischerweise mit einer Schusswaffe. Nach offiziellen Daten starben 2007 insgesamt 89 Soldaten durch Suizid. Weitere 32 Fälle werden von den Armee-Statistikern als "möglicher Suizid" gewertet. Schon 2006 hatten insgesamt 102 US-Army-Angehörige Selbstmord begangen, 2005 waren es 87, meldet CNN.com.

Als Ursachen für das Ansteigen der Selbstmordrate gelten die lange Dauer der Militäreinsätze in Kampfgebieten wie Irak und Afghanistan und die oft nur kurzen Phasen von Regeneration zwischen den Einsätzen. Auch das sogenannte posttraumatische Stress-Syndrom (PTSS) bei zurückgekehrten Soldaten wird als Faktor genannt.

Hotlines allein reichen nicht

Der häufigste direkte Anlass für einen Selbstmordversuch seien aber Partnerschaftsprobleme, sagte Psychiaterin Cameron-Ritchie. "Die Leute blicken auf PTSS, auf die Länge der Einsätze - aber entscheidend sind zerbrochene Beziehungen", stimmt ihr der Armee-Pastor Ran Dollinger zu. Klar aber ist auch: Oft ist es die lange Dauer der Militäreinsätze, die entscheidend zur Zerrüttung von den Partnerschaften der Soldaten beiträgt.

Im US-Kongress hat inzwischen eine Debatte über die Selbstmordraten und mögliche Gegenstategien begonnen. Jim Webb, demokratischer Senator aus Virginia, brachte am Donnerstag einen Gesetzentwurf ein, um die Selbstmordprävention der Armee zu verbessern.

Seine Parteikollegin Patty Murray aus Washington wies darauf hin, dass die im Kriegsverlauf bereits erhöhten Geldmittel für die Soldatenbetreuung immer noch nicht ausreichten. Sie wisse von Fällen, in denen Hilfesuchenden nur die Nummer einer kostenlosen Telefonhotline genannt wurde. "Viele Soldaten brauchen eine reale Person, mit der sie reden können. Und sie brauchen Psychiater und Psychologen", unterstrich Murray.

Die Selbstmordrate innerhalb der US-Armee lag zuletzt allerdings immer noch leicht unter dem gesellschaftlichen Durchschnitt. Im Jahr 2006 starben 17,5 von 100.000 Armee-Angehörigen durch eigene Hand. Der Vergleichswert für die amerikanische Gesamtbevölkerung liegt laut CNN.com noch etwas höher.

itz

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. was für ein seltsames foren thema..
Fabian G, 03.02.2008
Zitat von sysopViele erschießen sich mit der eigenen Waffe: Gut fünf Jahre nach Beginn des Irak-Krieges hat das Suizid-Problem der amerikanischen Armee erschreckende Dimensionen erreicht. Die psychologische Betreuung demoralisierter Soldaten reicht nicht aus - Politiker wollen nun gegensteuern. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,532842,00.html
ich bin gespannt wieviele hämische und gehässige kommentare hier nun im forum aus der ecke "achse der gutmenschen" kommen werden.
2. Unrecht fuehrt zu Selbstmord
Gandhi, 03.02.2008
Und wenn man bedenkt, dass es sich hier nicht um Wehrpflichtige handelt sondern um Freiwillige, dann wird das Ganze nur noch schlimmer. Seit 25 Jahren war die Selbstmordrate nicht so hoch. Es ist ja nicht nur, dass Krieg und Besatzung generell schlimm sind, noch schlimmer wird es durch die rules of engagement, die das Toeten legitimieren sollen, inklusive des Toetens von unbewaffneten Zivilisten. Da sollte es niemanden wundern, dass viele trotz all der Indoktrination nicht mit ihrer "Mission" fertig werden. Es ist eben ein Unterschied, ob man sich gegen einen Feind wehrt, der einen angegriffen hat, oder ob man von den eigenen Machthabern missbraucht wird unter falschen Vorwaenden, um vom amerikanische Imperium (PNAC) zu traeumen.
3. das auch schon nach dem 2WK so gewesen
kleiner-moritz 03.02.2008
Zitat von sysopViele erschießen sich mit der eigenen Waffe: Gut fünf Jahre nach Beginn des Irak-Krieges hat das Suizid-Problem der amerikanischen Armee erschreckende Dimensionen erreicht. Die psychologische Betreuung demoralisierter Soldaten reicht nicht aus - Politiker wollen nun gegensteuern. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,532842,00.html
Das ist ja wohl das Mindeste! Ich hoffe auch, dass sich mal die Damen und Herren Alt-68 beim Lesen daran erinnern, wie es ihren Vätern damals erging, denen man allenfalls ein Pflaster auf die Wunden klebte! Krieg ist im Grunde immer unmenschlich, weil er der gesunden Psyche ein diametrales Handeln abverlangt, was nicht ohne Folgen bleiben kann!
4. Wie war es denn in Vietnam?
Hador, 03.02.2008
Die Zahlen sind schockierend, keine Frage, ABER: Die eigentlich Frage ist doch nicht wie hoch die Anzahl der versuchten Selbstmorde direkt VOR dem Krieg war sondern wie hoch die Selbstmordrate in Armeen WÄHREND früherer Kriege war. Ich meine es ist doch völlig klar, dass die Anzahl der Selbstmordversuche unter Soldaten in Friedenszeiten deutlich geringer ist als während eines Krieges. Das alleine heißt erstmal gar nix. Gerade ein Krieg der so geführt wie der Krieg im Irak und in Afghanistan musste ja fast zwangsläufig dazu führen. Dies sind Kriege auf die die US Armee in keinster Weise vorbereitet waren und die extreme Belastungen verursachen, physisch und psychisch.
5. Man kann, nicht alle Selbstmorde verhindern, aber...
AlexZ, 03.02.2008
... in der WamS stand heute ein Zitat von Clausewitz (sinngemäß aus dem Gedächtnis): Die Politik muss die Ziele eines Krieges formulieren und die Mittel danach ausrichten oder den Krieg sein lassen. Die Politik der USA hat für den Irak die falschen Ziele formuliert und ihn schlecht vorbereitet. Nichts ist demoralisierender. Die Ziele und Mittel für den Afghanistan-Einsatz sind ebenfalls schwammig und wackelig. Es ist immer mehr ein Versagen der deutschen Politik. Sie gesteht sich gerade soviel Krieg zu, wie gerade nicht mehr zu leugnen ist. Das demoralisiert das Volk und die Bundeswehr. Was ist zu erreichen? Was ist wirklich zu tun?
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