US-Armee Mit Antidepressiva in den Krieg

Alarmierend viele US-Soldaten nehmen einer Studie zufolge während ihrer Einsätze im Irak und in Afghanistan täglich Antidepressiva. Die Medikamente könnten der Grund für die hohe Selbstmordrate in der Armee sein.


Sie erleben täglich unvorstellbar grausame Szenen - und dürfen doch niemals Gefühle zeigen: Zu allen Zeiten und in allen Regionen der Welt litten und leiden Soldaten an traumatischen Erlebnissen während ihrer Kriegseinsätze, doch gesprochen hat darüber über Generationen niemand. Das hat sich inzwischen geändert, es gibt Programme die traumatisierte Kriegsveteranen behandeln, die Symptome der posttraumatischen Stresskrankheit von Soldaten, kurz PTSD genannt, sind bekannt.

US-Soldaten im Irak: Antidepressiva gegen die Traumata
REUTERS

US-Soldaten im Irak: Antidepressiva gegen die Traumata

Alarmierend und neu ist dagegen die Tatsache, dass sich immer mehr US-Soldaten vorab mit Antidepressiva behandeln lassen, um die Kampfeinsätze überhaupt psychisch zu überstehen. Daten aus dem fünften "Mental Health Advisory Team"-Report der US-Armee belegen, dass etwa 12 Prozent der Truppen im Irak und 17 Prozent der US-Soldaten in Afghanistan sich vor und während ihrer Einsätze Antidepressiva oder starke Schlafmittel verschreiben lassen. Konkret sind das etwa 20.000 Soldaten, die in Afghanistan oder im Irak stationiert sind.

Das "Time"-Magazin widmet diesem Phänomen aktuell eine Titelgeschichte und konstatiert: "In Anbetracht des traditionellen Tabus, dass sich ein Soldat ärztliche Hilfe sucht, ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer derer, die Antidepressiva einnehmen, viel höher ist."

Soldaten unter Medikamenten- oder Drogeneinfluss gab es immer schon: George Washington orderte Rum-Rationen für seine Soldaten, im Zweiten Weltkrieg führten die Nazis ihren "Blitzkrieg" gegen Polen und Frankreich mit Hilfe eines Amphetamins namens Pervitin. Auch in der US-Armee waren Amphetamine während des Vietnam-Krieges üblich.

In gewisser Weise reflektiert der ansteigende Medikamentenkonsum in der Armee auch die enorme Verbreitung von Antidepressiva in der Zivilbevölkerung: Laut einer Marktstudie schrieben im Jahr 2004 amerikanische Ärzte 147 Millionen Rezepte für Antidepressiva aus.

Dennoch, der Preis den Soldaten für ihre Einsätze im Irak und in Afghanistan bezahlen, ist hoch: Laut einer Studie des Pentagons fühlen sich alle Soldaten während ihrer Stationierung im Kriegsgebiet gestresst, 70 Prozent finden danach aber wieder zurück in ein normales Leben. Immerhin 20 Prozent haben temporär psychische Beschwerden und 10 Prozent werden ernsthaft psychisch krank.

Die Frage, die sich Experten stellen, lautet: Welche Nebenwirkungen haben diese Medikamente? Und: Könnten Sie eventuell für die steigenden Selbstmordraten innerhalb der Armee verantwortlich sein?

Während sich zwischen dem Kriegsbeginn im Irak und in Afghanistan bis zum Jahr 2007 insgesamt 115 Soldaten umgebracht haben, ist die Selbstmordrate inzwischen doppelt so hoch wie 2001. Mindestens 115 Soldaten töteten sich im vergangenen Jahr selbst, das ist die höchste Rate seit Beginn der Statistik 1980.

Alarmierend: Fast 40 Prozent der Selbstmörder zwischen 2006 und 2007 nahmen Psychopharmaka, vor allem Prozac und Zoloft. "Time" zitiert Joseph Glenmullen, Psychiatrie-Professor von der Harvard Medical School: "Der hohe Prozentsatz von US-Soldaten, die Selbstmord begehen, nachdem sie Psychopharmaka eingenommen haben, gibt Anlass zu ernsthaften Befürchtungen."

hoc



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