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US-Armee: Frauen an die Front

Eine Multimediareportage von und , Fort Stewart, Georgia

Kann eine Soldatin kämpfen wie ein Mann? Hat sie die Kraft, die Ausdauer? Die U.S. Army will Frauen ab 2016 auch in Kampftruppen einsetzen. In Georgia werden nun Fitnessgrenzen definiert, die für alle gelten sollen - egal welchen Geschlechts.

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Um der Gleichberechtigung von Frau und Mann zu dienen, hat Mike Murray eine ganze Maschinenhalle leerräumen lassen. Vorm Tor ruht der Fuhrpark, Jeeps und Panzer in Wüstensandgelb. Drinnen aber passiert was. Da trägt eine Soldatin Munitionsboxen von einem Ende der Halle zum anderen, insgesamt 28 Kästen, 20 Kilo das Stück. Fünfzehn Meter hin und her und her und hin.

Die Frau hat eine Atemmaske überm Gesicht, Sauerstoffverbrauch und die Frequenz ihres Herzschlags werden auf einem Monitor angezeigt. Es sind jetzt 142 Schläge pro Minute. Hin und her.

Am Rande steht wie ein Trainer in grünem Tarnfleck der Generalmajor Murray. Er hat zwei Sterne auf der Mütze und seine hier in Fort Stewart im tiefen US-Süden stationierte 3. Infanteriedivison eine lange Story: Im Ersten Weltkrieg haben sie in Frankreich gekämpft, im Zweiten sich unter höchsten Verlusten bis Deutschland durchgeschlagen, 2003 waren sie die Ersten im Irak.

Und wenn es nach Murray geht, dann schreiben seine Leute jetzt hier in Georgia wieder Geschichte: indem sie mithelfen, Soldatinnen den Weg in den Kampfeinsatz zu bahnen.

Im Video: "Mörser abzufeuern wäre toll"

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Im vergangenen Jahr hatte der damalige Verteidigungsminister Leon Panetta eine Regelung aufgehoben, die Frauen die Teilnahme an Kampfeinsätzen der Bodentruppen untersagte. O-Ton:

"Nicht alle haben das Zeug zum Frontsoldaten. Aber jeder verdient eine Chance."

Zwei Drittel der Amerikaner finden das laut Umfragen gut, in Nato-Partner-Ländern wie Deutschland ist das bereits möglich. Mehrfach schon hatten Frauen zuvor auf dem Rechtsweg versucht, das Verbot zu kippen, in der Air Force etwa dürfen sie ja seit den neunziger Jahren Kampfeinsätze fliegen.

Nun gilt: Bis Januar 2016 sollen auch in der Army schrittweise die Geschlechterbarrieren fallen, gut 230.000 neue Jobs werden den Frauen dann offenstehen.

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Nur noch in begründeten Ausnahmefällen soll die Armee dann Soldatinnen ablehnen dürfen, möglicherweise bei Eliteeinheiten wie den Rangers oder anderen Spezialtrupps. US-Verteidigungsminister Chuck Hagel will sicherstellen, "dass alle Armeeangehörigen die Standards erreichen, die in Kampfeinsätzen verlangt werden". Im Klartext: Es darf keinen Frauenbonus geben.

An diesem Punkt kommt der Generalmajor Murray mit seinen Leuten ins Spiel. Denn auf seiner Basis Fort Stewart in Georgia entwickeln sie die physischen Kriterien, nach denen Frauen mitmachen dürfen. Und das geht so: 89 Männer und 58 Frauen simulieren unter Beobachtung von Militärmedizinern genau jene Tätigkeiten, die Soldaten im Kampfeinsatz abverlangt werden: Munitionsboxen schleppen, Geschütze laden, Hindernisse überwinden, Verletzte bergen, Maschinengewehre auf Panzer montieren. Oder sich unter Beschuss vorwärtsbewegen.

Im Video: "Move under Fire!" - der Fitnesstest

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Am Ende, das ist die Idee, gibt es abstrakte Kennzahlen - Herzschlag, Sauerstoffverbrauch, Ausdauer - die jenseits des Geschlechts über die Verwendung bei der Army entscheiden. "Wir können ableiten, wie viel Ausdauer, wie viel Kraft ein Soldat benötigt", sagt Edward Zambraski von der "Military Performance Division", der die Tests leitet. Bisher mussten die meisten Aspiranten zwei Meilen laufen, ein paar Liegestützen und Sit-ups machen, fertig. Über die Leistungsfähigkeit im Ernstfall sagt das wenig bis nichts aus.

"Soldat 2020" nennt die Armee ihr neues Konzept. Nicht etwa "Frauen an die Front".

Offensichtlich soll die Frauenfrage nicht im Vordergrund stehen. Die Standards jedenfalls sollen keinesfalls gesenkt werden, heißt es. Nicht bei allen Truppenteilen kommt die Frauen-Ansage aus Washington gut an. Eine Umfrage unter männlichen Marines etwa ergab im vergangenen Jahr: Falls Frauen künftig mit ihnen an der Front kämpfen würden, erwägen 17 Prozent, den Dienst zu quittieren.

Wieder und wieder betonen sie in Fort Stewart, ihre Fitnesstests seien "genderneutral". Denn künftig sollen sie ja gleichermaßen auf Männer und Frauen angewendet werden. Die "kulturellen Studien" zur Integration von Soldatinnen würden anderswo gemacht. Und Zambraski, der Militärmediziner, merkt an, zu viele Soldaten erlitten im Einsatz "muskuläre Verletzungen", die hiesigen Tests könnten da Abhilfe schaffen. Der ganze Aufwand allein wegen Muskelkunde? Ohne ein bisschen Tarnung scheint die Frauen-Revolution nicht zu laufen.

Im Video: Die Kraft-Tricks der Frauen

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"Die richtige Person für den passenden Job" finden, das sei das Ziel, sagt Murray. Man könne es sich nicht erlauben, mit den Frauen eine Bevölkerungsgruppe einfach auszuschließen. Vielfalt sei schließlich schon immer die Stärke des Landes gewesen, meint der Generalmajor. Stellvertretend für das große Ganze sieht er seine Basis:

"Am ersten Tag war es hier wie beim Highschool-Tanz: Die Soldatinnen standen auf der einen Seite, die Soldaten auf der anderen. Aber jetzt, eine Woche später, haben sie Teams gebildet."

Und dann gibt es wohl auch noch einen ganz profanen Grund: Fachkräftemangel. Nur ein Viertel aller Highschool-Absolventen erreiche die Standards der Armee, so Murray. Und das Militär sei eben nur einer von vielen Arbeitgebern, die um "die Besten und Cleversten werben". Frauen willkommen.

Allerdings, auch das ist klar: Die wenigsten haben tatsächlich Interesse an einem Einsatz an vorderster Linie. Eine Umfrage des Militärs unter Soldatinnen ergab, dass nur 7,5 Prozent von ihnen freiwillig in den Kampfeinsatz ziehen würden.

Nartrish Lance atmet schwer, guckt aber ganz glücklich. Schon seit 21 Jahren ist sie dabei, mittlerweile im Rang eines Hauptmanns, und dennoch hat sie gerade 28 Munitionsboxen quer durch die Halle geschleppt. Warum eigentlich? "Weil ich die Chance habe, hier Geschichte zu schreiben als eine der ersten Frauen, die diesen Test machen." Sie wolle an der Entwicklung jener Kriterien mitwirken, "die Frauen zu einem Teil der Kampftruppen machen". Ja, sehr stolz sei sie auf das alles hier, stolz darauf, "wie weit wir Frauen gekommen sind".

Muskuläre Schwierigkeiten erwähnt die 40-Jährige übrigens mit keinem Wort.


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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 76 Beiträge
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1. Frauen sollen Leben schenken...
Ernie 01.04.2014
...und nicht Leben nehmen! Ekelhaft!
2. Grundsätzlich ja....ABER....
spon-facebook-10000140154 01.04.2014
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEKann eine Soldatin kämpfen wie ein Mann? Hat sie die Kraft, die Ausdauer? Die US Army will Frauen ab 2016 auch in Kampftruppen einsetzen. In Georgia werden nun Fitnessgrenzen definiert, die für alle gelten sollen - egal welchen Geschlechts. http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-armee-obama-will-frauen-in-kampfeinsaetze-schicken-a-958709.html
wir wissen aus vielen Sportarten die Kraft benötigen dass trainierte Frauen besser sind als durchschnittlich trainierte Männer in der gleichen Sportart aber lange nicht so gut wie überdurchschnittlich trainierte Männer...........
3. die armen Taliban...
prisma-4d 01.04.2014
es ist schon frustrierend sich selbst in die Luft jagen zu müssen um es dem Feind zu "zeigen". Wenn dann die Gegner noch nicht mal Männer sind... dann macht der ganze Djihad keinen Spaß mehr. Mädls weiter so, wir suchen schon lange eine genderübergreifende Bezeichnung für Gefallene. Gefallinnen kanns ja nicht sein. Nähern wir uns der Gleichmacherei von der andern Seite, denn im Tod, so sagt man sind alle Menschen gleich!
4.
Boone 01.04.2014
Zitat von Ernie...und nicht Leben nehmen! Ekelhaft!
So ist es. Das dürfte wohl dann der Sargnagel zur psychologischen Verwahrlosung einer ganzen Nation sein. Der für diesen Wahnsinn zu bezahlende Preis, wird die bekannten Maßstäbe sprengen.
5. Leicht beantwortet
Benutzernameoptional 01.04.2014
"Kann eine Soldatin kämpfen wie ein Mann?" Das könnte sie. Aber nur mit dem Körper eines Mannes. Also: Nein. Und für den nächsten Artikel an gleicher Stelle: Kann ein Mann wie eine Frau Kinder gebären? Ja könnte er. Aber nur mit dem Körper einer Frau. Also: Nein.
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