US-Außenminister John Kerry: Vom Kriegsfeind zum Kriegsfreund

Von , New York

US-Minister Kerry: "Gesicht amerikanischer Intervention" Zur Großansicht
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US-Minister Kerry: "Gesicht amerikanischer Intervention"

John Kerry trommelt, während Präsident Obama taktiert: Der US-Außenminister wirbt lautstark für einen Militärschlag gegen das Assad-Regime. Es ist die jüngste Wandlung des Vietnam-Veterans und einstigen Kriegsgegners. Der Wahlverlierer von 2004 hofft so, sein Vermächtnis zu retten.

Am Sonntag gelang John Kerry ein seltenes Kunststück: Der US-Außenminister erschien in fünf Talkshows gleichzeitig - auf ABC, CBS, NBC, CNN und Fox News. Flankiert von einem Sternenbanner, warb er überall wortgleich für einen Militärschlag gegen das syrische Regime.

Eine frappierende Häutung: Kerry, der Vietnam-Veteran und einstige Anti-Kriegs-Aktivist, ist plötzlich das "Gesicht amerikanischer Intervention" ("New York Times"). Während sich Präsident Barack Obama in der öffentlichen Debatte betont bedeckt hält und nur am Samstag für exakt zehn Minuten vor die Kameras trat, fällt es Kerry zu, die moralischen wie politischen Argumente der USA vor aller Welt auszurollen.

Zuletzt also am Sonntag. Da nannte Kerry das Giftgas, das bei Damaskus eingesetzt worden sein soll, erstmals beim Namen: Sarin. Er verteidigte Obamas Entscheidung, vor einem Militärschlag erst den Kongress zu fragen. Er deutete aber auch an, dass Obama ohne den Kongress handeln könnte. Er zog historische Parallelen: "Baschar al-Assad reiht sich in eine Liste mit Adolf Hitler und Saddam Hussein ein."

Ein unglücklicher Vergleich, zugegeben. Ist es doch die böse Erfahrung im Irak, die viele Amerikaner - und US-Alliierte wie Großbritannien - jetzt so skeptisch macht. Auch für Kerry bleibt der Irak-Krieg ein heikles Thema: Als Senator war er erst dafür, "bevor ich dagegen stimmte" - ein Satz, der dazu beitrug, dass er 2004 die Präsidentschaftswahl verlor.

Kerrys Wandlung vom Kriegsheld zum Kriegsfeind zum Kriegspropagandist verlief immer schon holprig. Ganz los kam er vom Krieg nie: Er kostete ihn erst fast das Leben und dann seinen größten Traum, das Weiße Haus. Und jetzt bietet er ihm eine wohl letzte Gelegenheit, sein politisches Vermächtnis zu korrigieren.

Als Sprachrohr seines kühlen Chefs trommelt Kerry für den Syrien-Einsatz, nach außen und hinter den Kulissen, in Endlos-Telefonaten mit Kollegen wie Prinz Saud al-Faisal, dem saudi-arabischen Außenminister. Er tut das mit emotionaler Autorität: Seine Stirnadern treten hervor, wenn er, wie am Freitag, von 426 toten Kindern spricht, "Seite an Seite auf dem Boden". Seine Stimme bebt. Er pocht aufs Pult.

Vom Pechvogel zum Staatsmann

Für den alten Polit-Hasen, der seine ersten Monate als Außenminister eher im Hintergrund verbrachte, sind das ganz neue Saiten. Die Krise offenbart Kerry, den Staatsmann. Es ist ein Format, das er selbst im Wahlkampf 2004 nur selten zeigte - und das manche an Obama vermissen. Da gerät einem auch schon mal die Anrede durcheinander, wie dem Demokraten-Senator Chris Murphy am Sonntag auf NBC: "Ich stimme Präsident Kerry zu."

Verdient hätte er es. Schließlich ist Kerry, 69, seit mehr als vier Jahrzehnten gut im Geschäft. Als er 1972 seinen ersten - erfolglosen - Kongresswahlkampf führte, war Obama zwölf.

Es waren jene Jahre, die Kerry prägten. Er diente in Vietnam, wurde verletzt, bekam Verdienstorden. Als er heimkehrte, war er Kriegsgegner. 1971 saß er in Uniform vor dem Senats-Außenausschuss - den er später selbst leitete - und fragte: "Wie bittet man einen Mann, als Letzter für einen Fehler zu sterben?"

Vietnam und der Irak als politisches Verhängnis

Kriege verfolgten Kerry. Als Senator segnete er 2003 die Irak-Invasion ab - nur um sich ein Jahr später als Präsidentschaftskandidat von dieser "katastrophalen Entscheidung" zu distanzieren. Um nicht als "Schwächling" dazustehen, umgab er sich beim Wahlparteitag in Boston mit Tausenden Kriegsveteranen.

Doch das Etikett des Wankelmütigen klebte. Hinzu kam die Schmutzkampagne einer Gruppe von Vietnam-Veteranen ("Swift Boat Veterans for Truth"), die Kerrys Kriegsverdienste diskreditierten. Vietnam und der Irak wurden ihm so zum politischen Verhängnis, und er musste seine präsidialen Ambitionen begraben.

Stattdessen stieg vier Jahre darauf ein junger Senator - der sich auf Kerrys Parteitag 2004 erstmals mit einer brillanten Rede profiliert hatte - als neuer Parteistar auf: Barack Obama.

So schließt sich der Kreis. Syrien ist für Obama eine schwere Bewährungsprobe - und Kerrys große Chance, nicht mehr nur als Wahlverlierer in die Geschichte einzugehen.

Ständiger Mahner für einen Militärschlag

Im Zirkel um Obama ist Kerry einer der aggressivsten Befürworter eines Militärschlags gegen das syrische Regime. Ganz im Geiste seiner Vorgängerin Hillary Clinton, die Obama ebenfalls lange darauf gedrängt hatte. Kerry ist sogar militanter als manche im US-Generalstab, die davor warnen, sich in Syrien zu überheben.

Es bleibt ein Risiko. Nicht ohne Grund hebt Kerry immer wieder hervor, dass Syrien nicht mit dem Irak vergleichbar sei. Er weiß nur zu gut, dass der damalige Außenminister Colin Powell seinen guten Ruf mit jenem Krieg nachhaltig verspielte: Seine berüchtigte Präsentation vor dem Uno-Sicherheitsrat im Februar 2003, die auf manipulierten "Beweisen" beruhte, nannte Powell später seinen "größten Schandfleck".

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1. So, so
tanmenu 02.09.2013
Zitat von sysopJohn Kerry trommelt, während Präsident Obama taktiert: Der US-Außenminister wirbt lautstark für einen Militärschlag gegen das Assad-Regime. Es ist die jüngste Wandlung des Vietnamveterans und einstigen Kriegsgegners. Der Wahlverlierer von 2004 hofft so, sein Vermächtnis zu retten. US-Außenminister John Kerry - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-aussenminister-john-kerry-a-919795.html)
Der Einsatz von Giftgas ist also gaaaanz schlimm. Was wollten eigentlich die Amis mit ihren Chemiewaffen machen? Selber inhalieren?
2. Na dann los!
fuchs008 02.09.2013
Was will uns der Artikel sagen? Dass Kerry es sich durch jahrelanges Politiker-Sein "verdient" hat, auch mal Kriegsherr zu sein? Damit Kerry von den Amerikanern nicht mehr als "wankelmütig" wahrgenommen wird? Na wenn das keine Kriegsgründe sind! Schmeisst die Bomben auf Damaskus!
3. Besorgniserregende Gestik
herr_kleint 02.09.2013
Zitat von sysopJohn Kerry trommelt, während Präsident Obama taktiert: Der US-Außenminister wirbt lautstark für einen Militärschlag gegen das Assad-Regime. Es ist die jüngste Wandlung des Vietnamveterans und einstigen Kriegsgegners. Der Wahlverlierer von 2004 hofft so, sein Vermächtnis zu retten. US-Außenminister John Kerry - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-aussenminister-john-kerry-a-919795.html)
Das von der Redaktion gewähle Foto erinnert mich an einen Hirten, der seinen Schafen von seiner Vision der Welt predigt. In einigen distopischen PC-Spielen oder auch Hollywoodstreifen wird diese Gestik gerne auch einem bösen Dispoten zugeschrieben.
4. Ich hoffe,
mitverlaub 02.09.2013
daß Obama genau das macht, was das amerikanische Volk sich wünscht, nämlich keinen Syrienangriff. Hoffentlich zeigt auch der Kongress in diese Richtung und plädiert für eine diplomatische Lösung. Man sollte sofort die Hilfe für die Rebellen einstellen, dann ist der Krieg sehr schnell beendet. Nach Assad würden die Radikalen an die Macht kommen, und was das heißt, haben viele "Ungläubige" in diesem Krieg ja schon erlebt. Schon in Afghanistan haben die Amerikaner Al Quaida zur Macht verholfen, sie sollten jetzt nicht den gleichen Fehler machen, denn die Terroristen reiben sich schon die Hände um zur Schlacht an Ungläubigen, Andersdenkenden, vor allen Christen äberzugehen.
5. Dino
Europa! 02.09.2013
Zitat von sysopJohn Kerry trommelt, während Präsident Obama taktiert: Der US-Außenminister wirbt lautstark für einen Militärschlag gegen das Assad-Regime. Es ist die jüngste Wandlung des Vietnamveterans und einstigen Kriegsgegners. Der Wahlverlierer von 2004 hofft so, sein Vermächtnis zu retten. US-Außenminister John Kerry - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-aussenminister-john-kerry-a-919795.html)
Seine Meinung zu ändern, ist keine Schande. Aber seine Meinung immer wieder zum falschen Zeitpunkt in die falsche Richtung zu ändern ist nicht akzeptabel. Kerry ist ein Fossil. Er scheint es bloß noch nicht zu wissen.
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