Bürgerkrieg im Irak Außenminister Kerry stellt Bedingungen für US-Hilfe

Die USA verlegen Schiffe in die Krisenregion, aber sie zögern, direkt im Irak einzugreifen. So zersplittert, wie das Land derzeit ist, lässt es sich kaum befrieden. US-Außenminister Kerry rief Bagdad dazu auf, die Differenzen im Land zu überwinden.

Flugzeugträger U.S.S. "George H.W. Bush" (Archivbild) : Flexibilität gewinnen
AP

Flugzeugträger U.S.S. "George H.W. Bush" (Archivbild) : Flexibilität gewinnen


Bagdad/Washington - Die USA haben den Irak zu Geschlossenheit im Kampf gegen die vorrückenden Extremisten aufgerufen. Der amerikanische Außenminister John Kerry forderte in einem Telefonat mit seinem irakischen Kollegen Hoschjar Sebari mehr Anstrengungen zur Einigung des Landes, wie Kerrys Ministerium am Samstag mitteilte. Die Unterstützung der Vereinigten Staaten könne nur dann erfolgreich sein, wenn die Anführer der verschiedenen Gruppen im Irak ihre Differenzen überwinden.

Dies sei unbedingt notwendig, um die Bedrohung durch die Extremisten-Gruppe "Islamischer Staat im Irak und der Levante" (Isis) abzuwehren. Kerry verlangte, die Ergebnisse der jüngsten irakischen Parlamentswahlen nun rasch umzusetzen und eine neue Regierung zu bilden.

Die Ursache der Gewalt sieht auch der frühere britische Premierminister Toni Blair in der Politik der irakischen Regierung. Er warf Ministerpräsident Nuri al-Maliki vor, die "einmalige Chance" verpasst zu haben, "einen geeinten Irak aufzubauen". Die sunnitischen Minderheit im Irak fühlt sich von der Regierung unter dem schiitischen Regierungschef benachteiligt.

Widerstand formiert sich

Als Reaktion auf das massive Vorrücken der Isis-Terrorbrigaden haben die USA einen Flugzeugträger in die Region geschickt. Die U.S.S. "George H.W. Bush" sei bisher im Arabischen Meer stationiert gewesen und solle am Sonntag den Persischen Golf erreichen, wie das Pentagon in Washington mitteilte. Begleitet werde das Schiff von einem mit Raketen bestückten Kreuzer und einem Zerstörer. Damit solle Präsident Barack Obama zusätzliche Flexibilität gegeben werden, "sollten militärische Optionen nötig werden, um das Leben von Amerikanern, Bürgern und Interessen im Irak zu schützen".

Obama hatte zuvor eine Rückkehr von US-Kampftruppen in den Irak ausgeschlossen, sich zugleich aber andere militärische Optionen offengehalten. Die oppositionellen Republikaner riefen Obama zu einem entschiedeneren Vorgehen auf. John McCain, einflussreicher Senator aus Arizona, drängte Obama zu sofortigen Luftangriffen, um den Vormarsch der Dschihadisten zu stoppen.

Derweil wächst im Irak selbst nach Medienberichten der Widerstand gegen die auf Bagdad vorrückenden Islamisten. Im Irak erklärten sich Tausende Freiwillige zum Widerstand gegen die sunnitische Terrororganisation bereit. Allein in Nadschaf würden 100.000 Rekruten für die Aufnahme in die irakische Armee erwartet, berichtete "Al-Sumaria News" am Samstag.

Steinmeier schließt Kriegsbeteiligung aus

Viele Freiwillige seien dem Aufruf des irakischen Großajatollahs Ali al-Sistani gefolgt, der vor allem seine Glaubensbrüder aufforderte, schiitsche Heiligtümer im Land vor den sunnitischen Isis-Kämpfern zu beschützen.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) rief die Staaten der Region auf, Verantwortung zu übernehmen. Dabei nannte er auch den Iran, der der irakischen Zentralregierung bereits Unterstützung im Kampf gegen die sunnitische Terrororganisation Isis zugesagt hat.

"Wir müssen verhindern, dass jetzt auch noch auf irakischem Boden ein Stellvertreterkrieg der regionalen Mächte ausbricht", sagte er der "Welt am Sonntag". "Alle Nachbarn - Saudi-Arabien, die Golfstaaten, die Türkei, übrigens auch der Iran - können kein Interesse daran haben, dass sich jenseits Syriens in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft ein riesiger herrschaftsloser Raum entwickelt, der zum Tummelplatz für Söldnergruppen, Islamisten jedweder Couleur und Terroristen wird."

Eine Beteiligung Deutschlands an den Kämpfen schloss Steinmeier kategorisch aus. "Ich kann mir keine Konstellation vorstellen, in der deutsche Soldaten dort zum Einsatz kommen", sagte er.

Ziel ist ein sunnitischer Gottesstaat

Die Terrorgruppe Isis kämpft gegen Schiiten, die sie als "Abweichler" von der "wahren" (sunnitischen) Lehre des Islam ansehen. Im Irak fühlen sich viele Sunniten seit Jahren von der schiitisch dominierten Regierung in Bagdad diskriminiert. Deswegen fiel der Terrormiliz der Vormarsch zunächst leicht. Isis rückte seit Anfang der Woche auf Bagdad vor und brachte mehrere Städte unter ihre Kontrolle, darunter die nördliche Millionenmetropole Mossul. Aus verschiedenen Richtungen wollen Isis-Kämpfer nun Bagdad umzingeln und in die Stadt einziehen.

Ziel der Terrortruppe ist ein sunnitischer Gottesstaat vom östlichen Mittelmeer bis zum Persischen Golf. Nach Uno-Angaben wurden bei Kämpfen in den vergangenen Tagen mehrere Hundert Zivilisten getötet und etwa 1000 verletzt. Berichte über Massenhinrichtungen durch Isis-Extremisten lösten international Entsetzen aus. Isis selbst verbreitet im Internet Fotos von exekutierten Klerikern und irakischen Soldaten. Hunderttausende Iraker sollen auf der Flucht sein.

Nach Medienberichten vom Samstag konnten kurdische und irakische Truppen den Vormarsch von Isis jedoch gebietsweise stoppen. Mehrere Städte, die die extremistischen Kämpfer seit Dienstag erobert hatten, seien wieder befreit worden. So habe die irakische Armee die Städte Samarra und Tikrit unter Kontrolle und fliege Luftangriffe auf Isis-Stellungen in Mossul, berichtete "Al-Sumaria News". Über 200 Isis-Kämpfer seien dabei getötet worden.

Unruhen im Irak

mik/dpa/afp



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insgesamt 135 Beiträge
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sapereaude! 15.06.2014
1. Hoffnung?
Zitat von sysopREUTERSDie USA verlegen Schiffe in die Krisenregion, aber sie zögern, direkt im Irak einzugreifen. So zersplittert, wie das Land derzeit ist, lässt es sich kaum befrieden. US-Außenminister Kerry rief Bagdad jetzt dazu auf, die Differenzen im Land zu überwinden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-aussenminister-kerry-ruft-irak-zur-geschlossenheit-auf-a-975268.html
Hoffentlich war Steinmeyers Vorstellungskraft ausreichend, sodass sie alle Eventualitäten im Irak abdeckt! Ansonsten steht zu befürchten, das seinen üblichen Gang geht und dass doch deutsche Soldaten ihren Kopf hinhalten müssen. (So ähnlich, wie wenn die Kanzlerin "voll hinter" einem Minister steht. Oder ein Vereinsvorstand in der Bundesliga hinter seinem Trainer.) Hier könnte doch der Verfassungsschutz seine Liste extremistischer Islamisten nutzen und die in den Irak oder nach Syrien schicken. In deren Reihen finden sich bestimmt ein paar Idealisten, die - wie Gauck auch - bereit sind, sich für ihre Ideale einzusetzen.
danielkrautk 15.06.2014
2. Nun ruft Steinmeier u.a. auch den Iran auf....
Das eine Baustelle der USA und der Koalition der Willigen und sonst von gar keinem. Es hilft eben nicht nur die Rohstoffe zu sichern. Sobald ISIS weitere Ölquellen erobert werden die USA schon eingreifen. Unglaublich was für eine Politik diese Heuchler betreiben.
Helote 15.06.2014
3. Die wahren Schuldigen !
Das haben die dämlichen Amis ja wieder gut hinbekommen - und dafür sind US Soldaten gestorben und Milliarden ausgegeben worden . Glückwunsch , Fortsetzung folgt in Afghanistan usw.
Mr.Bushkin 15.06.2014
4.
Zitat von sysopREUTERSDie USA verlegen Schiffe in die Krisenregion, aber sie zögern, direkt im Irak einzugreifen. So zersplittert, wie das Land derzeit ist, lässt es sich kaum befrieden. US-Außenminister Kerry rief Bagdad jetzt dazu auf, die Differenzen im Land zu überwinden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/us-aussenminister-kerry-ruft-irak-zur-geschlossenheit-auf-a-975268.html
Ohne einen umfassenden Ausbau des Bildungssystems, der Wirtschaft und des Gesundheitswesens lässt sich Irak bei der Masse an Waffen eh schwer befrieden.
professor.alois 15.06.2014
5. Terroristen oder Aufständische..?
Vergleichen wir mal den "Terror" der ISIS mit dem Chaos, das die USA dem Irak gebracht haben. Dann noch all die unschuldigen Zivilisten die verbombt wurden und all die Folterungen. Zudem noch die illegalen Drohnenangriffe in vielen Länderen. Nun noch all die Verbrechen der Maliki-Regierung. Sind nun diese Leute Terroristen oder Aufständische und wer hat schlussendlich mehr Blut an den Händen?
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