Massenproteste in arabischer Welt: USA fürchten Wut der Muslime

Libyen, Jemen, Ägypten: Das Schmäh-Video über den Propheten Mohammed hat eine Welle der Gewalt ausgelöst. US-Außenministerin Clinton beteuert, ihre Regierung habe absolut nichts mit dem Film zu tun. "Für uns, für mich persönlich, ist das Video widerlich und verwerflich."

Demonstranten vor der US-Botschaft in Sanaa: Video soll Wut provozieren Zur Großansicht
REUTERS

Demonstranten vor der US-Botschaft in Sanaa: Video soll Wut provozieren

Washington/Berlin/Kairo - US-Außenministerin Hillary Clinton hat sich von dem Hass-Film über den Propheten Mohammed klar distanziert. "Die Regierung der Vereinigten Staaten hat absolut nichts mit diesem Video zu tun", sagte sie. Washington lehne dessen Inhalt und Botschaft uneingeschränkt ab. "Für uns, für mich persönlich ist das Video widerlich und verwerflich", ergänzte Clinton.

Der Film wurde in den USA produziert. Wer dahinter steckt, ist noch unklar. Das Video zeigt den Propheten des Islam als Mörder, Kinderschänder und Frauenheld. Im Islam ist die Darstellung Gottes oder des Propheten Mohammed verboten. Die US-Außenministerin sagte, das Video scheine den "zutiefst zynischen Zweck" zu haben, eine große Religion zu verunglimpfen und Wut zu provozieren.

Clinton reagierte damit auf die eskalierende Gewalt, die das Video ausgelöst hat - eine Welle des Hasses breitet sich seit Tagen in der arabischen Welt aus. In Libyen, Jemen und Ägypten attackierten gewalttätige Demonstranten US-Einrichtungen. Das rief auch die Verbündeten der USA auf den Plan: Saudi-Arabien verurteilte die Gewalt, Israel distanzierte sich von dem Video. "Der Film ist abscheulich", sagte der Sprecher des Außenministeriums. Auch Russlands Präsident Wladimir Putin missbilligte den Angriff auf das US- Konsulat in Libyen.

US-Präsident Barack Obama ordnete seine Behörden an, alles zu tun, was nötig sei, um Amerikaner im Ausland zu schützen. Er und seine Mitarbeiter seien in Kontakt mit anderen Regierungen, um "sie wissen zu lassen, dass sie die Verantwortung haben, unsere Bürger zu schützen".

Drei Tote im Jemen

Die Attacken auf US-Einrichtungen dauerten am Donnerstag an. Im Jemen stürmten Hunderte Demonstranten die US-Botschaft in der Hauptstadt Sanaa. Sie riefen: "Wir opfern uns für dich, Gesandter Gottes." Wachleute mussten die aufgebrachte Menge zurückdrängen, Sicherheitskräfte gaben Schüsse ab.

Wie die Nachrichtenagentur dpa unter Bezug auf Behörden berichtete, wurden drei Angreifer erschossen. Mehr als 30 Menschen erlitten Verletzungen. Die Protestierenden hatten Autoreifen angezündet.

Mehr als 200 Verletzte in Ägypten

Auch in Kairo gab es Krawalle. Gewalttätige Demonstranten und Polizisten lieferten sich vor der US-Botschaft in der ägyptischen Hauptstadt Straßenschlachten. Dabei wurden mehr als 200 Menschen verletzt, meldete dpa. Die Nachrichtenagentur bezog sich auf Berichte von Augenzeugen und Krankenhausärzten.

Unter den Verletzten seien auch zahlreiche Polizisten, hieß es. Die Demonstranten, die gegen den Schmäh-Film über Mohammed protestierten, warfen Steine. Die Polizei setzte Tränengas ein.

Ägyptens Präsident Mursi verurteilte die Gewalt gegen US-Vertretungen - auch mit Blick auf die Freitagsgebete. Allerdings forderte er die USA zu "ernsthaften Schritten" gegen den islamfeindlichen Videofilm auf.

Deutschland erhöht Sicherheitsmaßnahmen

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) verurteilte die wütenden Proteste gegen US-Einrichtungen in der islamischen Welt. "Kein noch so schlimmes Pamphlet im Internet rechtfertigt Gewalt, Mord und Totschlag", sagte er. Er forderte die entsprechenden Länder auf, den Schutz der Auslandsvertretungen sicherzustellen. Es sei wichtig, dass Diplomaten ihre Arbeit in den Gastländern ohne Angst verrichten könnten.

"Ich bin natürlich auch in Sorge um die Sicherheit unserer eigenen Landsleute", so Westerwelle. Er habe eine Verstärkung der Sicherheit an den deutschen Auslandsvertretungen in einigen Ländern veranlasst. Wo genau, wollte er nicht sagen - "aus nachvollziehbaren Gründen".

Libysche Demonstranten entschuldigen sich für Attentat

Seit Dienstag gibt es in zahlreichen Ländern Proteste gegen den US-Film, in dem der Prophet Mohammed verunglimpft wird, dabei kam es in Libyen und Ägypten zu blutigen Ausschreitungen. Das amerikanische Konsulat im libyschen Bengasi war am Dienstag mit Raketen und Granaten angegriffen worden. US-Botschafter Chris Stevens und drei Mitarbeiter wurden getötet, auch mehrere libysche Sicherheitskräfte starben. Der Angriff ereignete sich am Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 - ein für islamistische Terroristen symbolisches Datum.

Libysche Ermittler haben nach den tödlichen Angriffen mehrere Verdächtige festgenommen und vernommen. Laut CNN handelt es sich um mehrere Libyer.

Am Mittwochabend verurteilten einige Dutzende Libyer in Bengasi das Attentat. Einige hielten Plakate hoch, teils mit englischer Aufschrift: "Verbrecher und Killer stehen weder für Bengasi noch für den Islam", hieß es zum Beispiel. Ein anderer Demonstrant entschuldigte sich: "Sorry, Leute von Amerika - das ist nicht das Verhalten unseres Islams." Ein junger Mann schrieb: "Chris Stevens war ein Freund für alle Libyer."

Iranischer Religionsführer droht USA

In Iran hat ein hochrangiger Religionsführer den USA mit Vergeltung gedroht. Das Schmäh-Video sei "ein teuflischer Akt", sagte Ajatollah Nouri Hamedani in einer Erklärung, die die iranische Nachrichtenagentur Ilna verbreitete. "Die Muslime weltweit werden nicht stillhalten, und die USA müssen sich in dieser Hinsicht auf noch harschere Reaktionen einstellen." In Teheran hatten am Donnerstag bereits rund 500 Islamisten lautstark den Tod des Filmemachers gefordert. Hunderte Wachleute hielten sie davor zurück, die Schweizer Botschaft zu stürmen, die die Interessen der USA im Iran vertritt.

Es wird befürchtet, dass die antiamerikanischen Proteste nach dem Freitagsgebet einen neuen Höhepunkt erreichen werden.

heb/lgr/Reuters/AP/dpa

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insgesamt 212 Beiträge
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1. Als Kino-Fan bin ich von diesem billigen Film nicht begeistert
teredonavalis 13.09.2012
Zitat von sysopREUTERSLibyen, Jemen, Ägypten: Das Schmäh-Video über den Propheten Mohammed hat eine Welle der Gewalt ausgelöst. US-Außenministerin Clinton beteuerte, ihre Regierung habe absolut nichts mit dem Film zu tun. "Für uns, für mich persönlich, ist das Video widerlich und verwerflich." http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,855680,00.html
Als Kino-Fan bin ich von diesem billigen Film nicht begeistert. Ich bemängle allerdings die Tatsache, dass Frau Clinton nicht erwähnt, dass die USA ein demokratisches Land ist, wo die Meinungsfreiheit noch nicht aufgehoben wurde. Nach der herrschenden Gesetzeslage der USA, hat jeder US-Bürger das Recht, auch ein billiges Film zu produzieren, solange er die Gesetze der USA nicht verletzt.
2. Wie sagte Frau Clinton gestern
blaudistel 13.09.2012
kopfschüttelnd: " ... und diesen Leuten haben wir die Freiheit gebracht ...!" O.T. Zur Provokation gehören zwei. Einer der provoziert und einer der darauf reagiert. Beide wohl nicht besonders helle aber man kann sich des Eindrucks nicht erwehren dass der Film ein gefundenes Fressen für die Radikalen ist ...
3. Es fliegt ein Bumerang
robert.haube 13.09.2012
Man kann den Tumult um das Video nur verstehen, wenn man dieses Machwerk als einen Tropfen sieht, der ein Fass zum überlaufen gebracht hat. Die Gesellschaften in der gesamten muslimischen Welt sind durch ihre ungebremste Bevölkerungsexplosion derart unter permanentem innerem Stress, dass latentes und wachsendes Potential zur Revolte besteht. Und die US-Außenpolitik mit ihrem permanenten Setzen auf gewaltsame Lösungen im nahen und mittleren Osten - und damit Feindbild- bekommt eben jetzt einen Bumerang zurück.
4. Religion??
tauschspiegel 13.09.2012
Zitat von sysopREUTERSLibyen, Jemen, Ägypten: Das Schmäh-Video über den Propheten Mohammed hat eine Welle der Gewalt ausgelöst. US-Außenministerin Clinton beteuerte, ihre Regierung habe absolut nichts mit dem Film zu tun. "Für uns, für mich persönlich, ist das Video widerlich und verwerflich." http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,855680,00.html
*** das sich diese gewalttätigen Fanatiker auf religiöse Gefühle und deren Verletzung berufen können ist eine Schande. Leider wird dies sogar in westlichen Medien gedankenlos übernommen. Kein geistig-religiöser Mensch, der nur halbwegs das Wesen des Glaubens/Religion verstanden hat, würde sich je von so unwichtigen Videos etc. zu Gewalt und Hass provozieren lassen. Im Gegenteil. Mit Religion hat also dieses ganze Theater nichts zu tun - aber viel mit unterdrückter Angst, Frust, Adrenalin, Herdentrieb und Minderwertigkeitskomplexen - und das sollte endlich mal klar gesagt und deutlich gemacht werden - auch von den muslimischen Geistlichen, die sich von jeglicher Gewalt ausdrücklich distanzieren müssen, wenn es ihnen wirklich ernst ist mit Glauben und Frieden. Aber sich für den Frieden und der Herstellung rechter Beziehungen zwischen den Menschen einzusetzen ist immer schwerer und auch gefährlicher als den Kopf in den Sand zu stecken...
5. Nun vielleicht sind ja
Jay's 13.09.2012
jetzt einige zufrieden besonders die, die das Video gemacht, veroeffentlicht und unterstuetzt haben. Es war wohl klar, wie die Reaktion darauf sein wuerde, wenn man sich Reaktionen auf Mohammed Beleidigungen in der Vergangenheit ansieht. Ich persoenlich kann das nicht verstehen, da ich kein Moslem bin und Religion fuer mich eins der groessten Uebel ist. Jedoch ist in der momentanen angespannten Situation insbesondere der westlichen Laender mit christlichem Hintergrund und dem mittleren Osten solch ein Video Oel ins Feuer werfen. Das Einzige, was getan werden kann, ist sich von dem Video und deren Aussage zu distanzieren. Es sieht auch so aus, als waere das Video manipuliert worden, da selbst die Schauspieler nicht wussten, was dort gezeigt wurde und offensichtlich der Text geaendert wurde (CNN).
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Fläche: 536.869 km²

Bevölkerung: 24,053 Mio.

Hauptstadt: Sanaa

Staatsoberhaupt:
Abd Rabbuh Mansur al-Hadi

Regierungschef: Mohammed Basindawa (abgesetzt September 2014)

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